Absatz und gelbe Schuhe
„Ich stehe mit M.
(guter Bekannter, guter Tänzer) am Rand der Tanzfläche, und wir beobachten das
Geschehen.
‚Bevor ich eine Frau auffordere, schaue ich erst, wie sie tanzt, dann
entscheide ich, ob ich sie auffordere‘, sagt M. zu mir.
‚Und wenn sie die ganze Zeit sitzt und nicht tanzt?‘ will ich wissen, ‚Was
machst Du dann?‘
‚Dann schaue ich auf ihre Schuhe! Tangoschuhe? High Heels? Könnte was werden,
einfache Tanzschuhe – hm, wahrscheinlich keine Tangotänzerin, flache Schuhe
oder gar so Turnschuhe – nein! Die hat wahrscheinlich erst angefangen und kann
noch keine Achse halten, ja und barfuß is‘ mir zu neo!‘ M. lacht, aber ich
befürchte, dass er es genau so meint.“
„Vor allem für Frauen ist der Schuhwechsel ein Initiationsritus. Viele betreten eine Milonga mit bequemeren oder gar flachen Schuhen; ihre High Heels verwahren sie in speziellen Schuhtaschen. Die Schuhe sind im Design extravagant und vielfältig, bilden oft das Gesprächsthema des Abends und erfreuen bisweilen das Auge. Mit der Symbolik der hochhackigen Tanzschuhe gehen Attribute einher, die traditionell den populären Begriff des Tango beschreiben: Eleganz, Weiblichkeit, Leidenschaft und Erotik.“
https://www.der-theaterverlag.de/tanz/aktuelles-heft/artikel/verwandlung/
Schuhe – vor allem der Frauen – scheinen ein wichtiges soziales Signal darzustellen. Die Zweckmäßigkeit spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Sie müssen auch nicht immer elegant sein:
Derzeit amüsiere ich mich über die neue Mode, in klumpigen weißen Sneakers rumzurennen – und das sogar geschlechterübergreifend. Neulich verfolgte ich kurz das Experten-Gequatsche, welches die Fernsehstationen bereits Stunden nicht nur vor einem Weltmeisterschafts-Spiel senden: Von einem guten halben Dutzend Gästen hatten (mit einer Ausnahme) alle diese Dinger an den Füßen. Es sah aus, als wären sie durch Schlagsahne ins Studio gewatet.
Für mich sind seit Jahrzehnten der Gipfel der Eleganz schwarze Halbschuhe – am besten von englischen Herstellern. Inzwischen habe ich große Schwierigkeiten, solche Dinger in normalen Geschäften zu finden. Einzig beim Tango bevorzuge ich Sneakers – allerding in Schwarz.
Friedrich Dürrenmatt hat solche Massen-Effekte in seinem Drama „Der Besuch der alten Dame“ beschrieben. Bekanntlich reist diese – inzwischen höchst wohlhabend – in ihrer einstigen Heimatstadt an, um Rache an ihrem Ex-Geliebten zu nehmen, der sie damals samt Kind sitzenließ und mit Hilfe bestochener Zeugen die Vaterschaft leugnete. Eine Milliarde wolle sie ihrer verarmten Vaterstadt spenden, falls einer den Ex-Partner umbrächte.
Obwohl man dies offiziell heftig zurückweist, beginnen die Leute bereits Kredite auf das Ableben ihres Mitbürgers aufzunehmen, was der Autor mittels nagelneuer gelber Schuhe andeutet, die sich immer mehr Kunden leisten können. Einzig der örtliche Lehrer, der sich als „Humanist“ zu Gewissensbissen verpflichtet fühlt, wagt es, die Wahrheit auszusprechen. Allerdings nur im Suff, so dass es keiner ernstnimmt.
Schließlich kommt der Ex-Partner der Alten Dame um – „Herzschlag aus Freude“, wie der Amtsarzt diagnostiziert. Die Stadt ist gerettet!
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Besuch_der_alten_Dame
Der Konformismus greift auch im heutigen Tango immer mehr um sich – glücklicherweise ohne solch drastische Folgen. Wer sich aber nicht so verhält, nicht so tanzt wie alle, wer einen anderen Musikgeschmack hat, kriegt ernsthafte Probleme. Stets mit dem Argument, die Mehrheit sehe das anders. Wer solche „Abstimmungen mit den Füßen“ organisiert, wird lieber nicht gesagt.
Neulich schrieb ein Kommentator:
„Lieber Riedl,
es ist fast schon tragikomisch zu beobachten, wie verzweifelt Sie hier
versuchen, die totale intellektuelle und soziale Isolation in der Tangoszene
als triumphale ‚Aufklärung‘ umzudeuten. Wenn Ihnen die gesamte Fachwelt – von (…)
bis (…) – geschlossen bescheinigt, dass eine Debatte mit Ihnen mangels Substanz
reine Zeitverschwendung ist, und Sie als Reaktion darauf mit Klickzahlen
wedeln, ist das das finale Armutszeugnis. (…)
In Wahrheit liefern Sie nur die verbitterte Polemik eines Mannes, der auf den Milongas dieser Welt keine Rolle mehr spielt und deshalb aus der Ferne den sauren Wein für ungenießbar erklärt. (…) Die echte Tango-Community tanzt derweil draußen im echten Leben weiter – ganz ohne Sie“
Viel besser hätte es Dürrenmatt auch nicht hinbekommen.
Wahrscheinlich muss ich mich mit der Rolle des Lehrers begnügen, der als Einziger sagt, wie es wirklich ist. Ich werde mich bemühen, dies nüchtern zu tun.
P.S. Und wem das Drama nicht mehr so ganz geläufig ist:
https://www.youtube.com/watch?v=tNdXijxruqc



Lieber Herr Riedl,
AntwortenLöschenein interessanter Satz: „Wer solche ‚Abstimmungen mit den Füßen‘ organisiert, wird lieber nicht gesagt.“
Wenn sich Abstimmungen mit den Füßen organisieren ließen, würden sich viele Veranstalter vermutlich die Hände reiben.
In Ihrer Tango-Blase aus Verschwörungen und Konformismus mag das natürlich anders aussehen. Ich sehe da eher eine ziemlich bunte Mischung, bei der es oft schwer vorherzusagen ist, welche Milonga funktioniert und welche nicht. Manchmal läuft ein Format, manchmal nicht. Manchmal passt die Musik, manchmal die Atmosphäre, manchmal der Raum, manchmal schlicht der Abend. Daraus gleich einen organisierten Konformismus zu basteln, ist schon eine sportliche Deutung.
Sie schreiben: „Wer sich aber nicht so verhält, nicht so tanzt wie alle, wer einen anderen Musikgeschmack hat, kriegt ernsthafte Probleme.“
Welche Probleme meinen Sie genau? Längere Anfahrten? Weniger Auswahl? Tja, die Piazzolla-Fraktion ist eben ziemlich dünn. Dann tanzen Sie doch im Wohnzimmer dazu. Oder fühlt man sich da plötzlich zu allein? Wenn man sich doch als einziger Lehrer auf dem Tango-Planeten fühlt, dürfte das doch kein Problem sein. Dann geht man also doch wieder „konform“ in die nächste Milonga, weil dort wenigstens andere Menschen sind.
So einfach ist das mit dem Nonkonformismus eben nicht. Es fängt bei der Automarke an, geht beim Kaffee weiter und hört bei den Schuhen noch lange nicht auf. Jeder Mensch folgt irgendwo Moden, Gewohnheiten, Gruppen, Milieus und persönlichen Bequemlichkeiten. Nur bei Ihnen klingt es immer so, als stünden Sie allein auf dem Berg der Erkenntnis, während unten die Tango-Masse in gelben Schuhen ins Verderben läuft.
Aber wenn wirklich alle anderen so angepasst sind und Ihnen sowieso keiner zuhört, hat das doch auch Vorteile: Dann hätten Sie irgendwann viel Platz auf der Piste, keine störende Ronda, keine falsche Musikfraktion und könnten endlich alles tun, was Ihnen gefällt.
Also warum beklagen Sie sich eigentlich? Das klingt doch nach einem hervorragenden Ausblick in die Zukunft.
Liebe Frau Heinrich,
Löschenes stimmt schon: Ob eine Milonga funktioniert oder nicht, kann viele Gründe haben. Beispielsweise auch auf dem flachen Land, wo es halt oft nur wenige Veranstaltungen in zumutbarer Entfernung gibt.
Ich habe aber oft genug erlebt, dass Milongas, die Unangepasstes bieten, ganz bewusst verdrängt werden, beispielsweise, indem man gezielt Gegenveranstaltungen zum gleichen Termin ansetzt. Oder dumme Gerüchte über die Konkurrenz verbreitet.
Mit den „ernsthaften Problemen“ habe ich zum Beispiel mein Blog gemeint, gegen das man immer wieder Kampagnen organisiert.
Ich stehe auf keinerlei Berg – schon gar nicht dem der Erkenntnis. Daher veröffentliche ich schlicht persönliche Sichtweisen, die man für richtig oder falsch halten kann. Lehrer war ich früher mal. Im Tango bin ich keiner.
Mein dringender Rat: Lassen Sie Sprüche, die mir das „Wohnzimmer“ empfehlen. Ich weiß auch nicht, ob und wo Sie tanzen. Wenn das jetzt wieder in diese Richtung geht, wären Sie gezwungen, Ihre Ansichten auf anderen Blogs zu publizieren. Da hätten Sie ja durchaus Auswahl.
Mit bestem Dank
Gerhard Riedl
Lieber Herr Riedl,
Löschendas „Wohnzimmer“ erwähnen Sie übrigens selbst in vielen Ihrer Beiträge als eine Art Vorbild-Milonga. Warum also so empfindlich?
Konkurrenz- oder Gegenveranstaltungen habe ich in vielen Städten eigentlich nur bei unterschiedlichen Genre-Milongas erlebt, die nicht direkt mit dem Musikstil der anderen konkurrieren. Das heißt: Neo- oder Non-Tango-Milongas können durchaus am selben Tag neben EdO-Milongas stattfinden, weil oft ein anderes Publikum angesprochen wird. Dass man bewusst andere Milongas nur wegen eines diversen Musikgeschmacks kaputt gemacht hätte, habe ich noch nie gehört. Vielleicht ist das irgendwo mal vorgekommen, aber dann sind das wohl eher Ausnahmen und nicht die große Regel der Tango-Szene.
Und dass Sie sich lieber mit der Rolle des Lehrers begnügen wollen, haben Sie doch selbst geschrieben. Wenn Sie diese Lehrerrolle im übertragenen Sinne verstanden haben wollen, also als Analogie zu Dürrenmatt, macht es das nicht besser. Dann wären Sie also derjenige, der als Einziger ausspricht, wie die Tango-Welt der Konformisten wirklich ist.
Ich finde das ziemlich anmaßend.
Denn vielleicht ist es viel einfacher: Die meisten Menschen gehen dahin, wo sie sich wohlfühlen. Sie tanzen zu der Musik, die ihnen liegt. Sie besuchen die Milongas, auf denen ihnen Atmosphäre, Leute, Musik und Umgangsformen passen. Daraus gleich eine große Geschichte von Konformismus und sozialer Ausgrenzung zu machen, ist schon eine sehr großzügige Deutung.
Manchmal ist eine schlecht besuchte Veranstaltung eben nur eine schlecht besuchte Veranstaltung. Und manchmal ist fehlende Resonanz kein Beweis dafür, dass die anderen alle angepasst sind, sondern nur dafür, dass das eigene Angebot oder der eigene Ton nicht besonders viele Menschen erreicht.
Na gut, Sie haben es anders erlebt. Wo oder wann auch immer. Sie sagen nicht mal, welche Beziehung oder Erfahrungen Sie mit dem Tango überhaupt haben. Dafür arbeiten Sie mit Vokabeln wie „anmaßend“.
LöschenDas wird dann ein schöner Einstieg für eine Dauer-Debatte, bei der genau nichts herauskommt. Daher erlaube ich mir, diese Diskussion zu beenden.