Bloggerdämmerung?

Derzeit sieht es tatsächlich so aus, als ob mein Tangoblog das Einzige wäre, in dem noch regelmäßig Artikel erscheinen: 22 waren es im April, und im Mai sind bislang 14 Texte dazugekommen. Mit monatlich über 37000 Aufrufen gab es im März dieses Jahres einen neuen Rekord.

So weit ich es überblicke, sieht das bei den Kollegen bescheidener aus: Helge Schütt hat seinen letzten Text im Januar 2026 veröffentlicht – mit dem faszinierenden Titel „Zur Systematik der Tangoschritte“. Dabei arbeitet er doch nun als Tangolehrer! Gibt es da nichts Spannenderes zu berichten?

https://helgestangoblog.blogspot.com/

Yokoito hat seine neueste Schöpfung „Neulich im Feedspot“ überschrieben. Im April waren es ganze zwei Texte, im Mai einer. Bei solchen Themen wundert mich das nicht.

https://tangoblogblog.wordpress.com/

Einzig Klaus Wendel hat sich im vergangenen Monat mit einigen Artikeln sowie vor allem seinem 29-seitigem Werk über meine Person und ihr schändliches Treiben hervorgetan: „Warum ich auf dieser Bühne nicht mehr mitspiele“ überschreibt er die Einleitung – was auch nicht gerade verlockend wirkt. Aber immerhin dürfte ihm sein PDF mit dem Titel „Gerhard Riedl und die Debatte als Bühne“ einige Aufmerksamkeit beschert haben. Mir auch.

Der Kollege hat dazu eine längere Einleitung verfasst – er neigt ja dazu, vorab erstmal zu erklären, was er sagen will.

Wendel nennt darin unsere Diskussionen einen „endlosen Rentnerstreit zweier verbohrter Männer“. Ich finde, als Autor sollte man wenigstens selber an das glauben, was man macht – statt es schlechtzureden!

Es sei nicht wirklich um Tango gegangen, so Wendel, der habe nur für die Kulisse gesorgt. Aus Diskussion sei Bühne geworden.

Aber – lieber Kollege – das ist doch das Beste, was man sich bei einer Debatte wünschen kann: dass andere sie wahrnehmen. Und dazu ist es förderlicher, sichtbar eine Bühne zu besteigen als sich im dunklen Keller theoretischer Abhandlungen zu verkriechen!   

Wendel gibt als Motiv für seine Bemühungen an, man dürfe doch meinen „Unsinn“ nicht unwidersprochen stehen lassen. Man müsse die Leserinnen und Leser „warnen“.

Das ist ein gefährliches Argument! Ob es nun zutrifft oder nicht: Die Leute mögen es nicht, wenn man ihnen das Gefühl vermittelt, sie seien ohne fachliche Nachhilfe zu blöd, etwas zu kapieren, man müsse ihnen Autoren „erklären“.

Und ja: „Man kann argumentativ recht haben und kommunikativ trotzdem verlieren.“ Da stimme ich zu. Übrigens klappt es auch andersherum. Noch schlimmer ist es aber, sich darob beleidigt zurückzuziehen. Stattdessen würde ich versuchen, die Darstellung (oder die Argumente) zu verbessern.

Dass man ungeschickten Widerspruch zum eigenen Vorteil nutzt, ist doch nicht neu, sondern rhetorischer Standard!

Wendel glaubt nicht, dass man „in diesem Rahmen etwas klären“ könne. Doch – kann man schon: Zumindest werden die unterschiedlichen Perspektiven deutlich. Was die Lesenden daraus machen, ist ihre Sache.

Leider reicht das dem Kollegen nicht: Er hält sich für den Überlegenen, was Erfahrung und Fachwissen betrifft. Daher zählen seine Argumente, nicht die von mir. Dadurch – und nicht durch gegensätzliche Standpunkte – wird ein Austausch erschwert.

Wendel führt diese Misere auf „eigene Dummheit“ zurück. Ich glaube, er sollte nicht so streng mit sich sein. Er will nur auf Biegen und Brechen Recht erhalten.

Meine Sichtweise ist eine andere. Ich setze oft Fragezeichen: Muss der Tango im historischen Ghetto verbleiben?  Und das weltweit? Sicherlich haben wir die gewachsene Kultur dieses Tanzes in seinen Mutterländern zu akzeptieren. Ich glaube aber nicht, dass wir, zu anderen Zeiten und nicht nur räumlich weit davon entfernt, zur „kulturellen Aneignung“ verpflichtet sind.

Daher stelle ich meine eigenen Ideen vor – allerdings nie in der Erwartung, man habe mir zuzustimmen. Schon gar nicht, weil ich einen „Expertenstatus“ für mich reklamiere. Den erhält man nicht durch Selbsternennung, sondern nur durch Anerkennung Dritter. Ich fühle auch keinerlei Bedürfnis, vor anderen Autoren zu „warnen“. Warum die Meinungsvielfalt einschränken? Meine Texte jedenfalls sind ein Angebot ohne Abnahmezwang.

Angeblich will der Kollege ja demnächst wieder loslegen – neue Themen, kürzere und prägnantere Texte. Man darf gespannt sein! So oder anders wird es auch in Zukunft wieder Versuche geben, ein Tangoblog aufzumachen. Ich rate Autoren, sich selber interessante Themen zu suchen – der Tango ist voll davon!

Wovor ich aber nur warnen kann: Stellt eure eigenen Ideen dar und versucht nicht, euer Blog von vornherein gegen ein anderes in Stellung zu bringen! Klar kann man Artikel von Kollegen besprechen, gerne auch kritisch. Wenn nötig, auch mal gehäuft. Es ist aber gefährlich, dies zur einzigen Daseinsberechtigung zu erheben.

Ich habe „Gerhards Tango-Report“ nie als Mittel verstanden, andere Blogs verschwinden zu lassen. Warum auch? Gerade die Meinungsvielfalt und nicht das Weihrauchschwenken macht solche Seiten interessant.

Die Gefahr ist halt, bei „Crap“-Sammlungen oder „Radio Eriwan-Gedöns“ zu landen, gar noch bei einem 29 Seiten-PDF über den Gegner, das den nur bekannter macht. Schlimmstenfalls verschickt man dann sogar nutzlose Abmahnungen. Aber unterschiedliche Perspektiven lassen sich nicht juristisch regeln.

Mir muss niemand glauben. Es ist das Privileg mancher Gegner, dies von ihrer Kundschaft zu verlangen.

Ich sage nur voraus: So wird das nichts. Auch nicht durch 100 Seiten PDF oder mehrere Anwälte. Auch nicht, wenn man unterirdische Kommentare stehen lässt und auch noch lobt.

Quelle: https://www.tangocompas.co/warum-ich-auf-dieser-buehne-nicht-mehr-mitspiele/

Seit Ende 2013 wird meinem Blog immer wieder der Niedergang prophezeit. Stattdessen verschwinden dessen Kritiker regelmäßig im Nirwana. Daran bin nicht ich schuld, sondern die Konzepte der Kollegen.

Bloggerdämmerung? Ich mag die Wagnersche Dramatik nicht.  

Wir haben vorhin auf dem Wohnzimmer-Parkett zu Swing-Klassikern mit tangoähnlichen Schritten getanzt. Klar, schon das beweist unsere kulturelle Verkommenheit! Unter anderem zum einem Jazz-Standard von Benny Goodman. Immer wieder hatte man ihm geraten, seine Finger vom Jazz, von den Improvisationen der schwarzen Musiker zu lassen: „Don’t be that way!“

1938 begann er sein legendäres Carnegie Hall-Konzert mit genau diesem Titel:

https://www.youtube.com/watch?v=Bno2zhEuU0o

Zum Weiterlesen: https://milongafuehrer.blogspot.com/2019/03/dont-be-that-way.html 

Kommentare

  1. Vorhin erhielt ich einen Kommentar eines "Bernd Schuster", der mit "Boris Schumacher" unterschrieben war...
    Sorry, aber ein wenig intelligenter hätte ich es schon gerne!

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