Auf der Strecke geblieben

Wieder einmal hat Kollege Wendel mir mit einem Text viel Freude bereitet: Unter dem Titel „Warum so viele Männer beim Tango auf der Strecke bleiben“ befasst er sich mit den tänzerischen Schicksalen des Geschlechts, welches früher als das „starke“ galt.

Wobei der Waidmann als „Strecke“ das nach bestimmten Regeln zum Jagdende ausgelegte erbeutete Wild bezeichnet.    

https://de.wikipedia.org/wiki/Jagdstrecke

Nun, so schlimm wird es beim Tango nicht werden – auch wenn es manchen Herren so vorkommen mag!

Der Kollege beschreibt durchaus humorvoll, wie die Kerle in den Tango geraten – meist durch ihre Partnerin – und warum das oft nicht gutgeht: Weil der Männe mit Anforderungen konfrontiert werde, die weit über das hinausgingen, „was er sich unter einem gemütlichen gemeinsamen Tanzabend vorgestellt“ habe.

Es arte schnell zu einem Konkurrenzkampf darüber aus, wer recht habe und wer die Fehler mache. Schon deshalb plädiere ich für die Abschaffung jenes Wortes im Tango!

Irgendwann klappten dann trotzdem die „Figuren“, weil die Partnerin sie einfach mache, was ihr Gegenüber mit „Führung“ verwechsle. Wohl wahr!

Wenn es schiefgehe, behaupte der Partner, sie habe es „nicht verstanden“ – nicht nur in dieser Situation das männliche Standard-Argument.

Mit anderen Worten: Die Frau nervt beim Tango genau das, was auch im Alltag nicht funktioniert – und alle Anwesenden erhalten Einblicke in eine krisenhafte Beziehung. Da spannend anzuschauen, rechtfertigt das die Kursgebühren eher als das oft unterrichtete Zeug.

Wendel bekennt in beachtlicher Ehrlichkeit, dass auch bei den Profis die Fetzen flögen – haben wir uns beinahe schon gedacht: Stabile Paarbindungen sind gerade beim Lehrpersonal seltener als im Swinger-Club.

Wendel bekennt erstaunlich ehrlich, dass zwischen ihm und seiner Partnerin auch im Unterricht gelegentlich Kontroversen ausgetragen wurden. Von meinem früheren Beruf her kann ich nur sagen: Sich mit Kollegen vor der Schülerschaft zu streiten ist ein absolutes No-Go. Es beschädigt den Respekt vor dem Lehrpersonal oft irreparabel.

Klar, man soll als Profi beim Vortanzen selige Verzückung und erotischen Schmelz ausstrahlen, weil das Publikum angeblich diesen Käse erwartet. Da könnte weniger oft mehr sein. Denn auch hier rate ich dazu, die Laien nicht für dümmer zu halten als sie es sind!

In den Niederungen des Tango-Alltags spitze sich die Krise meist zu, wenn die Anfängerin an einen sehr guten Tänzer gerate, mit dem all das klappe, was der gesetzlich Angetraute zuverlässig versemmelt – und sogar noch mehr! Dann ist die Grundlage einer soliden Eifersucht gelegt, was oft dazu führt, dass der Stamm-Partner oder beide aus dem Tango verschwinden.

Interessant finde ich den Unterschied zu Frauen-Paaren: Die tanzen am Anfang ihrer Entwicklung oft auch wie die Quasimodas, haben aber meist einen Höllen-Spaß statt verkniffen zu streiten. Vermutlich liegt es daran, dass sie weniger wahrscheinlich in diesen Beziehungskisten-Stress geraten.

Völlig zu Recht weist Wendel aber auch sehr gute Tänzer darauf hin, ihre Attraktivität beschränke sich meist auf den Tango – und nicht aufs Leben! Leider eine häufige Verwechslung, auch bei den Profis.

Klar, eine krisenfreie Partnerschaft findet man kaum. Wenn der Tango aber zu schweren Zerwürfnissen führt, stimmt – sorry – der Kern der Beziehung nicht. In meinem Tangobuch schrieb ich von „Spaßverhinderungs-Gemeinschaften“, in denen beide darauf achten, dass der andere ja nicht zu mehr Vergnügen kommt als man selber. Und wenn die Körpersprache schon auf dem Parkett scheitert, zeigt der Tanz, was auch im Leben nicht passt.

Vielleicht, so meint Wendel, sei der Tango für alleinstehende Männer besser geeignet. Ich finde aber, er kann auch bei Paaren klappen. Sie sollten im Unterricht nur möglichst wenig miteinander tanzen! Würde aber die Einnahmen schmälern, da viele das nicht wollen und lieber zur Konkurrenz abwandern.

Man müsste sich halt schon einmal von diesem elenden Figuren-Einpauken verabschieden, das immer noch den üblichen Tangounterricht dominiert. Und von der Vorstellung des Führens und Folgens. „Der Mann dagegen soll die gesamte Gestaltung übernehmen“, schreibt Wendel. Ja zum Teufel, warum denn? Wieso stellt man im 21. Jahrhundert den Tango nicht als einen Tanz vor, den beide gemeinsam gestalten?

Ich tanze nicht nur mit Anfängerinnen im Zweifel das mit, was sie machen. Diese Idee meines früheren Tangolehrers Andi hat mir mehr genützt als alle Kurse zusammen. Und er hat sie nicht mal ausgesprochen – ich habe sie ihm abgeschaut. Vielleicht wusste er nicht mal selber, was er machte. So verrückt kann Tango sein!

Ich habe dieses Konzept schon einige Male vorgeschlagen und kaum Resonanz verspürt. Stattdessen klebt man am althergebrachten „Führungsprinzip“ wie Katzenscheiße am Schuh.

Was man im Unterricht lernen kann, sind Grundelemente, die beliebig kombinierbar sind – ja keine langen Folgen! Was sollen Kombinationen, die man auf den Milongas schon aus Platzgründen meist eh nicht vollständig hinkriegt und eventuell gar nicht zur Musik passen?

Klaus Wendel meint durchaus zu Recht:

„Vielleicht geben viele Männer den Tango deshalb gar nicht auf, weil sie grundsätzlich nicht tanzen wollen oder nicht tanzen können. Vielleicht haben sie unter den Bedingungen, unter denen sie ihn lernen sollten, einfach nie richtig Freude daran entwickeln können.“      

 Nun müsste man nur noch über die Folgerungen nachdenken…

P.S. Auch Klaus Wendel erwähnt das spannende Video über die Beziehungsprobleme der Berliner Tangoschul-Betreiber Susanne Opitz und Rafael Busch. Es ist immer noch im Netz greifbar:

 

https://www.youtube.com/watch?v=8e3Mo9Uv-88

P.S. Privaten Tangounterricht für Singles und Paare bietet Jochen Lüders: Tel. 0163 8720871 https://jochenlueders.de/?p=17381

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Kommentare

  1. Herr Riedl,

    ich habe in meinem Artikel allgemein über die Probleme gesprochen, die durch Figurenunterricht entstehen können. Ich selbst lehne diesen bekanntlich ab. Das müssten Sie aus den zahlreichen Beiträgen meiner Artikelserie „Gedanken über Tango-Unterricht“ längst wissen. Deshalb habe ich ein eigenes Unterrichtskonzept entwickelt, das auf Improvisation statt auf auswendig gelernten Figuren beruht.

    In meinen letzten Beiträgen habe ich mich sogar ausdrücklich mit der Improvisation auf begrenztem Raum beschäftigt. Dabei trägt einer der beiden Tanzenden, nämlich der Führende, die Verantwortung für die räumliche Organisation, die Navigation in der Ronda und dafür, dass das Paar nicht mit anderen kollidiert.

    Das nennt man Führung. Was Ihnen allerdings fremd erscheinen mag, wenn man Ihre Vorstellung vom führungslosen Tanzen zu Ende denkt.

    Es ist ein wenig wie beim Autofahren. Da haben auch nicht beide Personen auf den Vordersitzen ein Lenkrad. Einer übernimmt die Steuerung, weil man schließlich nicht spontan und nach Gefühl entscheiden kann, wohin gerade einer der beiden fahren möchte.

    Das bedeutet noch lange nicht, dass der Beifahrer keine eigenen Wünsche äußern oder an der Gestaltung der gemeinsamen Fahrt mitwirken kann.

    Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum Sie mit der Ronda so wenig anfangen können und lieber auf dem „Mittelstreifen“ herumdüsen.

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    1. Werter Herr Wendel,
      nun hatte ich schon befürchtet, Sie würden auf den Inhalt meines Textes eingehen. Stattdessen reden Sie wieder mal von sich.
      Beruhigend!

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  2. Vielen Dank für den Tipp mit dem Film. Der war wirklich ehrlich und hat nicht unbedingt mit Tango was zu tun. Leider waren mir Seelenleben und Aktionsbereitschaft der Dame reichlich unverständlich. Wenn sie lieber mit der pubertierenden Tochter im Ehebett liegt und mit ihr kuschelt, während der Ehemann auf der Couch übernachten darf, dann stimmt was nicht mit ihr. Und wenn der Ehemann sagt, er hätte gern mehr Sex, worauf die Frau antwortet: Immer bin ich schuld!, dann stimmt's noch weniger mit ihr. Denn sie ist in keiner Weise auf die Tatsache (nicht Vorwurf!) eingegangen.
    Noch ein paar andere Kleinigkeiten zeigen: Sie will mit ihm nichts zu tun haben, wirklich fatal. Aber darüber zu reden - nein. Die Männer (nicht: mein Mann) wollen und können einfach immer, während die Frauen halt eine romantische Umgebung brauchen. Und wie erzeugt man die, gemeinsam? Oder ist das ausschließlich Sache des Mannes? Könnte man darüber reden? Nein, der Therapeut hat nichts Besseres anzubieten als den Mann mit dem Ellbogen anzustupsen. Ob da romantische Gefühle aufkommen, darf bezweifelt werden.
    Jedenfalls haben diese Eheprobleme nichts mit Tango zu tun. Sie könnten auch ohne ihn auftreten, oder bei irgendeiner anderen gemeinsamen Geschäftsbeziehung. Jedenfalls danke für den Beitrag. Der hat mir wieder mal gezeigt (was ich ohnedies aus eigener Erfahrung wusste): Geh nicht zu einem Paartherapeuten. Konsultiere lieber einen Handleser oder Kristallkugelgucker, der kann dir besser Ratschläge geben.

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    1. Lieber Peter,
      der Film hat bei mir auch einiges Stirnrunzeln verursacht. Aber als Außenstehender kennt man bei solchen Partnerschafts-Affären nie die ganze Geschichte.
      Mein Eindruck war jedenfalls: Das wird nix mehr. Die sollen Geschäftspartner bleiben und ihr Privatleben davon abkoppeln.

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