Jedem seine Bubble

Als ich vor über 25 Jahren den Tango kennenlernte, ahnte ich noch nicht, dass ich mich in diesem Tanz dereinst zu einer „Fraktion“ bekennen müsste. Es gab halt unterschiedliche Milongas, in denen mehr oder weniger „schräg“ aufgelegt wurde. Uns war das recht, denn wir wollten ja diesen Tanz, diese Musik in möglichst vielen Facetten erleben. Und wenn wir mit dem einen oder anderen Titel mal weniger anfangen konnten, blieben wir halt sitzen. Normal tanzten wir eh ganze Nächte durch.

„Richtigen“ Tangounterricht gab es nur wenig. Vieles von dem, was wir im Lauf der Jahre konnten, hatten wir uns auf den Milongas abgeschaut oder war spontan beim Tanzen entstanden. Was uns begeisterte, war die unglaubliche tänzerische Freiheit, die in den ersten Jahren noch herrschte. Klar, was manche auf dem Parkett trieben, war schon ziemlich seltsam, aber auch sehr unterhaltend. Moralische Urteile dazu kamen uns nicht in den Sinn.

Begriffe wie „Cabeceo“ waren uns total unbekannt. Aufforderung und Nutzung des Raums betrieben wir halt so, wie wir es in der Tanzschule gelernt hatten. Und wenn ein Exzentriker seine Dame über die Schulter warf, versuchten wir halt, der voraussichtlichen Aufschlagstelle fernzubleiben.

Alle durften auf ihre Weise spinnen. Auch wenn es vielen in der heutigen Szene unvorstellbar erscheinen mag: Wir tanzten jahrelang, ohne den Begriff „Ronda“ zu kennen! Wie konnte das nur klappen?

In unserer Gegend kam der Umschwung ungefähr ab 2005, als die ersten Argentinier in der Szene auftauchten. Tangofreunde, die wir bislang für ziemlich normal gehalten hatten, liefen nun plötzlich mit der Attitüde der „Erleuchtung“ herum und faselten vom „traditionellen Tango“. Wir nahmen das länger nicht ernst – bekanntlich durften ja alle spinnen, wie sie wollten.

Und klar, wir hatten von den Wurzeln unseres Tanzes gehört: Schon in den 1930er Jahren gab es bekanntlich Tango – mit der entsprechenden historischen Musik. Wenn die mal ein DJ auflegte, war das okay. Dass aber ein Großteil der Szene den geschichtlichen Rücksturz in diese Zeiten unternehmen würde – diese Gefahr schien uns unvorstellbar!

Wenig später begann die Karriere des Bloggers Cassiel, welcher im Tango das Moralisieren einführte: Wer nicht an seine Vorstellungen von korrekter Musik und vorschriftsmäßigem Tanzen glaubte, war ein schlechter Mensch. Spätestens, als ich die erste Version meines Tangobuches herausbrachte, galt ich in der neokonservativen Szene als Verräter. Von den Unentwegten erntete ich zwar (noch) viel Lob, von der neuen Fraktion aber auch zahlreiche Beschimpfungen.

Zumindest in der digitalen Szene wird man inzwischen ab der ersten Äußerung zum Tango eingestuft: Wer eine disziplinierte Ronda preist, historische Musik als unverzichtbar lobt oder den Cabeceo als alternativlos hinstellt, gehört zu den Guten. Wer daran Zweifel hegt, wird den Bösen zugerechnet und entsprechend abgewatscht. Am schlimmsten scheint es zu sein, wenn man darüber auch noch Witze macht. Die Folge ist Beleidigtsein. Wie in anderen Sekten sind Glaubensfragen mit heiligem Ernst zu behandeln. Wäre sonst ja noch schöner!

Da hilft es nichts, wenn man berichtet, manchmal ganz gerne zu den alten Hits zu tanzen – aber halt nicht den ganzen Abend. Wenn man bekennt, die wortlose Aufforderung gelegentlich durchaus zu probieren. Wenn man versichert, sich um Rücksicht auf der Tanzfläche zu bemühen. Man gibt zwar vor, „differenzierte Diskussionen“ zu schätzen – aber natürlich nur, wenn sie zu einem eindeutigen Ergebnis führen: dass man völlig Recht hat. Sonst gilt das nicht!

 Zu fragen, warum es nach 1955 keine „tanzbare“ Tangomusik mehr gegeben hat, ist ungefähr so lohnend wie die die Zeugen Jehovas darauf anzusprechen, dass sie den Weltuntergang schon mehrfach folgenlos angekündigt haben. Bestenfalls wird man dann als „Ungläubiger“ ignoriert.

Nicht nur im kleinen Tango, sondern auch in der großen Politik und Gesellschaft greift dieses Lagerdenken immer mehr um sich. Für wahre Linke stehen eigentlich alle, die weniger radikal denken, unter „Nazi-Verdacht“. Und für einen waschechten AfDler beginnt der Kommunismus bereits beim grünen Realo-Flügel. Hauptsache, man kann die Gegner in ein „Lager“ abschieben.

Ich empfehle dazu einen Artikel von Sven Hillenkamp in der „Zeit“:

„Das erste Axiom politischer Praxis sollte lauten: Jedes Lager liegt in wesentlichen Punkten falsch. Jede Bewegung. Jede Partei. Linke, Liberale, Konservative, Verschwörungsgläubige, bekennende Wissenschaftsfreunde, Aktivisten und politisch Enthaltsame, alle, die denken, wie man eben denkt in einer bestimmten Gruppe, sind, um ein Wort des amerikanischen Komikers Jon Stewart zu gebrauchen, ‚Bewohner von Bullshit-Mountain‘".

https://www.zeit.de/kultur/2022-02/lagerdenken-links-rechts-politik-psychologie

Nicht nur im Tango sollten wir uns manchmal überlegen: Sind wir wirklich – auf Grund eigener Überlegungen und Bewertungen – von dem überzeugt, was wir manchmal behaupten? Stimmt das wirklich hundertprozentig? Oder äußern wir uns so, um die Nestwärme unserer „Bubble“, unsere Gesinnungsfreunde nicht zu verlieren? Könnte es sein, dass etwas Humor hilft?  

Wer ältere Artikel von mir liest, sollte bemerken, dass ich manches nicht mehr so absolut sehe wie noch vor zehn und mehr Jahren. Leider geht die Entwicklung im Tango in die andere Richtung. „Sowohl als auch“ gehört nicht zu den vorgeschriebenen Schritten. Voraussetzung wird immer mehr die Verortung in einer festen Bubble.

Am meisten in die Nesseln setzen kann man sich, wenn man den Namen „Piazzolla“ im Zusammenhang mit Tanzen auch nur erwähnt. Der bedeutet den sofortigen sozialen Ausschluss. Interessant finde ich ein Wort von der Witwe des Komponisten, Laura Escalada Piazzolla: „Er war seiner Zeit voraus, und er sagte auch immer: ‚Ich schreibe für die jungen Leute.' Und er hatte recht. (…) Also sagte Astor eines Tages zu mir: Ich verstehe das nicht, in Argentinien heißt es, man kann zu meiner Musik nicht tanzen, und hier tanzen alle zu meiner Musik!'"

„Hier müssen wir damit leben, dass die alten Tangueros sagen: Ist das überhaupt Tango? Ist das gut? Ja oder nein?", so Laura Escalada Piazzolla. "Man kann nicht zwischen zwei Stühlen sitzen. Astor Piazzolla war hier immer zwischen zwei Stühlen."  

https://oe1.orf.at/artikel/275066/Sakrosankter-Tango

Völliger Quatsch ist natürlich die Behauptung, man dürfe bei uns seine Meinung nicht mehr frei äußern. Mit ein wenig Mut ist das heute einfacher denn je. Zumal im Internet. Man muss halt damit rechnen, mit seinen Ansichten vielleicht ganz allein dazustehen.

Für mich ist das kein Risiko, sondern ein Vorzug.

Foto: www.tangofish.de

Kommentare

  1. Klaus Wendel hat sein PDF zu meiner Person nun wieder erweitert. „Schluss“ kann er wohl nicht machen.
    Wortreich bemüht er sich jetzt, den Trend zum historischen Tango als „natürliche Entwicklung“ darzustellen, sozusagen als Abstimmung mit den Füßen.
    Ich habe in den Jahren mehrfach das Gegenteil erlebt: Bei gut funktionierenden Milongas mit abwechslungsreicher Musik wechselte eines Tages das Führungspersonal – und plötzlich war es aus mit den Extravaganzen. Alles wurde auf „traditionell“ getrimmt. Bald veränderte sich das Publikum: Fantasievoll Tanzende blieben weg, die Regelbewahrer zogen ein.
    Ich könnte hier eine Reihe von Namen nennen – aber ich mag nicht persönlich werden.

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  2. Hier ein Kommentar von B. Rösle:
    Hier die Antwort auf Ihre Frage:
    Ab 1955 degradierte der Tango von einer vitalen Volkskultur zur nostalgischen Retrospektive. Der Sturz Juan Peróns und die globale Dominanz des Rock ’n’ Roll entzogen dem Genre nicht nur das staatliche Mäzenatentum, sondern auch seine jugendliche Basis.Diese schwindende Marktrelevanz löste eine fatale qualitative Regression aus: Der ökonomische Zwang zur Reduktion der Orchesterbesetzungen und ein intellektueller Abzug der fähigsten Köpfe hin zum konzertanten Tango Nuevo ließen die Tanzmusik künstlerisch ausbluten. Was auf dem Parkett verblieb, erstarrte in redundanten Klischees und büßte jene klangliche Opulenz ein, die die goldene Ära einst auszeichnete. Mit Astor Piazzolla verließ der Tango schließlich endgültig den Tanzsaal zugunsten des Auditoriums.
    Liebe Grüße,
    B. Rösle

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    1. Ah so – und das ist bis heute so geblieben? Keine zeitgenössischen Musiker, welche die Leute auf die Tanzfläche locken?
      Und wer hat eigentlich ab den 1970er Jahren für das Revival des Tango gesorgt? Die Musik für die großen Shows geliefert? Die Leute stürmten nicht nur die Konzertsäle, die wollten haufenweise das Tangotanzen lernen. Davon profitiert die Szene bis heute.
      Gut, man kann den Tango auf Brauchtumspflege reduzieren. Dann erreicht er die Relevanz von Trachtenvereinen. Höchstens.
      Danke für Ihren Kommentar!

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