Mit subjektivem Kennerauge
In meinem letzten Artikel „Tango, Lust und Wort“ habe ich die Werbung für ein Tangoseminar etwas veralbert. Während ich sonst mit solchen Texten in der Szene keine Freude auslöse, nahm nun ein Tangoveranstalter die Gelegenheit wahr, kräftig über das unterrichtende Paar herzuziehen:
„Beim Anschauen des verlinkten Videos fällt eines schnell auf: (…) bringt technisch einiges mit. Ihre Bewegungen sind präzise, klar und wirken kontrolliert. Sie setzt vieles gut um – trotz der Führung, die sie bekommt. Denn wer genau hinschaut, merkt: Da läuft nicht alles rund. Es gibt mehrere Momente, in denen sie aus der Achse gebracht wird oder sichtbar in Schwierigkeiten gerät – und man hat den Eindruck, dass sie die Situation tänzerisch retten muss. (…)
Der Tanzstil dieses Paares hat jedenfalls wenig mit dem zu tun, was für mich Tango bedeutet. Nicht nur in Bezug auf Bewegung und Interpretation – auch die Musikauswahl zu Beginn lässt mich völlig unberührt. Die moderne Nummer wirkt auf mich wenig inspirierend. Und wenn schon der Einstieg nicht berührt, bleibt der Funke meist auch später aus.“
Die „moderne Nummer" war übrigens „Moon River" – Henry Mancini komponierte sie 1961...
Dass es mir in meinem Text gar nicht um die Qualifikation der beiden für den Showtanz ging, ist natürlich nebensächlich.
Ich habe daher den Kommentar nur teilweise veröffentlicht. Dies stieß natürlich auf heftige Kritik:
„Dass ich den Tanz des Paares wohl anders sehe als du, sollte kein Grund sein, meine Ausführungen nur in Auszügen zu zeigen. Gerade der Vergleich mit anderen Tänzern und die Frage nach der Rolle von Netzwerken im Tango hätten das Thema aus meiner Sicht gut ergänzt – auch im Sinne einer offenen Diskussion.“
Ja, solche „offenen Diskussionen“ kenne ich! Wohin sie auch führen: zum Thema sicher nicht.
Und der Schreiber ist davon überzeugt: „Mein Ton war sachlich.“ Ja, klar...
Na gut, inzwischen ist der Beschwerdeführer seinen vollständigen Text an einen Blogger-Kollegen losgeworden. Das freut mich für ihn – und hoffentlich führt das auf dessen Seite endlich zu mehr Kommentaren. Oder zumindest zu einer engen Männerfreundschaft:
Auch ein mir gut bekannter Tangolehrer musste seine Abneigung gegenüber dem Kollegen in einen Kommentar gießen:
„Trotzdem scheint er
damit bei denen Erfolg zu haben, die den Tango mystifizieren und sich eine
‚Befreiung‘ mittels möglichst übungsfreier und müheloser Abkürzung Richtung ‚Tanz
auf dem Vulkan auf Lanzarote‘ erhoffen.
Witzig ist auch seine Bezeichnung von betagten Tangoherrschaften, die er
schmeichelnd ‚Tango-Chicos‘ nennt, damit diese sich jung & knackig und –
vor allen Dingen – männlicher fühlen dürfen. Zu diesem Zwecke zelebrierte er
mal, nach Insidern, in seinen Männerkursen ‚Maori-Kriegsgesänge‘. Also nix mit Cabeceo,
das ist nicht maskulin genug.
Und mit seinem Tanz mit (…) erfüllt er zumindest seine eigenen Klischees: ‚Much
ado about nothing!‘ Aber vielen gefällt es.“ Na, auch noch ein Shakespeare-Zitat – immerhin...
Aus eigener Erfahrung weiß ich: Will man über einen Tango-Gegner das Todesurteil verhängen, äußert man sich bevorzugt über seine tänzerischen Fähigkeiten. Obwohl der Tango in über 130 Jahren jede Menge sehr unterschiedlicher Tanzstile hervorgebracht hat und daher ein objektives Urteil wirklich schwerfällt. Dem Kennerauge entgeht dennoch nichts Negatives.
Ich bin mir inzwischen sicher: Hätte das Lehrerpaar im üblichen Stil zu einer historischen Musik getanzt, würden die betreffenden Kritiker zumindest höflich schweigen – viel wahrscheinlicher sogar lobende Worte finden. Das Geschimpfe wäre in meine Richtung gegangen: Wie ich ein solch tolles Tanzpaar nur kritisieren könne? Skandal!
Wichtiger im Tango als eine gute Balance ist ein fester Standpunkt. Und zu dem Zweck bedarf es vor allem mal einer klaren ideologischen Einordnung: Ist der Betreffende ein Verfechter der heiligen Tangotraditionen oder ein Abweichler, der nicht an die Vierheiligkeit der großen EdO-Orchester, die Dreifaltigkeit von Tanda, Spurtreue und Beinhebeverboten, die Zweifaltigkeit von Mirada und Cabeceo und die Einfaltigkeit von Buenos-Aires-Blaupausen glaubt?
Ebenso, wenngleich in der Minderzahl, beanspruchen Neotänzer den Glauben, mit einigen Tangoschrittchen würde simples Popmusik-Gedudel zum Tango erhoben.
Mitglieder dieser Religionsgemeinschaften können Unsinn bis zum Abwinken verzapfen oder tänzerisch in Langeweile versinken und werden doch von der eigenen Anhängerschaft bejubelt. Die jeweils anderen aber haben nie recht und tanzen stets langweilig sowie technisch katastrophal – und eigentlich gar keinen Tango.
Beide Gruppen pflegen in sich geschlossene Argumentationskreise, welche auf dem Axiom beruhen: „Die anderen sagen es ja auch.“ Und die „ganz anderen“ sind natürlich dagegen. So einfach und übersichtlich ist die Tangowelt!
Wer bereit ist, im Tango den Einzelnen zu sehen und dabei Vorzüge und Mängel gleichermaßen anzusprechen, hat es im Kampf der Ideologien schwer. Im Zweifel kriegt er von beiden Seiten die Hucke voll. Viele Fans darf er nicht erwarten. Aber vielleicht Leser, die sich für solch erstaunliche Ansichten interessieren.
Facebook-Mitglieder können sich nun noch über eine geniale Karikatur von Martin Perscheid freuen – auch so einer, der sich gern zwischen die Stühle setzte:
https://www.facebook.com/groups/355550739126744/permalink/1370875310927610
Und zum Schluss noch ein Video zur Tango-Ideologie, über das ich heute noch lachen muss:
Gerade habe ich einen Kommentar erhalten, in dem der Schreiber unter anderem feststellt:
AntwortenLöschen„Ich habe keine Probleme damit, wenn du andere Meinungen hast – aber wenn man zur Auseinandersetzung einlädt, sollte man auch bereit sein, mit Kritik umzugehen, ohne sie gleich ins Lächerliche zu ziehen oder ins Persönliche abzudriften.“
Die Zuschrift endet mit dem Satz: „Du bist und bleibst ein A…“
Tja, es lebe der Respekt in unserem geheiligten Tango!
Nichts für ungut, aber erstmal ist das Intro zum Cassiel-Video etwas langatmig, und das Video selbst ist (mit 2025er Augen betrachtet) irgendwie "pointless". Klar werden in der Tangowelt auch heute Vorlieben auch mal mit etwas Leidenschaft vertreten und nicht alles ist mehrheitstauglich, aber die Zeit der großen, gefühlsmobilisierenden weltanschaulichen Auseinandersetzungen ist, so wie ich das sehe, vorbei. Wir sind, möchte ich mal behaupten, entspannter und toleranter geworden. Ein gutes Zeichen, weil es auch bedeutet, daß wir selbstbewußter, weniger auf Selbstbestätigung durch das Niedermachen anderer Positionen angewiesen sind.
AntwortenLöschenHast den Artikel auch gelesen oder nur das Video geguckt?
LöschenUnd klar, wir sind beim Tango entspannter und toleranter geworden... du solltest nur noch angeben, wen du mit "wir" meinst.
Herzallerliebster Riedl,
Löschenwen meinen SIE eigentlich, wenn Sie von "wir" schreiben?
Allerliebste Grüße,
Ihr Thomas Schön
Das war ein ironisches Zitat, mit dem ich auf die Äußerung von Yokoito anspiele. Am besten die Texte im Zusammenhang lesen!
LöschenDas ist nicht die Antwort auf meine Frage, herzallerliebster Riedl. Ob Sie's glauben oder nicht: Ich weiß, was ein Zitat ist.
LöschenAlso frage ich nochmals: Wen meinen Sie, wenn SIE von "wir" schreiben?
Oder hauen Sie wieder einmal nur auf andere hin, obwohl Sie selbst so agieren?
Wünsche noch einen schönen Tag!
Darf ich darauf hinweisen, dass ich keine Deutsch-Nachhilfe erteile? Und schon gar nicht gratis.
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