Sartori und das Schlumpfen

 

Der Münchner Tangolehrer und Autor Ralf Sartori hat sich jüngst mit einem interessanten Beitrag an die Facebook-Öffentlichkeit gewandt. Wie immer bei seinen Texten ist es nicht ganz einfach, trotz einer gewissen Redundanz die Kernaussagen herauszuarbeiten.

Also, es ist ihm „vollkommen egal“, ob sich jemand „schlumpfen“ lasse oder nicht – er verwendet das Tarnwort für „impfen“, mit dem man angeblich Gefahr laufe, sich von Facebook „Zensur und Löschungen“ einzuhandeln. Na  ja, später schreibt er dann von „Impfungen“ – offenbar hat es mit der Meinungs-Unterdrückung doch nicht ganz geklappt…

Der Autor hält die „Spaltung oder gar Zersplitterung“ für „eine viel schlimmere Pandemie“, die dadurch entstehe, dass sich Menschen derart verbissen mit ihrer momentanen Meinung identifizieren, dass sie mal wieder glauben, sie müssten sie gegen ‚die Anderen‘ verteidigen, als ginge es um ihr eigenes Überleben dabei.“   

Statt „überhitzter Meinungen“ plädiert Sartori für Menschlichkeit, inneres Licht und vor allem den Verzicht, ständig Urteile abzugeben. Was wir am Virus fürchteten, sei doch nur das, was wir „Mutter Erde“ seit langer Zeit angetan hätten. Und dafür trete der Erreger doch noch „sehr freundlich und maßvoll“ auf. Na gut, das dürften die Angehören der Menschen etwas anders sehen, deren Liebste an Corona elendiglich erstickt sind…

Nichts, was je geschehe, brauche unser Feind zu sein. Bei solchen Sätzen, welche wohl nicht für Zyankali oder Atomwaffen gelten, befürchten wir zu Recht, dass nun noch ein Yogi zitiert wird: Ein wahrer Vertreter seines Standes baue sich ein Haus aus den Steinen, die nach ihm geworfen würden. Bleibt sicherheitshalber anzumerken: Wenn er nicht durch einen mineralischen Kopftreffer vorher ins Jenseits befördert wird.

Der Verfasser spüre jedenfalls nicht den Impuls, „C. zu bekämpfen oder überhaupt auch nur als Gegner zu betrachten.“ Wir sollten Gegner nicht im Außen suchen, sondern innerlich daran wachsen. Das hindert ihn nicht daran, den bayerischen Ministerpräsidenten als „Don Marco, den bewährten Erz-Schurken auf der politischen Bühne“ zu bezeichnen.

Viele, die sich nun „schlumpfen“ ließen, wollten doch nur ihre persönlichen Freiheiten zurück. Die seien ihm aber egal, weil es ihm um die inneren Freiheiten gehe. Der Kenner ahnt, dass nun noch etwas Natur-Poesie herniedergehen dürfte:

Zudem ist Mutter Natur immer auf unserer Seite, wie in uns selbst, weil eine solche Dualität ohnehin nicht existiert. Anstatt all diesen Pseudo-Nachrichten in den verschiedensten Medien, mainstream oder sog. alternativen, ständig Gehör zu schenken, könnten wir in der Stille auch dem Pulsschlag von Mutter Erde lauschen, und dem sanften Rauschen all der vorüberziehenden Himmel, dabei dem begegnen, der in der Stille lauscht.“

Na ja, möglicherweise handelt es sich bei dem sanften Rauschen auch um pseudophilosophischen Tinnitus...

Sartori stehe auf keiner Seite, „denn ich bin Tänzer (ich stehe also nicht herum)“. So einen Satz kann der Satiriker, der den Schreiber aus Tango-Frühzeiten kennt, allerdings nicht unverblödelt durchgehen lassen: In Wahrheit stand der liebe Ralf dereinst auf den Milongas ziemlich viel herum, bis mal jemand der Gnade seiner Aufforderung teilhaftig wurde. Es stimmt allerdings, dass er nicht auf einer Seite stand, sondern meist in der Ecke und auf Grüße nicht reagierte. Wohl eine Folge chronischer Meditation.

Seine Werbung für Toleranz liest sich so:

Und niemanden, absolut niemanden steht es zu, sich aufgrund dieser Entscheidung über andere zu stellen, sie zu verurteilen, oder sich über sie moralisch zu erheben, nur weil sie für sich eine andere Antwort gefunden haben.“

Dies sei „der Geist der Inquisition sowie des Faschismus“. Hui, wir wollten doch nicht polarisieren! Fehlt noch „Rassismus“, dann hätten wir die semantische Donnerkeil-Trias beisammen. Wobei es halt der menschlichen Natur entspricht, sich zumindest ein wenig besser zu fühlen, wenn man Recht zu haben glaubt. Dient ja auch der Wahrheitsfindung.

Übrigens ist Impfen für den Autor wohl aktuell kein Thema, weil er bereits seine „Liaison mit C.“ hatte. Na eben.

Wenn ich nun ausführe, was mich an dem Text stört, muss ich vorausschicken: Ich hatte vor vielen Jahren eine einzige Tangostunde bei Ralf Sartori – und ich habe in ihr mehr gelernt als in den paar Jahren zuvor. Schon deshalb mein großer Respekt!

Und ich gebe ihm auch völlig recht: Dieses gerade in den sozialen Medien heute übliche Hantieren mit der Moralkeule und dem verbalen Armageddon, wo es um schlichte sachliche Differenzen geht, mag ich so wenig wie er. Jedem steht die freie Entscheidung zu, was er für seine Gesundheit tut oder lässt. Nur ist Covid-19 halt eine Infektionskrankheit. Es darf sich dann auch niemand „ausgegrenzt“ fühlen, wenn ich bei bestehender Sorglosigkeit Kontakte mit ihm meide oder er in bestimmte Milongas nicht reinkommt. Ein Stotterer kann auch nicht Rundfunksprecher werden. Und ich möchte mich dann auch nicht zwangsbelabern lassen.

Für mich riecht der Text schon ziemlich nach Guru – und die Attitüde fernöstlich-philosophischer Weisheit überdeckt, dass der Autor durchaus auf einer Seite steht. In einem seiner Diskussionsbeiträge zum Artikel wird das noch deutlicher:  

„Ob Impfungen als dauerhafter Schutz, der auch tatsächlich unserer Gesundheit dient, wirklich der einzige oder auch nur ein geeigneter Weg sind, erscheint mir als zweifelhaft. Schließlich wird erst die Zeit zeigen, woran mehr Menschen schwer bis tödlich erkranken, an C. oder den I. mit einem Serum, dessen Nebenwirkungen wir noch gar nicht abschätzen können. Und so wie es sich derzeit zeigt, muss auch alle sechs Monate nachgeimpft werden. Da ist schon die Frage: Will man das wirklich?“

Sorry, aber die Aussicht, an der Impfung (die übrigens nicht aus einem Serum besteht) könnten mehr Menschen sterben als an Corona, ist wissenschaftlicher Irrsinn – ebenso, wie eine Nachimpfungs-Frist von sechs Monaten reine Spekulation darstellt. Diese Kombination von Honigseim und falschen Tatsachenbehauptungen halte ich für gefährlich – sie wird zu leicht geschluckt.

Werden die momentanen gesundheitspolitischen Debatten im Tango eine „Spaltung oder gar Zersplitterung“  bewirken? Jemanden wie mich kann das nicht schrecken – werde ich doch in der Szene seit Jahren beschimpft, bekämpft oder totgeschwiegen, weil ich einen anderen Musikgeschmack habe und gewissen „Tanzregeln“ kritisch gegenüberstehe. Wenn schon die Frage, wie man auf einer Milonga auffordern soll, zu Shitstorms führt, wäre es doch fast enttäuschend, wenn Fragen um Krankheit und Tod so gar keine Auswirkungen hätten.

Positiv finde ich, dass dieses Virus Illusionen killt, die eine Kommentatorin treffend beschreibt:

„Dass wir im Tango immer von einer ach so schönen verbundenen toleranten Community sprechen, war vielleicht schon lange eine Illusion. Wie oft haben wir gespürt: ‚Wer tanzt nur mit wem und wer tanzt warum nicht mit wem?‘ Wie muss ich mich verhalten, um in gewissen Kreisen dazuzugehören? Habe ich überhaupt eine Chance, dazuzugehören oder bin ich per se anders?“

Für mich nicht überraschend gibt Sartori ihr Recht:     

„Hatte eigentlich noch nie das Gefühl, dass es beim Tango viel Zusammenhalt gegeben hätte. Empfand es oft eher als Mikrokosmos der Welt da draußen, bei dem die Eitelkeiten, Profilierungs- und Erlebnisgier eher noch mehr hochkochen als dort...“

Nur hilft es auch da nicht, sich ausschließlich ins innere Nirwana zurückzuziehen. Glücklicherweise hat dies der Autor nicht getan, sondern seinen Text veröffentlicht. Dem bin ich gefolgt.

Quelle: https://www.facebook.com/ralf.sartori (Post vom 7.7.21)

P.S. Leider haben meine Recherchen ergeben: Die Schlümpfe haben sich zum Thema nicht geäußert. Aber Christian Ehring von "extra 3" ist ja auch ein ziemlicher Schlumpf:

https://www.youtube.com/watch?v=oHn9UOklFa8

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