Liebes Tagebuch… 62

 

Mal wieder ein Tango-Wochenende

Fast wie früher: Zwei Tage hintereinander Tango – wie schön! Am Samstag eine größere, private Einladung, am Sonntag dann eine kleine „Wohnzimmer-Milonga“ in Pörnbach.

Was mich in beiden Fällen beruhigte: Der Schutz vor Infektionen wurde ernst genommen. Das auswärtige Event hätten wir nicht besucht, wenn wir nicht die Sorgfalt der Gastgeber kennen würden: Man ging offenbar nach dem „3 G“-Schema vor, Partnerwechsel war nicht erlaubt.

Leider mussten wir erfahren, dass ein uns bekannter Tanguero an Corona verstorben war – nach etlichen Wochen Intensivstation. „Und da behaupten immer noch Leute, dieses Virus gebe es gar nicht“, so der grimmige Kommentar der Erzählerin. Wir konnten es ihr nachfühlen.

Es durften sich auch Frauen paarweise anmelden. Ein schöner Anblick war für mich ein solches Duo, das die Musik wesentlich stimmiger und kreativer vertanzte als die übrigen, gemischt zusammengesetzten Duos. Da ich die beiden Damen kenne, wunderte mich das nicht.

Die Musik war, wie üblich bei diesem DJ, wirklich schön: Vorwiegend Einspielungen moderner Ensembles, dazu einiges an Folklore – und sogar mehrere Piazzolla-Titel waren dabei, darunter die legendäre Aufnahme mit Gerry Mulligan: „Years of Solitude“.

Was mir schon letztes Jahr bei solchen Milongas auffiel: Da ein Partnerwechsel eh nicht möglich war, entfiel das – gerade beim Cabeceo übliche – ständige Gestarre und Belauern, was eine sehr entspannte Atmosphäre bewirkte. So schön es wäre, mal wieder mit verschiedenen Menschen zu tanzen: Diese Lockerheit macht einiges wett. Vor allem aber: Es saßen keine Frauen unbetanzt herum!

Weiterhin war ich froh darüber, nicht – wie sonst üblich – in ein starres Tanda-Schema gepresst zu werden. Glücklicherweise spielt dieser DJ eh keine stimmungstötenden Zwischenmusiken. Vor allem aber: Warum muss ich eigentlich vier Titel hintereinander tanzen, wenn mich schon der zweite langweilt, weil er nur ein Aufguss des ersten ist? So konnte ich mit Karin einzeln auswählen, welches Stück wir jeweils interpretieren wollten. Auch das trug erheblich zur Entspannung bei.

Angenehm fand ich auch, dass die dort sonst übliche Fresserei wegfiel – selbst die Getränke musste sich jeder Gast selber mitbringen. Nach meinem Eindruck führte das zu einer deutlichen Verschiebung des Besucherspektrums weg vom Partyvolk hin zu Menschen, denen es vorwiegend ums Tanzen ging. Das verminderte auch erheblich die Geräuschkulisse.

Eine andere Idee könnte man ebenfalls ins Post-Corona-Zeitalter mitnehmen: eine Höchstgrenze der Gästezahl. Ein durchschnittlicher Abstand von 1,5 Metern zu den Nachbarpaaren würde nicht nur vor Infektionen schützen, sondern fantasievolles Tanzen fördern. Fast überflüssig zu betonen, dass über Anmeldungen nicht per Geschlecht, Prominenz oder gar ideologische Linientreue entschieden werden dürfte. Kommerzielle Veranstalter werden sich das aber nicht leisten können – für sie gilt: je mehr Besucher, desto besser. Ob man dann auf proppenvollem Parkett noch tanzen kann, ist ihnen weitgehend egal. Es wird also wieder an den Amateuren hängen bleiben…     

Wirklich ein schöner Abend, an dem wir länger blieben als wir es uns vorgenommen hatten – einen herzlichen Dank an die aufmerksamen und fürsorglichen Gastgeber!

Am Sonntag hatten sich dann zwei Tangofreundinnen zu einem Besuch angesagt – und neben Kaffee und Kuchen sollte es natürlich auch getanzten Tango geben.

Eine von ihnen wusste zu berichten, dass die in ihrer Heimatstadt übliche (natürlich streng „traditionelle“) Milonga nun schon die eine oder andere Open Air-Neuauflage erlebt habe. Wie es denn gewesen sei? „Als wenn du einen Film, den du vor über einem Jahr gestoppt hast, einfach weiterlaufen lässt!“ Auch als Gruß des Veranstalters musste sie sich mit einem lauwarmen „Hallo“ begnügen: Sie ist dort als Anhängerin des modernen Tango berüchtigt. Warum sie dennoch immer wieder diese Milonga besucht? Weil es in der ganzen Stadt keine Alternative gibt – der dortige Tangoverein hat alles fest im Griff.

Wer denn aufgelegt habe? Beim Namen der DJane war ich etwas erstaunt, da diese nach meiner Erfahrung doch zumindest  aus dem konservativen Musikangebot die eher erträglichen Titel wählt. „Ja, aber nicht, wenn (der Vereinsvorsitzende) anwesend ist – da traut sie sich das nicht.“ Emanzipation im 21. Jahrhundert…

Im Gespräch kamen wir wieder einmal zum Ergebnis: Diese Population ist bei modernerer Tangomusik schlicht überfordert. Auch dazu hatte unsere Freundin eine Geschichte parat: Sie habe mit einem Tänzer, mit dem sie in der dortigen Szene sehr gut zurechtkommt, in einer anderen Stadt einmal zur Livemusik einer etwas schräger musizierenden Gruppe getanzt: ein totales Chaos: „Er hat diese Musik einfach nicht gehört.“

Bei solchen Gelegenheiten muss ich immer an die Bekenntnisse traditioneller Tanzender denken, welche treuherzig versichern, die tausendmal abgenudelten alten Aufnahmen seien überhaupt nicht langweilig – im Gegenteil: Man entdecke auch beim x-ten Vertanzen immer wieder neue, faszinierende Details. Bleibt halt hinzuzufügen: Das sind Wahrnehmungen, welche sich musikbegabten Leuten schon beim ersten Mal aufdrängen. Es soll auch Menschen geben, denen das kleine Einmaleins nie langweilig wird, weil sie beim Bruchrechnen eh keine Chance hätten…

Danach tanzten wir ein gutes Stündchen zu eher komplizierten Stücken. Da alle drei Damen natürlich auch führen können, waren die Paarbildungen kein Problem.

Ich hatte einen CD-Koffer geöffnet, der schon einige Jahre unbenutzt herumgestanden hatte, und war selber erstaunt, was ich da an musikalischen Schätzen zu Tage förderte! Besonders im Ohr blieb mir das Schlussstück, das wir zu viert mit ständigen Partnerwechseln tanzten: „El Violín de Becho“ in der Fassung des Silencio Tango Orchestra. Der uruguayische Sänger und Autor Alfredo Zitarrosa (1936-1989) schrieb es für seinen Freund, den Geiger Carlos „Becho" Eizmendi.

https://www.youtube.com/watch?v=RlBZVNsVKyo

Hier noch die englische Übersetzung des spanischen Textes:

https://lyricstranslate.com/en/el-viol%C3%ADn-de-becho-bechos-violin.html

Kommentare

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