Streit um den führenden Weg
Seit vielen Jahren weiß ich: Im Münchner Tango hat man einander unentwegt lieb. Mich jedoch nicht – da habe ich zu meinen Texten im Lauf der langen Zeit zu viele Shitstorms erlebt. Obwohl ich deutlich harmloser schrieb als so einige andere – gerade aus Corona-Gründen ist man einander einst heftig an die Gurgel gegangen.
Der mir bestens bekannte Tangolehrer und DJ Jochen Lüders hat nun auf der Facebook-Seite „Tango München“ eine Werbung veröffentlicht, die nicht gutgehen konnte:
„Keine Lust mehr, auf Milongas immer wieder begrapscht zu werden? Werde unabhängig und lerne führen!“
In guter Münchner Tradition ließ man per Kommentar die Brocken fliegen:
„Was ist das für ein Quatsch?“
„Vielleicht solltest du mal mit den Frauen reden, die das machen, dann hättest du sicher bald ein paar sinnvollere Gründe, die du für deine Werbung hernehmen könntest.“
„Das ist an Geschmacklosigkeit nicht mehr zu unterbieten! Du machst sexuelle Belästigung zum Verkaufsargument für deinen Tanzunterricht! Und suggerierst dabei allen Ernstes, dass Frauen ihre Tanzrolle wechseln müssten, um sich vor Übergriffen zu schützen?! (…) Jochen, du solltest ganz dringend ernsthaft darüber nachdenken, welches Frauenbild und welches Verständnis von Selbstbestimmung hinter deiner Botschaft stehen. Ich finde das zutiefst bedenklich.“
Man empfahl sogar Cancel Culture: „Ich finde sogar, dieser Post sollte vom Admin aus dieser Gruppe entfernt werden!“
„Negativwerbung sollte, lieber Admin, ein Riegel vorgeschoben werden.“
Eine Schreiberin berichtete jedoch: „Ich wurde in 10 Jahren nur einmal begrapscht. Ausgerechnet ein Münchner hat mir in den tiefen Rückenausschnitt, bis runter zum Hintern gegriffen!“
Oh nein, solche Bilder kriege ich nicht mehr aus dem Kopf!
Die lokale Zuordnung wurde allerdings sofort bestritten: „Ich bin zufällig Münchnerin, gebürtig, seit Generationen, und ich kann dir versichern, DAS ist KEINE ‚Münchner Art‘".
„‘Zieh keinen Minirock an, damit du nicht belästigt wirst!‘ Und ich Seppl dachte, aus diesen Zeiten sind wir raus und können inzwischen sexuelle Übergriffe als diese benennen – ohne Täter-Opfer-Umkehr.“
Humor trat nur in geringer Dosis auf und wurde sogleich kritisiert:
„Mist, deswegen werd ich nie begrapscht, weil ich Leader bin. Fang jetzt sofort an, Follower zu lernen“
Als Satiriker freut man sich über so ausgetragene Kontroversen, da sie bestes Material für eine Glosse liefern.
Nachdem wir aber alle mal unser Riechfläschchen benutzt haben und zur Ruhe gekommen sind:
Ich kenne Jochen Lüders schon lange und wurde von ihm häufig kritisiert. Einen Hang zu feinsinnigem Umgang kann man ihm nicht nachsagen. Daher ist er auch an heftige Gegenrede gewöhnt. Er wird also durch die Affäre keinen Schaden nehmen.
Der Tango vielleicht schon.
Ich finde, man kann diesen Tanz nicht ständig als „respektvoll“ und „achtsam“ verkaufen und sich dann kloppen wie die Bierkutscher.
Fragen wir uns ganz nüchtern: Was kann man dem Angeklagten Lüders zur Last legen?
Erstens möchte er verhindern, dass die Damen beim Tango begrapscht werden. Ich hoffe, das ist unser aller Wunsch!
Als Lösung schlägt er vor, dass Frauen führen lernen sollen und dann beim Tanzen nicht mehr auf Männer angewiesen sind. Auch das kann ich grundsätzlich nicht falsch finden. Dass Lüders selber Tangounterricht gibt, mag er als glückliche Fügung betrachten, die ihm sicher nützlich erscheint.
Hier kommt erschwerend hinzu, dass Lüders moderne Tangomusik bevorzugt und wenig von „Getrippel“ und „Geschleiche“ in Reih und Glied hält. Das macht ihn zum natürlichen Feind der Tradi-Fraktion, die gerade in München sehr stark vertreten ist. Wer möchte, kann sich ja einmal in seine Standpunkte vertiefen:
https://jochenlueders.de/?p=14147Bleibt natürlich der missverständliche Zusammenhang, Frauen müssten die führende Rolle einnehmen, um sich vor Zudringlichkeiten zu schützen. Das klingt sehr nach „hätte sie keinen kurzen Rock getragen, dann…“ Und das ist natürlich Mist. Das sexuelle Selbstbestimmungsrecht gilt völlig unabhängig von Kleidung und sonstiger Aufmachung. Ohne Ausnahme! Niemals ist die Frau schuld, wenn sie befummelt oder sonst wie blöd angemacht wird. Selbst, wenn sie nackend herumliefe, was für mich im Tango eine grauenvolle Vorstellung wäre.
Allerdings darf man fragen, wieso viele Herren gerade bei der konservativen Ocho-Ausübung so viel Wert auf weibliche Kostümierung mit Kleidchen, Röckchen und High Heels legen. Aber klar – da geht es nur um Ästhetik…
Unterm Strich war der Aufruhr sowohl zu erwarten als auch satirisch ertragreich. Sein Nutzen aber tendiert gegen null. Er wird den Anteil der Männer, die aus sehr speziellen Gründen Tango tanzen, nicht verringern – ebenso wenig die Rate der Schaufenster-Moralisten. Erst recht nicht die zugehörige Schnittmenge.
Jochen Lüders wäre gut beraten, seine Äußerungen im Netz doch vor Veröffentlichung von einer Vertrauensperson gegenlesen zu lassen und der die Chance zu geben, gelegentlich das Schlimmste zu verhindern. Und auch den Wortgewaltigen in der Münchner Tangoszene könnte Ähnliches guttun.
Quelle: https://www.facebook.com/groups/tangomuenchen/permalink/10163364686461186/
Die meiste Gewalt erleben Frauen in den eigenen vier Wänden – durch ihren (Ex)Partner. Daher erscheint ein Milonga-Besuch – führend oder folgend – als eher risikoarm. Ebenso eine Buchung des Tangounterrichts von Jochen Lüders.
Der will doch nur spielen!
https://www.youtube.com/watch?v=buE4Wzpki0w
Privaten Tangounterricht für Singles und Paare bietet Jochen Lüders: Tel. 0163 8720871 https://jochenlueders.de/?p=17381
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Ja, der Jochen findet im Tango öfter mal Sachen doof, die er nicht versteht. Wozu auch lange nachdenken, wenn das Urteil schon fertig ist? Die ungeliebte „Umarmung“ heißt bei ihm dann „Fassung“ – klingt nach Schweizer Volkstanz und hält schon sprachlich ein bisschen Abstand. In seiner Werbung sind die Führenden offenbar die Grabscher und die Folgenden immer die Opfer. Rollenwechsel, Problem gelöst! Vielleicht empfiehlt er dafür gleich seine Alternative Fassung. Da können die Frauen führen lernen, ohne auch noch die Fassung verlieren zu müssen.
AntwortenLöschenWürden Sie dann auch mal ein eigenes Lehrvideo zum Tango veröffentlichen? Wir wollen ja schließlich von Ihren Fähigkeiten profitieren.
LöschenVerstehe die Frage nicht: muss jetzt jeder, der Jochens Videos seltsam findet, gleich Tango-Lehrer sein und seine eigene Kompetenz nachweisen? Seitdem Jochen von einer Münchner Seite geflogen ist, überbieten Sie sich geradezu mit Support für ihn, inklusve Werbung. Ist da jetzt eine Art Dissidentenschutz als Solidaritäts-Bekundung bei Ihnen entstanden, nur um diese Münchner Gruppe zu massregeln?
LöschenNein, Sie müssen gar nichts. Nicht mal hier kommentieren.
LöschenAber wenn der Vorwurf kommt, jemand verstehe etwas nicht, frage ich halt mal nach der entsprechenden Kompetenz.
"Dissidenten-Schutz" trifft es durchaus. Zudem finde ich, dass Lüders sich mehr Gedanken über den Tangounterricht macht als andere.
"Über Unterricht Gedanken machen?" – mehr als wer? Mehr als Laien, mehr als andere Lehrer? Über Unterricht nachzudenken ist noch längst keine Kompetenz. Lüders war Sport- und Englisch-Lehrer. Sind jetzt alle ehemaligen Gymnasial-Lehrer auch gleichzeitig besonders kompetent im Bereich Tango? Sie liefen dann nämlich hier Gefahr, ein sehr verbreitetes Vorurteil zu bestätigen.
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LöschenLüders hat eine Menge Texte veröffentlicht, in denen er sich Gedanken über Tangounterricht macht. Von vielen anderen Tangolehrern lese ich da nur Werbesprüche.
Und ja, Gymnasiallehrer haben immerhin ein pädagogisches Staatsexamen abgelegt. Die meisten, die Tango unterrichten, haben keine staatlich anerkannte Ausbildung, was Unterricht oder Tanz betrifft.
Gut, das alles sind keine Nachweise für Unterrichtskompetenz in Sachen Tango. Aber die haben seine Mitbewerber auch nicht.
Ich finde aber, da kann Jochen Lüders durchaus mithalten.
Seit wann gibt es denn eine staatliche Ausbildung speziell für Tangolehrer? Eine Sportlehrerausbildung ist jedenfalls keine Tanzausbildung. Es gibt private Ausbildungen und die Ausbildung in Fachverbänden wie dem ADTV. Auch im Tango gibt es qualifizierte Ausbilder wie Juan D. Lange, Michael Domke, Gerrit Schüler oder Eric Dinzel. Ein pädagogisches Staatsexamen für den Schuldienst ersetzt keine fachliche Ausbildung im argentinischen Tango.
LöschenLüders gibt ausschließlich Einzelunterricht und tanzt meines Wissens seit etwa zwölf Jahren Tango. Sein tänzerisches Niveau ist nicht gerade überzeugend. Entscheidend ist auch, was in seinen Texten steht. Lüders urteilt darin häufig sehr entschieden über die Fehler anderer. Seine eigenen Maßstäbe und Voraussetzungen hinterfragt er dabei weit weniger – etwa in seinem Bericht über die Masterclass bei Pablo Verón.
Apropos Werbesprüche: Mit seinem Facebook-Posting hat Jochen Lüders doch selbst einen losgelassen – und, wie bereits begründet wurde, einen ziemlich dummen.
Herbert Schulte
Na prima - ich empfehle, noch mehr dummes Zeug über Jochen Lüders zu veröffentlichen. Das wird seiner Bekanntheit guttun.
LöschenKlappt ja mit meinem Blog seit vielen Jahren!