Weh dem, der Lugo!



Wer deutet mir die buntverworrne Welt!
Sie reden alle Wahrheit, sind drauf stolz,
Und sie belügt sich selbst und ihn; er mich
Und wieder sie; der lügt, weil man ihm log –
Und reden alle Wahrheit, alle. Alle.
Das Unkraut, merk ich, rottet man nicht aus,
Glück auf, wächst nur der Weizen etwa drüber.
(Franz Grillparzer: „Weh dem, der lügt!“)

Wann immer ich auf Facebook in die Gruppe „Tango München“ sehe, stehen (mental) Bier und Chips schon bereit: Man kann nie wissen, ob sich die von den „Códigos de la Milonga“ Gesalbten nicht wieder mal einen Streit liefern, dass es fetzt.

So auch dieser Tage: Michaela, die Gattin des angesehenen Tangolehrers Fabián Lugo, beklagt sich an diesem digitalen Ort wortreich über die gleichfalls bekannte und ehrenwerte Kollegin Susanne Mühlhaus, ihres Zeichens auch Administratorin der Facebook-Gruppe „Tango Bayern“. Hierzu sollte man noch wissen, dass beide Protagonisten einander sonntagabends Konkurrenz machen – mit ihren Groß-Milongas „Schlachthof“ und „Tango Sur“.

Die Firma Lugo sei vor Jahren Mitglied der FB-Gruppe „Tango Bayern“ gewesen und dann plötzlich ausgeschlossen worden. Somit könne man dort nun keine Werbung mehr machen – insbesondere für den bayernweit einzigen Auftritt des berühmten „Sexteto Miloguero“ am 21.5.17 (ab 18.00 Uhr im Wirtshaus am Schlachthof, Zenettistr. 9, 80337 München – Reklame Ende). Nachrichten an die böse Administratorin seien unbeantwortet geblieben.

Ehrlich gesagt drängte sich mir bei dieser Ankündigung ein anderes Problem auf: Wird bei dieser mitreißenden Musik die tänzerische Disziplin im Sinne des Lugoschen „Ronda-Trainings“ nicht leiden? Na gut, muss nicht meine Sorge sein!

Die Sympathie der Gruppe war natürlich sofort bei den derart Ausgesperrten – es fiel sogar erstmals in dieser Population der Begriff „Zensur“! Eine Kostprobe:

„Als KUNDIN möchte ich uneingeschränkt über Veranstaltungen informiert und nicht mit dogmatischer oder befindlicher Kleinlichkeit behelligt werden. Stelle ich diese Haltung fest, bleiben ich und mein Geld gerne weg.“

Allerdings konterte Susanne Mühlhaus die Vorwürfe mit einer Jahre zurückliegenden Begebenheit: Sie habe damals, ebenfalls am Sonntagabend, eine winzige monatliche Milonga veranstaltet und in ihrer Werbung die Feststellung „keine Live-Musik“ verwendet. Das habe Herr Lugo wohl als Anspielung auf seine Veranstaltung empfunden und sie daher gebeten, „nicht mehr in den Schlachthof zu kommen“. Weiter schreibt sie:

„Ich war sehr traurig, denn es war damals meine Lieblingsmilonga und ich habe ihn gebeten und angebettelt, dass er nicht so reagieren solle, ich war Stammgast, (…) aber Fabian bestand darauf, dass ich nicht mehr kommen darf.“

Möglicherweise habe sie daher „aus lauter furchtbarer Traurigkeit und Enttäuschung ihn, vielleicht unangemessenerweise“ von ihrer Facebook-Gruppe ausgeschlossen. Sie werde dies nun aber rückgängig machen.

Bei allem Respekt vor Susanne Mühlhaus: Ich finde, dies war der falsche Weg. An ihrer Stelle hätte ich mich gegen das Hausverbot (wenn es denn eines war) mit anderen Mitteln gewehrt notfalls mit einer Zivilklage und das derart öffentlich, dass man es auch in Patagonien lesen hätte können!

Gerade Tänzern sollte allerdings klar sein, dass es bei Zerwürfnissen zwischen ehemaligen Kollegen oder Partnern stets mehr als eine Version gibt. Aus dem „Lo de Lugo“ schallte es entsprechend zurück: „Und nun zu Deiner Begründung: bitte sei nicht heuchlerisch: wenn Du Werbung gegen den Schlachthof und eine Konkurrenzmilonga gemacht hast, kannst Du nicht behaupten, dass sie Deine Lieblingsmilonga war. Ich habe lediglich nicht erlaubt, dass Du weiterhin in meinem eigenen Haus ‚Schlachthof‘ Werbung gegen meine Veranstaltung machst.“ Zudem sei man nun bei „Tango Bayern“ ganz gesperrt und könne nicht einmal mehr diese Seite aufrufen.

Da Münchner Tangoleute selten in der Provinz unterwegs sind, sei ihnen eine Neuigkeit nicht vorenthalten: Ich kenne Milongas, wo der Veranstalter bei seiner üblichen „Ansprache“ den Gästen anbietet, Termine und Programme anderer Tangotreffs anzukündigen, wo man selbstverständlich Flyer der „Konkurrenz“ auslegen darf. Und selber habe ich kein Problem damit, den obigen Auftritt des „Sexteto Milonguero“ zu erwähnen, obwohl wir für diesen Tag unsere eigene „Wohnzimmer-Milonga“ planen…

Kein Wunder, dass ein Kommentator schreibt:
„Liebe Münchner, als Externer danke ich Euch für diesen Einblick in Eure Tanzszene!“
Man muss es sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: In dieser Stadt, wo man so viel von „Respekt“ (im Código-Sinne) auf den Milongas säuselt, gönnen einzelne Veranstalter und Tangolehrer einander offenbar nicht das Schwarze unter dem Nagel! Und mich beschleicht der dringende Verdacht, dass dieses Zerwürfnis nicht das einzige ist, sondern lediglich eines, welches durch eine unglückliche Konstellation von Ereignissen zufällig ans Licht kam…

Kein Wunder, dass die Dementis auf dem Fuße folgten:
„Sonst finde ich alle andere Organisatoren zuckersüß und die Szene in München ganz prima“, schreibt eine Organisatorin, welche ihre Milonga-Ankündigungen stets mit einem Bündel von Verhaltens-Auflagen würzt.

Freilich ist eine Sorge groß: „So, jetzt können wir uns gleich wieder auf einen Beitrag von einem Blogger freuen.“ „Oh bitte nicht schon wieder *brrr*“ „Ja, wir brauchen Erleuchtung aus dem Reich, ‚wo der Tango noch lebt‘!“  

Na, wenn man schon so nett aufgefordert wird – ob nun mit oder ohne Cabeceo…

Oliver Fleidl meint: Erstmal brauche man „klare Regeln“ – na, das überrascht mich aber… Und als Tanzlehrer stellt er zu Recht fest, dass es Lehrern an Selbstdistanz und Reflektionsfähigkeit" fehlt. Ach Oliver, das Licht strahlst schon zurück was du meinst, ist Reflexion"...

Aber man geht sogar noch weiter:
Die FB-Gruppe „Tango Bayern“ benötige einen „neutralen Administrator“ – ein Diskutant schlägt hierfür sogar mich vor:
Er könnte ja seine jahrzehntelang bewährten pädagogischen Fähigkeiten einbringen und die Moderation der Tango Bayern Gruppe übernehmen.“
Lieber Klaus Hörberg, „Tango Bayern“? Warum nicht – ist eh eine reine Werbeseite. Aber „Tango München“? Lieber nicht!
Ich hatte in fast 35 Jahren Schuldienst genügend mit Verhaltensauffälligen zu tun – jedoch waren sie in allen Klassen, die ich unterrichtete, immer noch in der Minderheit…

Nun gut: Nicht nur die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Dass man sein eigenes Haifischbecken für einen Goldfischteich hält, ist ja nicht neu. Was immer es nun enthalten mag – der Schwabe würde vermuten: Koi‘ Koi.

Oikoi - koikoi (Bildnachweis: www.tangofish.de)



Aber um auf den anfangs zitierten Dichter zurückzukommen, welcher ja im Hauptberuf ebenfalls Beamter war: Mag die Münchner Tangowelt auch nicht bunt sein – verworren ist sie allemal. Den Weizen konnte ich nicht drüber wachsen lassen, eventuell aber den Flachs...Und die Frage ist müßig, ob es hätte zur Tragödie kommen müssen, wenn Romeo und Julia Telefon gehabt oder Lugo und Mühlhaus es benutzt hätten. So bleibt mir nur die letzte Zeile des Schlussmonologs aus Grillparzers Komödie:

„Und diese da – sie mögen sich vertragen.“

P.S. Hier die Original-Dialoge der Tragikomödie:
https://www.facebook.com/groups/tangomuenchen/permalink/10154481404166186/

Kommentare

  1. Nur zur Sicherheit - da dies nun ein Tango-Kasper auf Facebook anscheinend für bare Münze nimmt:

    Ich Administrator von "Tango Bayern"? Nein, nicht im Ernst! Erstens macht das die Susanne ganz gut, und zweitens führe ich diesen Job lieber in unserer FB-Gruppe "Was Sie schon immer über Tango wissen wollten" weiter - da ist es so schön friedlich...

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  2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    1. Lieber Kommentator, ich bin ja offen für zusätzliche Arbeitsanregungen - jedoch sollte man dazu mit Klarnamen stehen.

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  3. Es ist in München allgemein üblich, Konkurrenten durch Milongas zur gleichen Zeit auszuschalten. Fabian hat das getan, um die Sonntagsmilonga der Kronthalers + Oscar Busso zu ruinieren - was ihm gelang. Marina hat das mit dem sonntäglichen Tango-Café versucht, um unsre Veranstaltung in der Seidl-Villa zu ruinieren (nachdem ich ihr davon erzählt hatte) - mit Erfolg. Solche Beispiele gibt es sicher noch jede Menge.

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    1. Lieber Peter,
      man kann solche Motive natürlich nicht beweisen. Auffällig ist dies jedoch schon...

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  4. Lieber Gerhard,

    manchmal frage ich mich, wie wir vor 15 Jahren unsere Tango-Veranstaltungen beworben bekommen haben. So ganz ohne Internet und gegenseitigem Anbeißen aus dem OFF.
    Ach ja, da wurde noch offen angebissen und ausgeschlossen, ich erinnere mich sehr gut, das Phänomen ist also schon ziemlich alt, die Tangoszene betreffend.
    Schlimm immer für jene, welche sich weder in's eine noch in's andere Lager schlagen wollen, sondern einfach nur (schön/schöner/besser/anders....) Tango tanzen wollen. Die Beeinflussung der jeweiligen Lagerführer ist schon sehr groß und es gehört schon eine Portion Selbstbewusstsein dazu, NICHT mit irgend einer Masse mitzuschwimmen. Man möchte zwar meinen, dass dies bei erwachsenen Menschen eher möglich sein kann als bei pubertierenden Heranwachsenden, die ja ihren Stand in der Welt meist erstmal finden müssen.
    Jedoch für einen Außenstehenden mutet die Münchner Tango-Szene - zumindest die FB-Gruppe Tango München betreffend - schon als voll-pubertierend an. Fragt sich nur, wie lange so eine Pubertät in der Tango-Szene dauert.... ;-) Und ob das noch ein gutes Ende nimmt oder der Familienfrieden für alle Zeit schief hängt.

    Was ich nicht so recht verstehe ist, warum sich Veranstalter in einer Großstadt wie München sich nicht damit abfinden können, dass es nunmal nur 7 Tage in der Woche gibt und nur 3 Wochenend-Tage, bzw. eigentlich 2, wenn die meisten am nächsten Tag noch ausschlafen wollen und da wird sich zwangsläufig was "schoppen". Und genug Tangotänzer sollte es doch auch geben. Und man stelle sich vor, sämtliche auf EINER bestimmten Milonga an einem bestimmten Wochenende! OH HIMMEL! Da MUSS man ja "Stehtango" tanzen ;-).

    Liebe Grüße in den Süden!
    Sandra

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    1. Liebe Sandra,

      ich führe mein Tangoleben nun schon seit 18 Jahren außerhalb aller Lager und fühle mich sehr wohl dabei. Angepflaumt werde ich ausschließlich im Internet, niemals in analogen Situationen.

      Das heißt ja nicht, man dürfe keine Lieblingsmilongas haben oder menschlich engere Beziehungen pflegen. Ich würde jedoch sofort misstrauisch, wenn ich den Eindruck hätte, ich solle nicht mehr auf diese oder jene Veranstaltung gehen oder dafür werben, um mir die Sympathie irgendwelcher Gurus zu erhalten.

      Ich habe heute eine (freischaffende) Musiklehrerin gefragt, ob es denn in diesem Bereich Ähnliches gebe: Ja, auf jeden Fall – aber sie findet das genauso abartig. Und ob gute Solisten auch gute Lehrer sein müssten? Nein, nicht notwendigerweise. Na prima, alles wie im Tango…

      Miteinander reden, wenn’s sein muss, auch streiten scheint mir besser als diese hintenrum ausgetragenen Affären. Letztere führen schnell zu irreparablen Schäden.

      Ja, die Woche hat nur sieben Tage – lustigerweise gibt es in München seit langer Zeit Zoff ausgerechnet um den Sonntagabend-Termin. Am Freitag und Samstag ist es ruhiger. Schon seltsam und lässt den Verdacht aufkommen, man wolle in erster Linie der Konkurrenz an den Kragen.

      Ich finde es gut, wenn diese Streitereien ans Licht kommen und diskutiert werden. Vielleicht führt das im Endeffekt doch zu gemeinsamen Mindeststandards des fairen Umgangs, zumindest untereinander.

      Liebe Grüße
      Gerhard

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