Wassertreten im Museum



„Den Abgehärteten greift nichts an, den Verweichlichten bringt jedes Blatt Papier in Aufregung. Ein abgehärteter Körper besitzt euch den größeren Schutz vor den Krankheiten der Seele.“
(Sebastian Kneipp)

Über die Milonga des Kaufbeurer Vereins „Tango Luna“ im „Jagdhof Schlingen“ bei Bad Wörishofen habe ich bereits sehr lobend berichtet. Trotz der weiten Anfahrt zog es mich gestern wieder dorthin. Doch vielleicht hätte ich meine Tangoseele vorher durch einige kalte Kneipp-Güsse stabilisieren sollen…

Das Konzept finde ich nach wie vor faszinierend: gemischte Musik (traditionell/modern 70/30) sowie die Ansage „Wie immer gilt den ganzen Abend Herren- und Damenwahl.“ Dazu stets freundliche Gastgeber, welche persönlich auf die Gäste zugehen und sogar mit ihnen tanzen. Tango also wie „in alten Zeiten“!?

Dass ich gestern dann doch mit sehr gemischten Gefühlen heimfuhr, hat wohl zwei Ursachen: Gegen den momentanen Trend zum „Tango-Rentnertanz“ ist wohl gerade im Kurort kein Kraut gewachsen – noch dazu, wenn man offenbar selber nicht an die eigenen Ideen glaubt.

Damit wären wir beim DJ: Im traditionellen Teil nudelte der brav sein „Best of Encuentro“-Programm herunter – routiniert, gut gemischt und strukturiert, keine Frage. Doch das können Hunderte von Auflegern, welche sich total dem Trend angepasst haben, ebenso. Interessante Alleinstellungsmerkmale? Fehlanzeige.

Richtig ärgerlich wurde es im 30 Prozent-Minderheitensegment: Da spielen sich weltweit Tausende von modernen Tangomusikern die Seele aus dem Leib, mit eigenen Kompositionen oder mitreißenden neuen Arrangements der alten Titel. Doch dies scheint bei den DJs hierzulande nicht anzukommen – terra incognita. Stattdessen wird unter dem Label „moderner Tango“ irgendwas zwischen Rumba, Blues und dem aufgelegt, was meine Begleiterin „KAM“ („Koitus-Anbahnungs-Musik“) nannte. Eine restlos vergeigte Chance!

Kleines Aperçu am Rande: Auf meiner Flucht zum (fehlenden) Aschenbecher draußen erklärte gerade eine Veranstalterin szenefernen, neugierigen Besuchern, dies sei ein Abend, an den argentinischer Tango getanzt werde. Im Hintergrund dudelte zu der Zeit ein Blues…

Und angeblich, so hörte ich von Ohrenzeugen, würden die DJs dort auch mal Piazzolla spielen. Nach zwei Besuchen scheint mir dies eine Botschaft wie die vom Yeti im Himalaya – angeblich gibt es diesen ja ebenfalls!   

Gegen den Trend zu konservativen Verhaltensweisen ist anscheinend nix zu machen: Während ich bei meinem letzten Besuch noch viele Frauen bemerkte, die sich aufzufordern trauten, ist das inzwischen wohl Schnee von gestern – da helfen auch keine gut gemeinten Ansagen des Veranstalters! Kein Wunder, man hat das den Damen ja auch zur Genüge abdressiert. Stattdessen brave Pärchenwirtschaft.

Die soziologische Struktur der Tangoszene hat sich in den letzten 15 Jahren drastisch verändert. Ein bestimmter Typ von Senioren hatte früher zwei Hobbys: Briefmarken sammeln und den Nachbarn verklagen. Heute gesellt sich ein drittes hinzu: Tango argentino.

Es kommt nach 18 Jahren Tango wirklich selten vor, dass ich auf der Tanzfläche richtig Angst bekomme. Die Mischung des gestrigen Abends bewirkte dies aber tatsächlich: Viele legten ein Tempo vor, welches wohl selbst in den Wassertretbecken des Kurorts als etwas träge herüberkäme. Dazu ist eine Navigation schon einmal den Männern unmöglich, welche beim Tanzen konstant auf die eigenen Füße (und die der Partnerin) starren (Quote beim wiederholten Durchzählen zirka 40 Prozent).

Zusätzlich stellt sich immer mehr ein Effekt ein, den ich auf die starren Reglements vieler Milongas zurückführe: Zu den alten Tangozeiten gab es solche ja kaum – also musste jeder aufpassen, wohin er tanzte. Heute wird das abgelöst durch die trügerische Erkenntnis: „Mich darf ja keiner rempeln.“ Auf die Bewegungswege anderer achten, denen vielleicht sogar Platz machen, Räume nutzen? Vergiss es! Dazu scheint im Unterallgäu mal wieder ein Figurenverkäufer unterwegs zu sein: Manche spannenden, stationär auszuführenden Schrittkombinationen durfte ich mir öfters betrachten – im Stau…

Ein Tangoverein muss wohl die Quantität vor die Qualität stellen: Hauptsache, es kommen genügend Gäste, um die Saalmiete zu finanzieren. Dies hat ja auch gut funktioniert. Was dann auf dem Parkett passiert, ist Nebensache. Eine mutigere Musikauswahl würde wohl mittelfristig bessere Tänzer anlocken, aber halt auch weniger. Geht also nicht.

Schon bei unserer Ankunft im Jagdgasthof wurde uns ein „Museum“ im weitläufigen Kellerbereich anempfohlen. Als wir uns das vor der Abfahrt noch ansahen, überkam mich ein seltsames Gefühl. Der einstige Bauherr muss wohl ein passionierter Jäger gewesen sein: In Schaukästen und Dioramen war so ziemlich alles zu besichtigen, was die deutsche Fauna von Hirsch bis Waldkauz dem Blick durchs Zielfernrohr bietet, inklusive einem Hauch von Moder und Ausgestopftsein.

Und ein Stockwerk drüber…

Dennoch bleibt für mich die Milonga im Jagdhof weiterhin ein ganz besonderes Event, das alle Voraussetzungen einer guten Entwicklung bietet. Man müsste nur eins tun: An die eigenen Ideen glauben und sie dann mutig umsetzen – auch wenn man dabei den einen oder anderen Gast verliert. Neue würden kommen, davon bin ich überzeugt!

Und mein Blick ist ein sehr punktueller und subjektiver – man ist ja auch nicht an jedem Abend gleich gut drauf. Vielen hat es gestern Abend sicherlich gefallen. So hole ich mir Trost aus dem reichen Erkenntnisschatz des katholischen Wassertreters Sebastian Kneipp:

„Nicht alle Kranken sind in gleicher Weise unglücklich.“

P.S. Hier gehts zum Verein:
http://www.tango-kaufbeuren.de/ 

 

Kommentare

  1. Hallo Gerhard,
    schade, dass die gute Stimmung, die ganz viele Besucher bescheinigt haben, dich nicht erfasst hat. Schade auch, dass du glaubst, man wolle nur möglichst viele Tänzer anziehen. Zwar verlangt die Größe des Jagdhofs tatsächlich eine gewisse Mindestmenge an Tänzern, damit es gemütlich ist. Abgesehen davon aber sind wir sehr zufrieden damit, wenn auch noch etwas Platz auf der Tanzfläche ist.
    Wer zu uns kommt, mag unsere Stimmung, den Musikmix (über Musikgeschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, wir spielen das, was wir lieben, und das Echo ist weitestgehend sehr positiv), das erlaubte Auffordern der Frauen. Wer unsere Musik und unsere etwas anderen "Regeln" nicht mag, der geht halt woandershin.
    Richtig ist, dass diesmal der eine oder andere Tänzer (und das waren keine Kaufbeurer...) auf dieser Milonga ein ziemlich temporeiches Kreuz und Quer auf der Tanzfläche veranstaltet hat. Als Veranstalter finden wir es nicht leicht, damit umzugehen, da wir unsere Gäste nicht gängeln wollen, uns aber ein rücksichtsvolles Miteinander auf der Tanzfläche wichtig ist. So wird das vermutlich eine Gratwanderung bleiben, zumal es zum Glück nicht immer so ist (sollte es Dauerzustand werden, würden wir uns was überlegen).

    Last but not least möchte ich auf deinen Kommentar zum Auffordern durch die Frauen eingehen. Alle Frauen haben beim Tango eine Lektion zu lernen, die auch Männern, die aufgefordert werden wollen, nicht erspart bleibt:
    Wenn du aufgefordert werden willst
    - begib dich in die "Aufforderungszone" oder zumindest dort in die Nähe (es ist unseres Erachtens Aufgabe der Veranstalter, eine solche durch Stehtische etc. zu schaffen, da es ohne eine solche erfahrungsgemäß nur selten funktioniert)
    - Heb deinen Blick und schau in die Runde.
    - Mach ein freundliches Gesicht.
    (Bei uns kommt hinzu: Wenn du das alles nicht möchtest, fordere einfach selbst auf (wobei ein freundliches Gesicht hierbei auch nicht schadet ;-))
    Lieber Gerhard, du hast dich diesmal in die hinterste Nische gesetzt und bist dort geblieben. Da kannst du weder als Frau noch als Mann erwarten, aufgefordert zu werden. Bei uns kann man sich überall dazu setzen, man muss keinen freien Tisch suchen.
    Tatsächlich weiß ich einschließlich mir von noch zwei anderen Frauen, die dich gerne aufgefordert hätten. Ich und eine weitere Frau haben das eine oder andere Mal dazu angesetzt, sich auf den Weg bis ganz nach hinten zu machen... und wurden jedesmal zwischenrein wieder aufgefordert. Tatsächlich ging es an jenem Abend sehr vielen Frauen so, dass sie ununterbrochen aufgefordert wurden und kaum zum Sitzen kamen. In der besagten "Zone" ging es denn auch extrem lebendig und bunt zu - von Pärchenwirtschaft haben wir jedenfalls nichts bemerkt, ganz im Gegenteil.
    Eine dritte Frau war ebenfalls zu dir hin unterwegs - sie hat gestern erzählt, dass sie aufgrund deiner mürrischen Miene kehrt machte.
    Das Auffordern müssen die Frauen lernen, ohne Frage. Aber auch die Männer - die aufgefordert werden möchten - müssen die umgekehrten Spielregeln lernen, damit das Ganze funktioniert.
    Jedenfalls, tatsächlich tun wir genau das: An unsere eigenen Ideen glauben und sie mutig umsetzen - auch wenn es Tänzer gibt, denen unser Musikmix entweder zu viel non-tango oder zu traditionell ist oder die nicht verstehen, dass wir nicht strikt an althergebrachten Regeln festhalten. Und wie du weißt, ist auch nicht jeder Abend gleich...
    Mit besten Tangogrüßen,
    Andrea

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    1. Liebe Andrea,

      auch das unterscheidet Euch von anderen Veranstaltern: Während die nach solchen Artikeln lediglich beleidigt schweigen, kriege ich hier eine ausführliche Stellungnahme. Vielen Dank!

      Gleich zu Beginn möchte ich ein Missverständnis ausräumen: In meinem Text steht nirgends, dass mein vorrangiges Ziel an diesem Abend war, von anderen Frauen aufgefordert zu werden – und zwar deshalb, weil es auch nicht wahr wäre. Zudem bin ich durchaus fähig, meinerseits Tänzerinnen anzusprechen, mit welchen ich dringend zu tanzen wünsche.

      Mit dem Sitzplatz hat das wenig zu tun. Das letzte Mal befanden wir uns ebenfalls nicht in der „Aufforderungszone“, und zweitens weiß ich aus langer Tangoerfahrung, dass Tangueras, welche der dringende Wunsch nach einem Tanz mit mir antreibt, stets eine Möglichkeit finden, das hinzukriegen. Mein Eindruck, welcher sicher subjektiv ist, bleibt aber der, dass die „Pärchenwirtschaft“ zugenommen hat.

      Nein, mit Verlaub, weder das Hauen und Stechen bzw. bedeutungsvolle Herumstehen auf dem Parkett drängten mich auf dieses noch die Musik, speziell jene aus dem „30 Prozent-Segment“. An meiner Kritik hieran halte ich fest: Popmusik aus der Jugendzeit des DJ ist kein Ersatz für modernen Tango.

      Gerne nehme ich zur Kenntnis, dass es Euch nicht vorrangig um die Besucherzahl geht. Und keineswegs bin ich – wie bekannt – Verfechter einer „disziplinierten Ronda“. Aber wer mehr riskiert, muss halt auch besser navigieren können. Daran fehlte es an allen Ecken und Enden. Und ich würde Veranstaltern auch nicht raten, hier den Besuchern mit „pädagogischen Hinweisen“ zu kommen. Anspruchsvoller zu interpretierende Musik könnte helfen – auch wenn man damit etliche Gäste verliert.

      Wenn die große Mehrzahl der Besucher die Milonga toll fand, ist das ja prima – und Ihr berücksichtigt sicherlich, dass Lob meist eher laut und Kritik meist leiser bis unhörbar erfolgt. Insofern bin ich eine Ausnahme – und meine „mürrische Miene“ bitte ich zu entschuldigen und auf das Konto „Authentizität“ (derzeit im Tango ja ein Modewort) abzubuchen.

      Mir ist schon klar, dass ich (nicht nur im obigen Text) eine Minderheiten-Ansicht vertrete. Diese einzuordnen liegt in Eurem Ermessen.

      Nochmals vielen Dank und beste Tangogrüße,
      Gerhard

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