Liebes Tagebuch… 36



Gestern hat ein Leser meines Blogs einen Kommentar zu einem weiter zurückliegenden Text verfasst. Hier der Wortlaut:

„Seit etwas mehr als einem Jahr lege ich mit meiner Frau einmal im Monat 50/50 auf. Was ich in den ersten Veranstaltungen erlebt habe, kann man nur als Hass bezeichnen. Ein Tango-Taliban kam zu unserer ersten Veranstaltung und brüllte vor der Lokalität herum, dass man das SO nicht machen kann und redete auf Gäste ein, die Milonga zu wechseln und auf eine gleichzeitig laufende klassische Milonga zu gehen. Auch einen Monat später kam der gleiche Gast und führte sich genauso auf.
Müßig zu erwähnen, dass diese Person noch nie aufgelegt hat.

Einige wenige Tangotänzer, die auch schon mal in Argentinien waren, haben sich darüber geäußert, dass man SO nicht auflegen kann. Aber die bleiben dann einfach weg.

Zum Glück ist der Veranstalter ruhig geblieben und hat Nerven bewiesen. Zwischenzeitlich hat sich unser Programm etabliert und ist immer gut besucht, auch wenn taggleich klassische Konkurrenzmilongas laufen. Es hat eine Abstimmung mit den Füßen stattgefunden. Vielleicht liegt es daran, dass wir für unsere Gäste berechenbar sind und unser Programm über die Monate die gleiche Struktur hat.

Wer es nicht mag, bleibt weg. Wer es mag, wird nicht enttäuscht.

Mir würde es jedenfalls nicht im Traum einfallen eine EdO-Milonga zu kritisieren und den Kastenteufel vor der Halle zu spielen. Das schaffen nur Taliban.

Grüße aus Heidelberg
Werner Albrecht“



Umso dankbarer bin ich, dass sich nun ein Betroffener mit Namen und Ort outet. Vielleicht ermutigt das auch andere, solche Erlebnisse einmal zu veröffentlichen (muss ja nicht mal auf meinem Blog sein).

Wahrlich, es erfordert heute Mut, auf einer Veranstaltung in Anwesenheit von Mitgliedern der „Stahlhelm-Fraktion“ des Tango ein gemischtes Programm aufzulegen. Man darf fest damit rechnen, zumindest dumm angeredet zu werden. Aber meine Erfahrung zeigt auch: Mehr als heiße Luft kommt dann nicht. Und anstatt einiger „Ewiggestriger“, die anschließend das Event unter Getöse verlassen, erscheinen beim nächsten Mal doppelt so viele Gäste, die vielleicht schon lange nicht mehr beim Tango waren, weil sie die landauf, landab gebotene „Einheitssoße“ vertrieben hat.

Meine Antwort an den Kommentator war somit klar:  

„Lieber Werner Albrecht,

herzlichen Dank für diese Geschichte!

Ereignisse solcher Art bekomme ich immer wieder erzählt. Leider darf ich sie nicht abdrucken oder nur unter Weglassung von Namen und Orten in Ansätzen wiedergeben, da die Betroffenen nicht öffentlich dazu stehen wollen.

Natürlich kann ich das nachvollziehen: Die lokalen Tangoszenen sind oft ziemlich klein, und wenn man sich derart exponiert, kann es für einen recht ungemütlich werden. Man fürchtet den Ruf, ‚Unfrieden‘ in der werten Tangogemeinschaft zu stiften.

Mir wurde ja schon kurz nach dem Erscheinen meines ersten Tangobuches attestiert, ich sei nun sozial isoliert, niemand werde noch mit mir tanzen wollen etc.

Natürlich ist das reiner Blödsinn, da es glücklicherweise sehr viele Menschen im Tango gibt, welche mutige Standpunkte und deren freimütige Äußerung durchaus respektieren, ja sogar schätzen.

Ich kenne die konkreten Ereignisse, die Du hier schilderst, nicht aus eigener Anschauung. Es steht daher jedem aus Deiner Szene frei, hier auf meinem Blog (und ebenfalls unter Nennung seines realen Namens) eine Gegendarstellung zu schreiben.

Ich ahne allerdings: Das wird nicht passieren. Solche Sauereien funktionieren nicht nur im Tango besser im Schutz der Kulissen. Keiner wird sich dazu bekennen, vor der Milongatür herumgepöbelt oder andere Besucher zum Weggehen animiert zu haben.

Daher ist es extrem wichtig, wenn Zeugen öffentlich zu solchen Erlebnissen stehen. Die Erfahrung zeigt, dass man sich dann zumindest scheut, weiterhin derartig dreist aufzutreten. Und man braucht als DJ einen Veranstalter, der zu einem hält und sich nicht verrückt machen lässt. Dann haben auch Milongas mit vielfältiger, abwechslungsreicher Musik großen Zulauf. Ich verfolge gerade mehrere Beispiele aus meiner engeren Umgebung.

Nochmals vielen Dank für Deinen Kommentar! Da er zu einem weiter zurückliegenden Text erfolgte und daher schwerer aufzufinden ist, habe ich ihn auch in einer aktuellen ‚Tagebuch-Notiz‘ verwendet.

Weiterhin alles Gute und viel Erfolg!
Gerhard Riedl“

Kommentare

  1. Lieber Gerhard,

    wenn man ein wenig sensibilisiert ist, dann bekommt man ja noch viel mehr mit. Nämlich, wie die Tänzer untereinander nun noch anfangen, sich gegenseitig nach ihren "Neigungen" auszuhorchen. Oder diese nebenbei einzuwerfen.

    Tanz mit einem guten Bekannten. Es kommt - nach gefühlt 50 traditionellen Tangos - endlich was Moderneres. Er schaut so... Ich frage: "Den noch?" Er: "Ok, der geht noch. Aber dann mach ich Pause. Reicht schon, wenn ich in ein paar Wochen den ganzen Abend das Zeug hören MUSS." (Anspielung auf eine modern gestaltete Milonga in naher Zukunft).

    Okeeeeeeeee.

    Ein "Mir gefällt die Musik zwar nicht so gut, aber mit Dir wunderbaren Tänzerin wird jeder Tango zum Genuß" hätte ich natürlich bevorzugt... ;-)
    *AUGENZWINKER*

    Oder auch unlängt. Nach ein paar wunderbaren, jedoch sehr traditionellen Tangos kommt was Moderneres. Tanzpartner schnurrt ein wohliges "Ah, schön..." und da offensichtlich meinerseits keine sofortige positive Reaktion kam ein erschrockener Gesichtsausdruck mit "oder gefällt Dir sowas nicht???"

    Oh Mann!!! Soweit samma jetzt schon? Gilt "Bunt" eigentlich nur in Bezug auf Inklusion und Integration in unserer Gesellschaft? Gibt es denn kein Tango-"Bunt"? Müssen sich manche jetzt bald verstecken? Horchen wir uns jetzt gegenseitig aus, um zu verhindern, beim falschen Tanguero / der falschen Tanguera rauszulassen, was uns gefällt? Weil wir vielleicht Angst haben, dass der/die dann garnienichtmehr mit einem tanzt?

    Meine Antwort drauf war ein Lächeln und Kopfschütteln und sein Kommentar: "Gottlob, bist kein Tango-Taliban."

    So erfährt man nebenbei auch, wer alles divese Blogs liest....

    Einfach immer wieder mantramäßig wiederholen:
    Es ist eine Phase - es ist eine Phase - es ist eine Phase....

    Liebe Grüße
    Sandra

    PS:
    Ich tanze auch mit EdO! Und Anfängern! ;-)

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    1. Liebe Sandra,

      Deine Erlebnisse kann ich gut nachvollziehen. Wenn ich früher eine mir unbekannte Tänzerin auffordern wollte (und ich versuche auf jeder Milonga, das mindestens einmal hinzukriegen), kam nie der Gedanke auf, zu welcher „Fraktion“ des Tango die wohl gehöre.

      Inzwischen gibt es bei mir öfters einen Moment des Zögerns, wenn ich die Dame verbal auffordern will (oder muss, da die Sichtverhältnisse ungünstig sind), ob die mir nicht einen Korb gibt, da sie auf „Cabeceo only“ besteht.

      Ist mir bisher zwar noch nie passiert – vielleicht deshalb, weil mich mein Instinkt rechtzeitig warnte oder ich bestimmte Milongas nicht besuche… Finde ich trotzdem schlimm, früher waren solche Überlegungen schlicht unnötig.

      Ich warne jetzt seit bald zehn Jahren vor dieser elenden Spalterei im Tango – und kriege von der Gegenseite stets gesagt, das wäre doch alles nicht schlimm, jeder könne doch die Milongas besuchen, welche er bevorzugt. Stimmt schon, dennoch wird die Situation dadurch schwieriger.

      Ich mache mir allerdings keine Gedanken darüber, welche Musik meine jeweilige Tanzpartnerin bevorzugt. Wenn sie gut tanzen kann, kriegt sie jeden Musikstil hin – und wenn nicht, kaum einen.

      Tja, und die Blogs… auch da musste ich mir früher sagen lassen: Wer liest sowas denn? Ich meine, eine ganze Menge tut das – und spricht auch mit anderen darüber.

      Herzliche Grüße
      Gerhard

      P.S. Ich auch!

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  2. Lieber Gerhard,
    das Problem liegt nicht darin sich zu „outen“ (dazu sind heutzutage selbst Politiker in der Lage), sondern ist die „Traurigkeit“, die damit einhergeht.
    Die von Herrn Albrecht beschriebenen Situationen sind ja nichts Unbekanntes. Da bauen sich Besucher (Bekannte wie Unbekannte) einer Milonga demonstrativ vor dem DJ auf und fragen, wann „der“ wieder auflegt, damit sie wissen, wann sie nicht mehr kommen müssen (allein diese Feigheit, es dem DJ nicht offen selbst zu sagen lässt in mir was hochkommen). Andere nehmen sich die ausgelegte Playlist und fragen, ob auch etwas „Anderes“ gespielt wird, oder sie gleich wieder gehen können, bzw. gehen sofort wieder (und ich trau mich zu sagen, dass sie mit den Titeln und Interpreten nichts anfangen können, weil sie diese weder kennen noch zuordnen können).
    Nein der Punkt ist, dass es die lieben Menschen sind, die sich immer als deine Freunde bezeichnet haben und auf der nächsten Milonga, auf der du nicht auflegst, auch wieder sind, mit dir tanzen und reden wollen, weil du doch soooo toll und cool bist.
    Das ist der Moment wo ich denke „Eine deutsche Eiche stört es nicht, …“, streiche das erlebte, tanze und rede mit anderen, um mir die Laune nicht verderben zu lassen.
    Im Übrigen hast Du natürlich recht, als DJ braucht man einen Veranstalter, der zu einem hält, dass macht vieles einfacher.

    LG Christoph

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    1. Lieber Christoph,

      also gar so einfach ist das mit dem „Outen“ (auch bei Politikern) nicht. Da werden beispielsweise gefakte Doktortitel so lange geführt, bis man es dem Betreffenden nachweisen kann – und selbst dann wehren sie sich noch heftig.

      Die „Traurigkeit“, von der Du sprichst, ist mir wohl vertraut. Es gibt Menschen, welche die Innerlichkeit, die der Tango ausstrahlt, intensiv spüren und dann auch tänzerisch umsetzen, ja ein Stück weit in ihr Leben integrieren können. Das ist aber eine Minderheit.

      Wir müssen uns damit abfinden, dass die Mehrzahl eine viel oberflächlichere Herangehensweise zeigt. Daher können solche Menschen sich sowohl verletzend Dir gegenüber verhalten, wenn Du die „falsche“ Musik auflegst, wie auch bei der nächsten Milonga freundlich tun, weil da die Musik passt und sie auf einen sehr guten Tänzer nicht verzichten wollen.

      Wenn das bei mir eine gewisse Grenze überschreitet (welche sich altersbedingt allerdings immer weiter erhöht), mag ich mit solchen Leuten nix mehr zu tun haben und lasse sie es dann auch deutlich spüren. Mit der großen Mehrzahl komme ich – ähnlich wie Du – besser klar, wenn ich nicht mehr von ihnen erwarte als sie zustande bringen können.

      Aber sehen wir es doch mal andersrum: Die Oberflächlichkeit vieler Leute erlaubt uns doch auch, sie mal punktuell heftig anzugreifen (so wie ich mit meiner Schreiberei). Na und? Dann regen sie sich zwar phasenweise heftig auf, aber bald ist alles vergessen (zumal, wenn sie sich einen Vorteil von Dir erhoffen).

      Danke für Deinen Beitrag und liebe Grüße
      Gerhard

      P.S. Für Mitleser: Christoph ist der einzige DJ, den ich kenne, der beim Auflegen stets eine Titelliste seiner Musik verteilt. Mehr Transparenz geht nicht…

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