Der Club, in den ich nicht gehe



„Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.“
(Groucho Marx, Austritts-Telegramm an den „Friars Club“)

Nach meinen Erfahrungen ist die Münchner Szene noch krasser beieinander als der Rest der Tangowelt – und das will inzwischen ja etwas heißen! Rätselhafte Verhaltensweisen sind hier an der Tagesordnung:

Man hält sich selber für nicht elitär, beklagt das allerdings bei örtlichen Kollegen, vor allem Tangolehrern. Wenn andere dies aus eigenen Erfahrungen bestätigen, lässt man Schimpfkanonaden dagegen los:

Selber haben die Protagonisten in der Isarstadt natürlich durchgehend sowas von recht – nur zitieren darf man sie nicht, sonst… siehe oben!

Selbstredend führt der dort flächendeckend praktizierte „traditionelle“ Tango zu einem Höchstmaß an Galanterie gegenüber dem Damenflor – was einzelne Salonlöwen allerdings nicht davon abhält, einander der Frauenverachtung respektive Humorlosigkeit zu zeihen:

Und obwohl doch die Synergie von Cabeceo-Seminaren, einfältiger Musik und Verwarnung von Abweichlern längst gefruchtet haben müsste, findet man den Verkehr auf dem Parkett einiger Milongas dort immer noch „zum Kotzen“:

Rätsel über Rätsel… doch dann stieß ich neulich auf ein Video bei „YouTube“ über die Münchner Promi- und Partyszene, welches mir endlich die Augen öffnete. In einer stillen halben Stunde unbedingt mal anschauen:



Im Kern geht es dort um die Eröffnung eines Edel-Clubs im Jahr 2008, mit welchem man dem legendären „P 1“ Konkurrenz machen wollte und zu diesem Zweck auch den langjährigen dortigen Türsteher Damir Fister engagierte: das „HeIIeaven“ in der betuchten Maximilianstraße 11 (vormals „Neva Bar“). Nachdem der wenige Meter weiter mit seinem „Crown’s Club“ Schiffbruch erlitt, stand er nun auf der Straße – freilich in wichtiger Mission.

Wie lockt man die Münchner Schickeria an? Zunächst durch eine Gästeliste (hier an die 600 Personen). Auf ihr stehen möglichst viele Promis (und solche, welche sich dafür halten oder zumindest das nötige Geld haben, damit man es ihnen abnimmt…). Nicht weniger wichtig: Weiber! Diese sind, soweit keine VIPs, in der Regel Models aus dem Stall diverser Modeschöpfer, welche man mit kostenlosem Verzehr lockt. Auch die Mädels erhalten einige Getränkebons mit der Arbeitsanweisung, fürs weitere Zuschütten jemand zu finden, der einen ausgibt… Und die Getränkekarte gibt’s schon mal „live“ auf den nackten Busen gemalt (Video schon gesehen?).

Wie kommt man auf die Gästeliste bzw. am Türsteher vorbei – falls weder prominent noch jung, schön plus willig? Zunächst einmal als Begleitung einer very important person und dann vorwiegend durch exzessiven Konsum plus sonstiger Stimmungsverbreitung: Die Barkeeper geben natürlich die Information weiter, wenn jemand bei ihnen eine Zwei-Liter-Wodkaflasche für an die tausend Euro ordert – oder entsprechende Mengen an französischer Edelbrause, damit möglichst den ganzen Tisch frei haltend.

Die wichtigste Funktion der Gästeliste ist daher, darauf zu stehen und somit – anders als das gemeine Volk – am Türsteher vorbeizukommen. Dies hat 1928 schon Altmeister Tucholsky erkannt:

„Die Behördenspitzen haben Anspruch auf einen Ehrenplatz sowie auf polizeiliche Absperrung, damit sie dieselbe ungehindert passieren können. Die Spitzen sind tunlichst zu fotografieren und der bessern Unterscheidung halber mit einem weißen Kreuz auf dem Bauch zu versehen.“

Vorbild ist deutschlandweit der ehemalige amerikanische Offiziersclub P 1 (war früher am Prinzregentenplatz 1 – für fremdländische Zungen unaussprechlich, daher „P one“ oder auf münchnerisch „Oansa“ genannt), wo der schon erwähnte Damir Fister angeblich „die härteste Tür Münchens gemacht“ hat. Für das ebenfalls bundesweit berüchtigte Münchner Publikum gilt somit der umgekehrte Groucho Marx: „Ich will unbedingt in einen Club, der mich nicht reinlässt“. Auch wenn dort inzwischen, glaubt man den Google-Rezensionen, statt Promis eher blasierte Junglümmel und „Spatzl-Larven“ Papis Geld unter die Leute bringen.

Das obige Video zeigt auch Innenaufnahmen solcher Clubs (inklusive der Gäste) – und nach deren Betrachtung steht für mich fest: Ich weiß nicht, wieviel Geld man mir geben müsste, um einen solchen Laden einmal zu besuchen. Auf jeden Fall würde ich in der Münchner Partymeile einen reservierten Parkplatz verlangen, um meinen Nissan Micra zwischen den Angeber-Boliden zu parken. Aber sonst? Meine Zeit verschwenden mit Musik, deren öde Langeweile mich schon nach einer Minute abtörnt, mit Menschen, die, am Platz stehend, das Wippen mit dem kleinen Finger für Tanzen halten, die sich nur selber für schön und wichtig halten, deren Geplauder einen Informationsgehalt von 5 bit pro Abend aufweist, von denen etliche lediglich zum Abschleppen heißer Bräute oder betuchter Schicki-Micki-Hansel da sind und für die Musik nur ein Hintergrundgeräusch bildet? Das unerträgliche Promi-Gedudel ertragen? O nein!!

Da fiel mir die Parallele zum Münchner Tango auf.

Gästelisten, so erfuhr ich einmal, scheinen zu existieren – auf dass Tangolehrer und Veranstalter umsonst reinkommen und ihren Promi-Status ausspielen können. Und Menschen, welche sich für den Nabel der Welt halten, anstatt das Problem anatomisch etwas tiefer zu verorten, gibt es ja genug! Warum aber, so frage ich mich, ist dort noch niemand auf die Idee eines Türstehers gekommen? Vor allem wohl deshalb, weil sie sich keinen leisten können – immerhin verdienen die Burschen um die 10 € pro Stunde. Und zumindest in Metropolen macht man eine Milonga nicht deshalb auf, weil man Geld investieren möchte, sondern eher, weil man keines hat…

Vielleicht werden uns die „doormen“ im Tango noch blühen – ich könnte es nur empfehlen, da Verbote immer anziehend wirken. Immerhin gibt es ja von diesen in der bayerischen Tangometropole mehr als genug. Da tummelt man sich dann gerne auf der Milonga, welche „die härtesten Códigos macht“. Und den höchsten Promi-Faktor besitzt beim Tango eine Gruppe, die bei gewöhnlichen Türstehern eher schlechte Chancen hat: Ausländer, zumal solche aus Südamerika. Das nenne ich ausgleichende Gerechtigkeit!

Übrigens gibt es den im Video präsentierten Club schon lange nicht mehr. Er wurde nach einem Jahr geschlossen, ebenso wie sein Nachfolger „Bash Club“. Dann hieß der Laden „Addicted II“ – auch hier verlieren sich die Spuren in den Weiten des Internets. Damit wechselten in der Maximilianstraße 11 die Veranstalter ungefähr in dem Tempo wie in der Sonnenstraße 12. Das Rezept ist einfach: Leute, welche bestens Bescheid wissen und in der Szene vernetzt sind, probieren ein Konzept, das nicht funktioniert. Ihre Nachfolger setzen dann genau wieder auf dieses und wundern sich, wieso sie ebenfalls scheitern. Das kann man beliebig oft wiederholen…  

Käme ich an den Muskelpaketen am Eingang der Milongas vorbei oder müsste ich wegen „ideologischer Abweichung“ (wie bei Cassiels Veranstaltungen) draußen bleiben? Ich bin optimistisch: Vielleicht sähe man in mir die Tango-Ausgabe eines Society- und Klatschreporters wie im wirklichen Partyleben der legendäre Michael Graeter. Nur würden sich dann die Türsteher nicht „Baby Schimmerlos“, sondern „der mit dem Pulli“ zuraunen… Ich tät' mir dann sogar einen Kir Royal" bestellen!

Bis dahin aber werde ich statt den bajuwarischen Bussi-Bussi-Sitten lieber britischen Vorbildern folgen! Ein englischer Lord, welcher auf einer einsamen Insel landet, baut sich ja bekanntlich zwei Hütten: Die eine ist der Club, bei dem er Mitglied ist, und die andere der Club, in den er nicht geht…

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