Das Beatrice-Syndrom



„Die Popularität des Namens geht auf eine Figur aus Werken des italienischen Dichters Dante Alighieri zurück: In Vita Nuova berichtet er erstmals von einer früh verstorbenen Beatrice (…), die er als junge Frau in Florenz getroffen habe. Später taucht Beatrice dann als Führerin des Erzählers am Ende des Fegefeuers und durch das Paradies in Dantes Göttlicher Komödie wieder auf – ganz passend zu ihrem Namen (Seligmachende'). Schon zuvor war sie es gewesen, die den Dichter Vergil darum gebeten hatte, den Erzähler aus dem dunklen Wald zu retten, in dem er sich verirrt hatte, und ihn durch Hölle und Fegefeuer zu begleiten. Ob Beatrice wirklich existiert hat oder nur eine Figur der Dichtung ist, bleibt unklar. (...) In der Literatur kann mit Beatrice auch eine unerreichbare Geliebte metaphorisch gemeint sein.“

Vorbemerkung:
Natürlich ist der hier verwendete Vorname ein Pseudonym. Aus begreiflichen Gründen durfte es nicht der echte sein, allerdings ebenfalls einer, der schon deutlich nach „Premium-Tangolady“ klingt. Als ich mit einer Tangofreundin beim diesbezüglichen Brainstorming war, meinte die: „Googel doch mal nach Ü40-Escort-Service!“ Na gut, ich bin dann fündig geworden, allerdings doch lieber mit dem Suchbegriff „elegante Vornamen Mädchen". Reicht ja auch…

Ich kenne Beatrice schon seit ihren ersten Tangoschritten, bei denen ich noch mithelfen durfte. Sie hat dann ziemlich schnell (vielleicht ein bisschen sehr rasch) in der Tangoszene Karriere gemacht und ist von bestimmten Milongas nicht wegzudenken. Kein Wunder, ihr Vorname bedeutet ja „die Seligmachende“, und das schafft sie bei einer umfangreichen Anzahl von Tänzern.

Bei mir nicht.

Nicht mal, wenn ich es öfters als einmal pro Jahr schaffen würde, sie aufzufordern… Damit wir uns nicht missverstehen: Sie ist ein sehr sympathischer und freundlicher Mensch, und das zählt für mich mehr als irgendwelche Tanzkünste – wenngleich ich ihr die ebenfalls nicht absprechen möchte. Nein, sie hat sich in der relativ kurzen Zeit ziemlich viel draufgeschafft und wird von gefühlten Highclass-Tangueros kräftig in die Ausbildungs-Mangel genommen. Na ja, vielleicht ein wenig sehr heftig, selbstredend zu zackig-konstantem Traditionsgedudel – da wird man etwas verspannter als nötig: nicht ihre Schuld!

Mir geht es folglich gar nicht darum, Beatrice irgendwie herabzusetzen, im Gegenteil: Sie wirkt stets nett, aufgeschlossen und interessiert an allen Personen in ihrer Nähe – falls man diese in dem Gewimmel um sie herum erreicht.

Ich frage mich nur, warum sich viele Männer wegen Beatrice derart zum Affen machen.

Es kann doch nicht allein der Vorname sein, den mit halb geschlossenen Augen und unter Weglassen des stummen „e“ auszusprechen einen natürlich schon zum Bestandteil einer gewissen Exklusivität macht: Wären wir beim Tango Beduinen (oder gar Taliban), ginge da unterhalb eines Kaufpreises von zwei Dutzend Kamelen und fünfzig Ziegen sicherlich gar nix.

Womit wir bei den Böcken wären: Es ist unglaublich, wie die Kerle Beatrice zusetzen! Oft kommt sie nach ihrem Eintreffen nicht mal dazu, sich ein Getränk zu kaufen – schon verstellt ihr der erste Tanguero den Weg zu einem Sitzplatz. Von wegen Cabeceo, der ist offenbar eher für weniger dringende Fälle… Na klar, wir tanzen beim Tango völlig verinnerlicht (endogen") keinesfalls nach außen (exogen") orientiert guter Witz!

Und von wegen Partnerwechsel bei der Cortina… unter drei Tandas geht gar nichts – wenn man sich so eine Premium-Tanguera schon mal unter den Nagel (oder die Krallen) gerissen hat. Dass man seinen Figuren-Fundus dabei schon nach zwei Minuten verbraucht hat, ist da kein Argument: Repetitio est mater studiorum – also nix wie ran an die Mutter!

Wenn dann der Beine Kraft doch irgendwann erschöpft ist, kommt die Kiefer- und Stimmbandmuskulatur zum Einsatz (die man ja bei gelegentlich eingeschobenen Tanz-Belehrungen schon aufgewärmt hat): Also pflanzt man sich ganz dicht an die nun sitzende Glückbringerin und textet sie noch ein halbes Stündchen zu… Ein direkter Dialog muss es ja – wie auf der Tanzfläche – nicht sein: Weiblicherseits reichen häufiges Nicken sowie gelegentliches Lachen über höchst originelle Scherze.

Wenn es irgendwie geht, schiebt man am selben Abend gerne noch ein zweites oder drittes Tanzründchen ein – oh heilige Códigos derer von Buenos Aires! Weiß der Männlichkeitsinterpret denn nicht, dass nach den altehrwürdigen Gesetzen unseres Tanzes aus den Spelunken und Rotlichtlokalen nach der zweiten Tanda ein One-Night-Stand eigentlich Pflicht ist, und nach der dritten Aufforderung gar die sofortige Heirat?

Wahrlich, in der guten alten Zeit hätt’s sowas nicht gegeben – bei Gardel! Und an den Códigos war nicht alles schlecht… die haben doch alles in sauberen (Auto)bahnen gehalten.

Eine kritische Frage kann ich der guten Beatrice nicht ersparen: Muss man sich wirklich so vereinnahmen lassen? Na schön, wenn‘s Spaß macht, ist es ja in Ordnung. Ich habe allerdings nicht immer den Eindruck eher verspüre ich die Schwäche, sich solchen Zumutungen nicht entziehen zu können.

Wie dem auch sei (und es geht mich ja auch nichts an): Bei mir sinkt angesichts solcher Dauer-Balzrituale die Lust, bei diesen mitzumischen. Da käme ich mir ebenso dämlich vor. Soll ich in gleicher Weise knallhart Gespräche unterbrechen, der andauernd Tanzenden den Rückweg vom Parkett verstellen oder mich gar vor dem Damenklo auf die Lauer legen? Um jeden Preis meine Fantasien von den andauernden Elite-Tänzen per Ellbogen durchdrücken?

Nein: Obwohl das öfters die Falschen behaupten, ist Tango ein sozialer Tanz. Es gibt genug Frauen, die sich nicht schlechter bewegen, allerdings bei Weitem nicht so einen maskulinen Rummel erzeugen. Die sind sehr dankbar, wenn man sie auch einmal bemerkt…

Was mich aber schon interessieren würde: Worin besteht dieses „gewisse Etwas“, mit dem die Beatrices des Tango die Männer derartig um den Restverstand bringen? Sicherlich: Sie schauen meist sehr gut aus und bringen das per Outfit und Makeup hervorragend zur Geltung. Doch davon sehe ich bei äußerlicher Betrachtung entschieden mehr, als wenn ich mit ihnen tanze. Ihre tangomäßigen Fähigkeiten? Definitiv nicht – da gibt es genug vergleichbare Tangueras, welche nicht derartige Erdbeben auslösen.

Wie fast immer bei der Spekulation über männliche Beweggründe findet man die Antwort auf verblüffend niedrigem Level: Ich glaube, diese Frauen besitzen einfach die Fähigkeit, jedem Kerl das Gefühl zu vermitteln, er habe immer Recht und sei sowieso der Größte. Unterwerfung (gerne auch vermeintliche) zählt – Selbstständigkeit kommt (wie auf dem Parkett) eher nicht so gut an!

Sie könnte ja von angesagten Cliquen gemieden werden, wenn sie mehr auf ihre eigenen Wünsche achten würde...

Dennoch bleibt (zumindest für mich als Mann) ein Stück Rätsel übrig: Bekanntlich versteht man unter einem Syndrom die typische Kombination verschiedener Anzeichen einer Krankheit, deren Entstehung und Entwicklung aber ist häufig unklar.

Trotz allem gelingt es mir immer wieder einmal, mit einer Beatrice zu tanzen. Wie? Indem ich mich an mein Grundrezept beim Tango halte: möglichst wenig machen. In dem Fall lege ich mich einfach so lange unter einem Beatrice-Baum, bis eine Beatrice herunterfällt! Diese Spezies weiß nämlich genau, was sie will.

Sie kommt nur so selten dazu.

Und, meine Damen, wenn Sie Beatrice arbeitsmäßig etwas entlasten wollen:



P.S. Mir werden ja immer die Suchbegriffe angezeigt, über die man auf meine Seite gekommen ist. Der neueste lautet: "sex nach milonga". Nein, das wird hier nicht erörtert!!

 

Kommentare

  1. Hm. Kenne ich. Hat vermutlich mit irgendwelcher Fundamentalsoftware (abgesehen von Verhaltensweisen denke ich an Trigger via Geruch oder sonstwelche Schwingungen) zu tun. Ich versuche damit so umzugehen: maximal geniessen, ohne dabei den Verstand zu verlieren, gar sich beherrschen zu lassen.

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    1. So sehe ich das auch.

      Und selbst bei diesen Verhaltensweisen gibt es ja eine gewisse Bandbreite...

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  2. Hm, kenne ich auch. Eine Beatrice in einer Szene hat den Vorteil, recht viele Tänzer anzulocken, die sonst woanders hingehen würden. Sie wird daher von Veranstaltern durchaus gern gesehen. Sollte sie eines Tages nicht mehr kommen, hat dies eine Strukturveränderung der Stammklientel zur Folge. Haben wir schon erlebt.

    Anthropologen und Evolutionsforscher können das Phänomen vielleicht erklären, vielleicht eher als Psychologen und Soziologen.

    Das männliche Gegenstück ist der dozierende Allesweiß, der sich für den begnadetsten Tänzer aller Zeiten hält. Er kommt bei vielen weniger fortgeschrittenen Damen an, aber nicht bei allen. Wenn er wegbleibt, ändert sich nichts.

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    1. Auf jeden Fall Naturwissenschaftler und keine Psychologen befragen!

      Das "Beatrice-Syndrom" im Hinblick auf männliche Milongagäste kenne ich ebenfalls - auch von den eigenen Veranstaltungen.

      Dass die "begnadeten" Tangueros keine Besuchereffekte auslösen, stimmt - die betreffenden Männer werden es aber nicht glauben...

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  3. Eine Beatrice ist also in jeder Hinsicht sehr attraktiv und wird von den Tangueros umschwärmt - oh Wunder. Wenn sie auch den Tango heiligen und Tandas für Herren freihalten würde, denen die sie im Bus den Sitz freimachen würde, wäre sie perfekt.

    Ich glaube, wir haben in unserer Szene derzeit keine Beatrice - schade eigentlich. Aber einige attraktive Damen ersetzen zusammen letztendlich eine Beatrice.

    Das männliche Gegenstück hier ist der schmerzbefreite Allestänzer, der stur der Reihe nach auffordert. Er kommt bei vielen im Alter fortgeschrittenen Damen sehr gut an. Wenn er wegbleibt haben sie ein Problem.

    ::wirdschonwerden

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  4. Robert Wachinger23. August 2016 um 19:23

    Hm, ein wenig männerfeindlich, der Artikel.

    Als Biologe weisst du doch: Männer "sind so", weil bei vielen tausenden Generationen von Frauen das "Sosein" der Männer zum Fortpflanzungserfolg geführt hat ;-) (Und Frauen "sind auch so" aus genau dem spiegelbildlichen Grund).

    Du schreibst:
    "Ich frage mich nur, warum sich viele Männer wegen Beatrice derart zum Affen machen."
    Ist doch klar: weil Beatrice es schafft, den "Neandertaler" (soll heissen: die eher "ausserintellektuellen Reaktionen") in den Männern zu triggern. Ob sie es bewusst macht oder nicht, ob sie die Aufmerksamkeit der Männer geniesst oder darunter leidet, ist dabei eine ganz andere Frage ...

    ;-)

    Ciao, Robert (der oft genug feststellt, dass er ziemlich nah dran ist, sich wegen einer Frau zum Affen zu machen ...)

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    1. Nun, ich betrachte den Tango (wie das Golfspiel) eher als eine postreproduktive Tätigkeit!

      Zur Evolution: Für den „survival of the fittest“ sehe ich in diesem Zusammenhang kaum Belege: Die Quote von Paarungen oder gar längerfristigen Partnerschaften, die der Tango bewirkt, scheint mir eher gering. Aber das ewige Balzritual… schon klar.

      Ansonsten ist mein Text sogar schwerstens männerfeindlich! Der Neandertaler ist da kein gutes Beispiel, der war immerhin schon ein „Homo sapiens“. Was ich beim Tango öfters sehe, scheint mir eher aus der pongiden Entwicklungslinie zu stammen (also vor locker 30 Millionen und nicht hunderttausend Jahren).

      Freilich besteht die latente Gefahr für jeden Mann, da hast schon Recht - aber man muss ihr ja nicht derart öffentlich erliegen…

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    2. Robert Wachinger27. August 2016 um 11:17

      Natürlich ist Tango “postreproduktiv“, aber das heisst doch nicht, dass Frauen und Männer deshalb plötzlich anders in ihrem Wesen werden.
      Meine Erwähnung der Evolution war unabhängig vom Tango als allgemeine Antwort auf deine Frage “warum sind Männer so?“ gedacht gewesen (weil sich eben das “Sosein“ der Männer und Frauen in gegenseitiger Abhängigkeit genau so evoluitv entwickelt hat. Schon vor Tango oder anderem ritualisierten Balzverhalten ;-) )

      Zu deinem letzten Abschnitt: um gegen seinen “inneren Neandertaler“ wenigstens einen Hauch einer Chance zu haben, erfordert eine deutliche Bewusstmachung, d.h. man muß das überhaupt erstmal als mögliches Problem bemerkt haben.

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    3. Das stimmt schon - auch im Altersheim spielen sich oft noch erschütternde Szenen ab.

      Zum Thema "Bewusstmachung": Daher meine Texte...

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  5. Das steht doch schon in der Bibel (Neues Testament, Jesu' Worte): Wer da hat, dem wird gegeben werden. Wer nichts hat, dem wird genommen werden. Auf deutsch: Je mehr Liebhaber, desto mehr Liebhaber. Wer keine hat, kriegt auch keine. Ist irgendwie das Prinzip des Früh-, Mittel-, Spät- und Postkapitalismus. Und der gilt auch auf der Piste!

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    1. Der biblische Hintergrund: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“ (Mt 25.29)

      Der Satz hängt mit dem Gleichnis von den Knechten zusammen, von denen zwei geschäftlich etwas aus dem Geschenk ihres Herrn machten, während der dritte es nur versteckte.

      Man kann das Ganze natürlich schon auf das kapitalistische Verzinsungsprinzip beziehen – ist aber derzeit nicht aktuell.

      Hinsichtlich der Frauen hast schon recht. Nachfrage erhöht den Preis. Eine positive Rückkopplung: Je mehr Gedöns die Kerle um eine Tänzerin machen, desto mehr wollen auch mit ihr tanzen (oder was auch immer).

      Das Problem steckt im Anfang: Wie kriegt man die Lawine erstmal ins Rollen?

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