Tipps für Tango-DJs
Auf dem Forum „Reddit“ fand ich folgenden, sehr amüsanten Beitrag eines angehenden Tango-DJs. Ich übersetze mal:
„Ich tanze seit acht Jahren und habe erst vor Kurzem angefangen, mich intensiver mit der musikalischen Seite einer Milonga auseinanderzusetzen, das heißt, ich versuche zu verstehen, welches Orchester gerade spielt, ob die Tandas gut zusammengestellt sind und ob die Reihenfolge der Tandas Sinn ergibt. Außerdem beschäftige ich mich gerade mit dem DJing, baue mir derzeit eine Musikbibliothek auf und erstelle einige Playlists, um sie zu überprüfen.
Im Allgemeinen habe ich folgende Tipps erhalten:
1. Es ist einfach, eine technisch gute Tanda zusammenzustellen, d. h. dasselbe Orchester, derselbe Sänger, ähnliche Entstehungsjahre.
2. Es ist schwierig, eine gute Tanda zusammenzustellen, die die Vorgaben aus Punkt 1 erfüllt UND dabei weitgehend denselben Musikstil beibehält.
3. 90 Prozent der Tanzenden scheren sich einen Dreck um die Punkte 1 und 2 (außerdem sind die meisten von ihnen nicht in der Lage, den Unterschied zwischen D’Arienzo und Pugliese zu erkennen).
4. Mindestens eine Pugliese-Tanda in einer Milonga, sonst beschweren sich die Leute.
5. Die Leute beschweren sich auch, wenn eine Pugliese-Tanda beginnt.
6. Die Leute beschweren sich, wenn es zwei Pugliese-Tandas gibt.
7. Eine Person wird sich bei dir bedanken, wenn du zwei Pugliese-Tandas einbaust.
8. Bitte keinen Pugliese zu Beginn der Milonga (das ist mir einmal passiert: Der DJ hat in der vierten Tanda mit ‚Gallo Ciego‘ angefangen, und alle dachten nur: ‚Was zum Teufel, Mann?‘)
9. Okay, ich höre jetzt mit dem Thema Pugliese auf. Wichtig: Beginne eine Tanda mit einem bekannten Lied, das die Leute auf die Tanzfläche lockt. Beende sie mit einem guten Lied, das den Leuten gefällt.
10. Bei der letzten Milonga, an der ich teilgenommen habe, beschloss der DJ, eine D’Arienzo-Tanda mit ‚Bien Pulenta‘ nach einer sehr schnellen Walzer-Tanda zu beginnen. Niemand tanzte, alle hatten zu diesem Zeitpunkt etwas Lyrischeres erwartet.
11. Irgendwann neigen die Leute dazu, sich hinzusetzen. Meistens ist das nicht die Schuld des DJs. Milongas mit einer begrenzten Teilnehmerzahl sollten nicht länger als 4 Stunden dauern. Die Leute werden müde, sie haben bereits mit allen getanzt. Mich persönlich motiviert ab einem bestimmten Punkt nichts mehr, wieder auf die Tanzfläche zu gehen.
12. Oh ja … Tandas aus den 20er- oder 30er-Jahren bitte nur zu Beginn. Versucht mal, mitten in der Milonga einen frühen Canaro einzuspielen, wenn ihr mir nicht glaubt.
13. Ich stimme der Regel ‚Belastet sie nicht zu sehr, lasst sie aber auch nicht zu viel schlafen‘ zu 100 Prozent zu.
14. Es wird immer jemanden geben, dem eure Playlist nicht gefällt (das ist nicht eure Schuld, ihr könnt nicht jedem gerecht werden).“
Quelle: https://www.reddit.com/r/tango/comments/1ftj42d/seeking_tango_dj_help/ (Kommentar von „TheGreatLunatic“)
Puh, harter Stoff! Aber bekanntlich ist Tango ein Tanz, bei dem man vor allem viel falsch machen kann.
Typische Milonga-Gäste erkennen zwar den Unterschied zwischen D’Arienzo und Pugliese nicht, beschweren sich aber über die Musikauswahl. Ich finde, das beschreibt die Situation für den DJ ziemlich gut.
Aber kritische Anfragen beim Aufleger beweisen ja Sachverstand. Ich fürchte, das ist der Hauptgrund für ihr Vorkommen.
Man muss es sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Auf einer üblichen Ball-Veranstaltung spielen die Musiker in einer Runde drei verschiedene Tänze – und alle halten das für normal. In der „Goldenen Epoche“ boten die Orchester nicht nur Tangos, sondern auch andere, gerade aktuelle Musik. Heute diskutiert man in der Szene verbissen darüber, dass bei einer Tanda irgendein historischer Schmus nicht genau beachtet wird.
Und im Internet laufen zwanghaft Gestörte herum und bringen es fertig, Debatten um des Kaisers Bart mit über 100 Beiträgen zu provozieren:
https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/08/kurznotiz-48-tom-tabaczynsky.html
Trotzdem kann ich DJs nur raten: Geht beim Auflegen stets vom eigenen Urteil aus – und beobachtet das Parkett! Tanzt auch mal selber und kümmert euch nicht um „Experten“, welche genau wissen, wie man ein Musikprogramm zu gestalten habe – und das leider auch noch laut aussprechen müssen.
Selber kann ich die Fälle nicht mehr zählen, wo ich auf Milongas die Musikauswahl fürchterlich fand – übrigens sowohl auf „traditionellen“ als auch „modernen“ Events. In keinem einzigen Fall habe ich das den DJ wissen lassen. Es ist sein Job, nicht meiner! Ich habe schließlich die Wahl, dazubleiben oder heimzugehen. (Übrigens auch das auch ein Grund, warum ich keinen sehr großen Fahrtaufwand mehr investiere.)
Das alles gilt nicht nur fürs Auflegen, sondern ebenso fürs Bloggen: Auch da erhielt ich schon unzählige Belehrungen, wie ich meine Seite zu gestalten hätte – oft genug von Leuten, die selber nicht mehr als ein, zwei unbeholfene Sätze hinbekommen. Wenn ich auch nur einige dieser Weisheiten befolgt hätte, gäbe es mein Blog längst nicht mehr.
Von der Schauspielerin Kim Basinger habe ich diesen Spruch gefunden:
„Wenn es keine Hochzeiten gäbe, würden Männer durchs Leben gehen und denken, sie machen keine Fehler.“
Alternativ kann man auch ein Tangoblog betreiben…
P.S. Einige nützliche Tipps zum Umgang mit Besserwissern finden Sie hier:
https://www.youtube.com/watch?v=R8ZjGEF6SwQ
Zugriffe 9.9.: 1627


Lieber Gerhard Riedl,
AntwortenLöschenmein Arzt hat für Patienten, die mit fertigen Diagnosen und Therapievorschlägen in seine Praxis kommen, dieses besondere Päckchen Pillen gegen Klugscheißeritis am Schreibtisch stehen:
https://amzn.eu/d/03H1ICQh
Das Päckchen empfielt sich möglicherweise auch für das DJ-Pult.
Bei der Gelegenheit: herzlichen Dank für die glänzende Unterhaltung in diesem Blog.
Beste Grüße
Bernhard Grupp
Lieber Bernhard Grupp,
Löschenvielen Dank - gelegentlich gelobt zu werden, ist mal eine schöne Alternative!
Das mit den Pillen ist eine tolle Idee. Für den Tango sollte man an Großpackungen denken...
Herzliche Grüße
Gerhard Riedl