Ideologisches zum Rampenbau
In Tübingen scheinen ja, stellvertretend für die Bundesrepublik, immer wieder hochpolitische Themen gewälzt zu werden. Sicher auch, weil der dortige OB Boris Palmer sein „Querköpfigkeits-Gen“ von seinem Vater Helmut, dem legendären „Remstal-Rebellen“, geerbt hat. Glücklicherweise bleiben ihm bislang die 423 Tage Gefängnis erspart, die sich sein Papa in der Summe zusammengetrotzt hat – meist durch Beleidigungen von Politikern, Polizisten und Richtern. Über 30-mal wurde er verurteilt, meist für Sprüche in der Preislage von „Welche Nazi-Muttermilch hast du gesoffen?“.
Auch sein Sohn Boris, den ich für eines der größten politischen Talente dieser Republik halte, kann bei offensichtlichem Blödsinn sein Maul nicht halten. Sonst wäre er wahrscheinlich längst Landesminister, wenn nicht Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Seinem langjährigen Freund Cem Özdemir, deutlich moderater in der Stimmlage, aber mit genau derselben Zielorientierung, ist es inzwischen gelungen.
Der neueste Renitenz-Fall des Tübinger OB: Bei einer Sportlerehrung der Stadt, bei der auch eine Tischtennisspielerin im Rollstuhl ausgezeichnet werden soll, würde die zur Erreichung der Bühne nötige Rampe 1200 Euro (für Miete, Auf- und Abbau) kosten. Palmer weigerte sich, das Geld „für eine Minute auszugeben, nur damit eine Person auf der Bühne steht“.
Die Sportlerin kommentierte das mit den Worten: „Mal wieder kommt die Ausrede der Kosten statt Inklusion. Bin ich also als Para-Sportler mal wieder weniger wert?"
Bei aller Sympathie halte ich ein solches Argument für hirnrissig. Es geht doch hier nicht um den Wert eines Menschen, sondern um eine praktische Lösung, mit der man eine Veranstaltung den gegebenen Umständen anpassen kann!
Palmer machte dazu auch Vorschläge: Man könne die Ehrung ja auch unten im Parkett vornehmen oder überhaupt alle Sportler vor der Bühne platzieren – was aber natürlich im Gesamtbild ziemlich doof wirke.
Angesichts klammer Kassen der Kommunen kann ich Palmers Weigerung verstehen. Er ist ja verpflichtet, mit den städtischen Finanzen sparsam und verantwortungsvoll umzugehen.
Schlimmer finde ich die Tatsache, dass unser Land insgesamt alles andere als barrierefrei ist – für Rollstuhlfahrer sicherlich eine Plage. Aber wäre es nicht ein Zeichen guten Miteinanders, wenn es selbstverständlich wäre, einen Behinderten mal über ein Hindernis zu lüpfen?
Wir hatten an unserem Gymnasium eine schwerbehinderte Schülerin, die öfters mal samt Rollstuhl getragen werden musste, wenn der Lift ausfiel. Ich kenne solche Fälle also auch von der praktischen Seite und darf versichern: Das geht!
Inzwischen hat sich – typisch Tübingen – eine elegante Lösung gefunden: Die Veranstaltung wird an die örtliche Musikschule verlegt, die über einen Hublift zur Bühne verfügt.
Na eben – seliges Tübingen!
Das ist die Misere dieses Landes: Probleme werden oft nicht praktisch gelöst, sondern von Facebook-Ideologen zu einem theoretischen Dissens aufgeblasen und moralisiert. Dann geht es nicht mehr um Vernunft, sondern darum, welches Dogma die Oberhand gewinnt.
Die Einsicht, ein Kompromiss könne nicht für eine Seite hundertprozentig positiv ausgehen, wird ignoriert. Stattdessen setzt sich eine Partei durch, und die andere randaliert, bezweifelt die göttliche Gerechtigkeit sowie umliegende Dörfer.
Auch in der kleinen Tangowelt spiegeln sich diese Tendenzen: In seiner Abrechnungs-Philippika zu meiner Person schreibt der Autor:
„Das Problem ist nicht Piazzolla. Das Problem ist seine Verwendung als moralischer Hebel gegen die traditionelle Milongapraxis. Wer Piazzolla ablehnt, ist dann angeblich eng. Wer ihn nicht in einer Milonga hören möchte, gilt als rückständig.“
Mit Verlaub: Das ist einfach nur dummes Zeug! Mir ist es nicht wichtig, ob dem Einzelnen diese Musik zusagt oder nicht. Aber ich weiß, dass es Gäste gibt, die ab und zu ganz gerne mal zu solchen Titeln tanzen würden. Und ich habe nie gefordert, den ganzen Abend Tango nuevo aufzulegen – das würde mich ebenso anöden wie die immer noch gängige Praxis, das gesamte Musikprogramm aus Aufnahmen bis 1955 zusammenzustellen. Oft aus einer überschaubaren Auswahl.
Die Realität ist aber: Die meisten DJs öffentlicher Milongas meiden Piazzolla-Stücke wie der Teufel das Weihwasser – nach wenigen Takten hätten sie möglicherweise lautstark protestierende Ideologen am Pult. Oder sie würden zumindest nicht mehr eingeladen respektive man zöge an ihren Terminen Gegenveranstaltungen auf. Alles schon persönlich erlebt!
Dabei wäre es doch so einfach: Wenigstens mal gegen Mitternacht ein, zwei Tandas Tango nuevo spielen – und die Hardcore-Traditionalisten könnten sich in der Zwischenzeit ein Getränk holen oder das Gegenteil unternehmen.
Ich habe mir heute Mittag zur Regierungserklärung die Bundestagsrede von Alice Weidel angehört: Alles ist schlecht, die Bundesrepublik dem Untergang geweiht!
Mich hat das an manche Texte aus Blog-Diskussionen erinnert: Moderne Musik, tänzerische Unangepasstheit seien der Tod des „sozialen Tango“.
Vielleicht könnten sich die Vernünftigen unter uns stattdessen dazu entschließen, statt Bedenken mal eine Behinderte auf die Bühne zu tragen – und Ideologen ins Hinterzimmer verfrachten.
Mit möglichst viel Bier. Ich würde es spendieren!
P.S. Und jetzt lieber zur WM!
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Es ist schon amüsant: Sie bezeichnen einen Satz als Unsinn und beweisen ihn anschließend im eigenen Text. Denn genau darum ging es: Nicht Piazzolla ist das Problem, sondern die moralische Sortierung derjenigen, die ihn in einer traditionellen Milonga nicht hören möchten.
AntwortenLöschenUnd dass dies ausgerechnet Ihnen passiert, der anderen sonst so gern empfiehlt, genauer zu lesen, ist besonders bezeichnend.
Es geht mir nicht um Leute, die Piazzolla auf einer Milonga „nicht hören möchten“. Sondern um die, welche ihren Musikgeschmack allen anderen aufdrücken wollen. Die dann den DJ schwach anreden oder sich beim Veranstalter beschweren.
LöschenWenn ich auf den vielen Milongas Terror wegen jeden Titels machen würde, der mir nicht gefällt, käme ich kaum noch zum Tanzen.