The same Tango as last Week


“The same procedure as last year, Miss Sophie?"
"The same procedure as every year, James!"
(Freddie Frinton: “Dinner for One“)

Der Blogger-Kollege Thomas Kröter hat heute einen Beitrag veröffentlicht, den ich für höchst empfehlenswert halte. Unter dem Titel „Experimente statt Langeweile!“ beschäftigt er sich mit der Frage: Verbessert die ständige Wiederholung derselben Aufnahmen beim Tango die Musikinterpretation oder führt sie eher zur Etablierung eingeübter Muster?

Tangofreund Thomas, der stets besser schreibt, wenn er provoziert statt flaniert, stellt hierzu klar fest, die „Gleichförmigkeit des Repertoires vieler DJs“ führe dazu, „dass gerade sich gut oder besser dünkende Tänzer, statt zu improvisieren, immer wieder mit eingeübten Mustern operieren“. Obendrein langweile ihn das zutiefst und verleide ihm zunehmend die Teilnahme an derlei Veranstaltungen.

Dies steht im Gegensatz zur Äußerung eines seiner Tangokollegen, „bei der Gleichförmigkeit und der Tatsache, über einen langen Zeitraum immer wieder das Gleiche hören zu müssen, ein Paradoxon entdeckt“  zu haben: Danach stelle „die wirkliche Improvisation sich erst nach jahrelangem Hören“ ein.

Thomas Kröter bezweifelt das: Ist es wirklich realistisch, zu unterstellen, dass uns zwischen dem 41. und 42. oder gar 95. und 96. Hören etwas grundlegend Neues einfällt – weil wir das Stück im Laufe der Jahre immer tiefer durchdrungen haben?“
Sicherlich tanzten wir zu ein und demselben Stück unterschiedlich – abhängig von Tagesform, Partner oder Platz auf der Piste. Mehr aber auch nicht.

In dem Zusammenhang warnt der Autor auch vor dem „in der Szene verbreiteten Perfektionsdrang. Denn er ist es zu einem guten, respektive schlechten Teil, der zu Unsicherheit, Verkrampfung und in der Folge zu Angst vor Unbekanntem führt.“

Bei stets wieder gleichartiger Beschallung fehle ihm der emotionale Anreiz:
„Dennoch bleibt es auch für mich eine immer wieder aufregende Herausforderung, ohne Vorbereitung in einer Milonga ein neues Stück auszuprobieren, womöglich noch mit einer mir bisher unbekannten Tänzerin. Aber dieser Thrill macht einen großen Teil des Reizes aus, den der Tango auf mich ausübt.“

Thomas Kröter gelingt – anspielend auf ein Zitat von Tete Rusconi zusammenfassend ein Satz, den ich für beinahe literarisch halte:
„Die Musik führt mich – im Zweifel sogar über mich hinaus.“

So weit in Kürze des Schreibers Gedankenführung – den Originaltext habe ich oben verlinkt (wie fast immer geraten Thomas‘ Artikel zu lang, aber da werden wir uns wohl nicht einig…).

Im Ernst: Was ist wichtiger für das Lernen als Motivation und Neugier? Ich bin wahrhaftig kein Verfechter verstiegener bildungspolitischer Experimente – aber was würde man gerade in diesem Bereich von der Ansicht halten, man dürfe in der Schule bloß nicht den Gegenstand wechseln, neue Themen aufgreifen – nein, die Schüler hätten bis zur Perfektion immer wieder die gleichen Sprüchlein aufzusagen? Ein solches Verfahren führt nicht einmal zur Perfektionierung, sondern zu Abstumpfung, ja Verblödung – falls der zu Erziehende nicht mit einem Rest von Intelligenz das Weite sucht…

So geht es mir auf etlichen Milongas: Wenn ich dort beispielsweise mit dem unsterblichen Repertoire von Juan D‘ Arienzo wie „Hotel Victoria“ zum Tanz genötigt werde, bin ich bereits nach einer Viertelstunde todmüde und möchte nach Hause – daran ändern nicht mal die besten Tänzerinnen etwas. Anfangs hielt ich das für eine Alterserscheinung. Ich kenne aber auch Veranstaltungen, auf denen ich müde und verschwitzt nach drei Stunden gerade die Garderobe aufsuchen will – aber dann legt der DJ schon wieder eine Runde auf, die ich auf jeden Fall tanzen muss. Gerne zitiere ich in dem Moment einen Satz unserer Tangofreundin Manuela Bößel: „Diese Noten können wir unmöglich auf dem Parkett liegen lassen!“

Tatsächlich aber zerfällt die Tangoszene heute in zwei Teile, die man durch ebenso viele Reaktionen beschreiben kann: „Hurra, endlich mal was Unbekanntes!“ und „Hilfe, was Neues, was soll ich darauf tanzen?“  Diese beiden Zitate beschreiben weniger verschiedene Ansichten als unterschiedliche tänzerische Fähigkeiten sowie die An- bzw. Abwesenheit von Eigenständigkeit und Selbstvertrauen.

Zudem reden wir ja sogar bei „vielfältiger Tangomusik“ weitgehend über gehobene Schlager- und Unterhaltungsstücke, meist strukturiert in einer ABAB-Gliederung, gehalten in simplen Taktschemata und einer Achterphrasierung. So what? Und reine Perfektion würde eh das Ende eines Tanzes bedeuten, der von sehr einfachen Menschen geschaffen wurde, um ihre Gefühle auszudrücken – und nicht für kopfgesteuerte Akademiker, die ihm durch ödes Glattpolieren den Lebensnerv rauben.

Entsprechend stolpert Butler James ja auch nur elf Mal über den Tigerkopf. Mehr wäre kontraproduktiv. Und wir sehen den Sketch nur zu Silvester. Dreimal pro Woche – das gibt es nur im Tango…  

Und weil ich mich gerade eh aufrege: Ein Großteil dieses Gedudels raubt mir die Möglichkeit, Bewegungen zu üben, welche halt die ziemlich einfältige Beschallung gar nicht liefert. Eine Götterspeise kannst nicht an die Wand nageln.

Letztlich hat Albert Einstein dazu schon alles gesagt:

„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Nach meinen Beobachtungen beginnen die Aufleger auf der öderen Seite des „Rio de la Platte“ allmählich darüber nachzudenken, ob nicht doch etwas Abwechslung hilfreich sei. So schreibt Olli Eyding, den man ohne Nahtritt einen „traditionellen DJ“ nennen darf, gerade auf Facebook:

„Auf die Frage ‚Warum spielt ihr DJs immer nur die alten Sachen‘ antwortete ich wie viele andere DJs noch vor wenigen Jahren mit Überzeugung: ‚Die Klasse der großen Orchester erreicht heute keiner.‘ Doch mittlerweile gibt es zahlreiche Orchester, die dieses Urteil zumindest abschwächen, wenn nicht widerlegen.“
https://www.facebook.com/olli.eyding/posts/10160229491325254

Als Beispiele nennt er Interpreten wie SILENCIO TANGO ORCHESTRA, ORQUESTA TIPICA MILONGUERA und mit Einschränkungen sogar das SEXTETO MILONGUERO. Halleluja – und wie schrieb schon der Evangelist Lukas im 15. Kapitel, Vers 7: „Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“

Freilich meint Olli zu bestimmten modernen Gruppen wie dem Sexteto Mayor": Ob sie zum Tanzen inspirieren, sollte man an anderer Stelle diskutieren.“ Man muss sich ja rückversichern, um die Stammkundschaft nicht zu vergraulen…

Thomas Kröter postet in seinem Beitrag auch ein Video, in dem die Berliner Tangolehrerin Vio TangoForge ein modernes Musikstück interpretiert, bei welchem sie noch nie geführt hat – und das mit einer Partnerin, die den Titel zum ersten Mal hört!

Nun, was in Berlin sensationell sein mag, gehört in Pörnbach eher zum Alltag: Als meine Frau und ich einst auf einem Ball eine kleine Tangoshow bieten sollten, kam ich auf die verrückte Idee: Karin sollte die Stücke aussuchen, ich wollte sie gar nicht wissen. Tango also als reine Improvisation!

In viel kleinerem Rahmen wagte ich dasselbe neulich beim Geburtstag einer Tangofreundin beim Vortanzen mit dieser. Als ich nachher das Video des Auftritts bekam, war darauf die leise Stimme eines weiblichen Gastes zu hören: „Woher weiß die jetzt, was sie tanzen soll?“

Tja, woher soll ich das wissen?

Hier noch eines der Stücke, mit welchem meine Frau mich vormals auf dem Ball überraschte. Ich kam dabei gewaltig ins Schwitzen – aber schee war’s:



(Die kleinen technischen Aussetzer verantwortet YouTube – damals lief es glatt durch.)

P.S. So wär’s natürlich einfacher gewesen:


 

Kommentare

  1. Lieber Gerhard, ich will ja jetzt nicht naseweis sein...aber was sag ich immer, ruhig, Brauner, Mode ist zyklisch. Und im Zweifel an die alte hessische Lebensweisheit denken: Bevor ich mich uffreesch, is es mir lieber egal.

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    1. Ach, für meine Verhältnisse bin ich recht gelassen... Und ich hab ja auch homöopathische Aufwärtstrends gewürdigt.

      Aber ich gestehe, dass mir temperamentmäßig Herbert Wehner näher liegt als Mutti Merkel. Ersterem hat Dieter Hildebrandt ja mal die Worte in den Mund gelegt:

      "Ich hoffe, Sie verzeihen mir meine Leidenschaft - ich hätte Ihnen die Ihre auch gern verziehen."

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  2. Lieber Gerhard, ich würde mich freuen, wenn du mich richtig zitierst. Meine Aussage, dass man an anderer Stelle diskutieren solle, ob sie zum Tanzen inspirieren, bezieht sich auf einen unmotiviert angreiferischen Kommentar und hier explizit auf Color Tango und Sexteto Mayor. Es ist schade, dass du Texte und Meinungen so verdrehst. Das hat wenig mit Satire zu tun, sondern wohl damit, dass du eine bestimmte, von dir vertretene Meinungsblase immer wieder von allen Seiten mit Luft füllen musst. Es wundert mich, dass du so unsauber arbeitest und dies nötig hast. Liebe Grüße Olli Eyding

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    1. Lieber Olli,

      es ist seit acht Jahren das gleiche Schema: Statt sich mit den Grundaussagen meiner „luftgefüllten Meinungsblasen“ zu befassen, wird gerne ein Nebenkriegsschauplatz für Haarspaltereien gesucht: Zitierweisen sind da ein dankbares Thema.

      Inhaltlich ist es nämlich sowas von egal, ob man das tänzerische Inspirationspotenzial von „Romantica Milonguera“ oder „Sexteto Mayor“ lieber nochmal diskutieren möchte. Ich halte jedenfalls an meiner Interpretation fest, es handle sich dabei um ein Hintertürchen, um die konservative Kundschaft nicht zu sehr zu vergraulen. Aber bitte: Du konntest es ja nun richtigstellen – und ich habe den Text im Artikel entsprechend angepasst.

      Sollte ich „unsauber“ gearbeitet haben, dann vor allem in dem Sinn, dass ich mich um große Freundlichkeit bemüht habe: Nun endlich wenigstens „Coverbands“ zur Kenntnis zu nehmen, welche häufig die alten Sachen lediglich eins zu eins nachspielen, ist aus meiner Sicht kein Quantensprung (oder höchstens einer im physikalischen Sinn, nämlich die kleinstmögliche Differenz zwischen zwei Energiezuständen). Trotzdem habe ich das gelobt – man muss ja heute im Tango schon mit kleinsten Fortschritten zufrieden sein…

      In Wahrheit hat man seitens der „traditionellen DJs“ seit mindestens zehn Jahren die musikalische Entwicklung im Tango verpennt. Möglicherweise fällt das inzwischen sogar schon den einschlägigen Stammgästen auf. Sich nun hinzustellen und Erleuchtungsblitze zu simulieren, so zu tun, als habe man nach einigen Jahren nun doch bemerkt, dass hunderte von Interpreten schon längst moderne, gigantisch zum Tanzen (wenn man’s denn kann) motivierende Musik liefern – das ist schon ein starkes Stück.

      Insofern entschuldige ich mich für meine satirisch unzureichenden Bemühungen im obigen Text.

      Schöne Grüße
      Gerhard

      P.S. Zu der von dir angesprochenen FB-Gruppe ist mir seit gestern Nachmittag der Zugang verwehrt. Wer da dran geschraubt hat, weiß ich nicht – warum, ahne ich.

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  3. Lieber Gerhard, das ist so wie eine Erkältung, beim sich das Rauchen abgewöhnen...das Universum will Dir sagen: Es gibt ein Leben ohne Facebook.

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    1. Bist du wahnsinnig? Wo nehme ich dann meinen Satire-Stoff her?

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