Kreuz und Queer

 
Meine Leserin aus Berlin, welche unter dem Pseudonym „Quotenfrau“ schreibt, hat mir bereits drei Artikel aus ihrer gelegentlich spitzen Feder zukommen lassen. Vor allem ihr letzter Beitrag („Allein unter Weibern“) fand riesiges Interesse und rangiert derzeit nach den Zugriffszahlen auf Platz 4 unter den insgesamt 647 Veröffentlichungen dieses Blogs. Das muss man erstmal hinkriegen…

Zum Nachlesen:

Umso mehr freut es mich, dass mir die Autorin heute ihren vierten Text zusandte, den ich natürlich sehr gerne veröffentliche. Sie hat sich nun auf die Erkundung des Phänomens „Queer Tango“ verlegt und dabei sehr positive Erfahrungen gemacht.

Wem dies Neuland ist, dem hilft vielleicht „Wikipedia“ weiter:

„Der Queer Tango ist eine Variante des Tangos, bei dem die traditionellen Geschlechterrollen beliebig gewechselt werden können und auch gleichgeschlechtliche Tanzpaare möglich sind. Queer steht in diesem Zusammenhang nicht nur als Selbstbezeichnung für die LGBT-Gemeinschaft (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender), sondern schließt mit dem Begriff auch heterosexuelle Tanzpaare ein, die die konventionellen Geschlechterrollen ignorieren.“

Bühne frei also für den Artikel meiner Leserin mit dem Titel

Kreuz und Queer“

Der geneigte Leser mag bereits meine vorherigen Artikel zu meinen Bemühungen und Motivationen verfolgt haben, mich zum Lager der Führenden zu gesellen. Hier nun druckfrisch meine neuesten Erlebnisse auf neuem Terrain:

Im Zuge meiner Fortbildung zur weiblichen Führungskraft stand diesen Freitag eine Exkursion zur ersten Queer-Milonga auf meiner Agenda. Nachdem der Besuch einer reinen Weibermilonga mir so viel Praxis wie noch nie beschert hatte – und zwar ohne die sonst häufig entgleiste Mimik der Aufgeforderten – war ich neugierig auf diese Veranstaltung.

Nachzulesen war über den Begriff Queer, dass dieser nicht ausschließlich auf amouröse Vorlieben gemünzt ist, sondern vielmehr alle Leute abseits des konservativ besetzt Üblichen meint und beim Tanz eben auch das Ausprobieren anderer Rollen. Trotzdem war ich etwas unsicher, ob man als Hetero dort vielleicht stört und wie ich mich wohl am besten in die Veranstaltung einfüge. Auf den üblichen Milongas sehe ich nämlich nur vereinzelt führende Damen – auch wenn das in meinen drei Tangojahren allmählich zunimmt – und noch seltener männliche Paare, und da könnte ich verstehen, wenn man auf einer Queer-Milonga lieber etwas unter sich ist. Daher wusste ich nicht, wie die Aufmachung der Besucher sein würde, und wollte nicht unbedingt den Auffälligkeitspreis gewinnen (sonst durchaus). Am Ende entschied ich mich für etwas Gepunktetes, das passt immer.
Insgeheim vermutete ich, dass der eine oder andere Herr in Damenkluft auftauchen würde. In Videos anderer europäischer Veranstaltungen hatte ich das jedenfalls gesehen.

Die Veranstaltung fand in einer großen Berliner Tangoschule statt, wo es sonst auch immer freitags Milongas gibt; diesen Abend zierte also nur ein anderes Etikett. Aufgelegt wird an diesem Ort stets traditionell mit bieder-bravem Publikum, und da war ich umso positiver überrascht, dass gerade dort eine Queer-Milonga stattfindet, die hätte ich woanders verortet. Nebenbei möchte ich bemerken, dass es da ganz neu einen sonntäglichen Dauerkurs zum Rollentausch gibt, den ich mit Begeisterung besuche und beide Rollen üben kann. Sehr innovativ, muss ich sagen! Manche Schulen erkennen die Zeichen der Zeit.

Ich war wie immer früh dort, da ich im späteren Gewühl noch nicht gut navigieren kann. An der Kasse traf ich einen bekannten, reiferen Tänzer, dem ich verwundert entgegenrief, dass ich ihn heute hier gar nicht vermutet hätte. Ihm gehe es ebenso, antwortete er mir. Es klärte sich dann auf, dass er den Etikettenwechsel für diesen Abend nicht mitbekommen habe... Übrigens nicht der Einzige im Laufe des Abends, den ich über den Anlass der Veranstaltung erleuchtete.

Ein paar Besucherinnen kannte ich bereits, und so war für erste Tänze gesorgt, bevor ich mich an fremde Damen wagte. Mit diversen mir bekannten, quasi irrtümlich anwesenden Herren habe ich auch getanzt, allerdings folgend, da diese es selbst nicht konnten – da hab ich natürlich Rücksicht drauf genommen. Ich bin ja neuerdings flexibel einsetzbar.

Zum Kennenlernen rief man dann noch die Geheimwaffe Tauschtanda aus. Aufgefordert wurde eher nicht durch Hypnotisieren quer durch den Saal, sondern durch Hingehen und Fragen. Die Veranstaltung füllte sich, und die erwarteten optischen Auffälligkeiten blieben aus. Das Publikum sah nicht anders aus als sonst, nur mit einem deutlichen Frauenüberschuss. Vielleicht tanzen Herren im Queer-Umfeld auch nicht so gern wie bei allen anderen Gelegenheiten, wo es den bekannten Frauenüberschuss gibt. Anders war hier nur, dass die Damen nicht passiv herumwarteten, sondern eifrig miteinander tanzten. Wie auch bei der Weibermilonga beherrschen die meisten Damen und Herren beide Rollen. Positiv erwähnen möchte ich noch, dass das Besitzerpaar der Tanzschule anwesend war und mitmischte, sowie mindestens ein weiterer Tangolehrer.

Eine Kurskollegin hörte dann, wie sich zwei reife Herren über den Anlass der Veranstaltung mokierten und gegenseitig ihr Missfallen gegenüber führenden Damen zum Ausdruck brachten, insbesondere, da im Tango ja stets ein Mann und eine Frau dazugehörten, und zwar schon immer. Der Leser weiß es besser… Nun ja, wer sich nicht über eine Veranstaltung informiert, ist selber schuld. Vielleicht fehlten Ihnen auch die sehnsüchtig herumwartenden Damen, die sonst ihrer Gunst alternativlos ausgeliefert sind. Derartige Mengen an führenden Frauen können auf so ein antiquiertes Weltbild durchaus bedrohlich wirken.

Was aus den beiden Herren den Rest des Abends geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich war zu beschäftigt, um mich um grantelnde, herumwartende Herren zu kümmern.

Hier könnte der Artikel zu Ende sein, ist er aber nicht.

Weil es so schön war, bin ich gleich am nächsten Tag bei der nächsten Queer-Milonga eingefallen. Wie häufig diese sind, kann ich noch nicht sagen, vielleicht waren deren zwei an einem Wochenende Zufall. Die andere war eine Sonderveranstaltung und auch nicht überall publiziert, so dass die Irrläufer des Vortages ausblieben. Auch hier wurde munter aufgefordert und getauscht, und es kamen sogar fremde Damen auf mich zu, damit ich sie führte, weil sie mich schon auf dem Parkett gesehen hatten. Also, meine Kunst macht zum Glück wohl Fortschritte. Nur mit dem Kreuz stehe ich weiterhin auf Kriegsfuß... 2,3 Grad nach links rotieren... knifflig...

Die Veranstalterin begrüßte nach einer Weile die Gäste und tanzte dann selbst, insbesondere mit neuen Gästen wie mir, um diese zu integrieren. Einige Paarungen wirbelten auf sehr hohem Niveau, und zwar in beiden Rollen. Normalerweise muss man für solche Darbietungen Eintritt zahlen.

Wie ich so dasaß inmitten fröhlicher Menschen, kam es mir besonders unverständlich vor, wie jemand andere ablehnen kann für die Art, wen und wie sie jemand lieben. Was manche Heteros miteinander anstellen, ist auch nicht jedermanns Sache, geht mich aber genauso wenig an.

Abschließend betrachtet komme ich auf queeren Veranstaltungen eindeutig mehr zum Tanzen, weil ich führen kann und die Besucher dafür auch offen sind. Trotzdem werde ich auf konventionellen Milongas weiter fremde Damen auffordern, auch wenn das sonst keine macht und es für Irritationen sorgt. Irgendwer muss diese Pionierarbeit ja leisten, bis es Usus wird.

In Berlin scheint sich da wirklich eine Trendwende anzubahnen, und ich möchte auch andere Tänzer ermutigen, „aus der Rolle zu fallen“. Je öfter wir das machen, umso alltäglicher wird es, und somit haben alle die Chance auf viele Tänze, ohne ewig gelangweilt Löcher ins schöne Parkett zu starren.

Herzlichen Dank für den schönen Text, der aus meiner Sicht wieder einmal beweist, dass Frauen im Tango nicht weiterkommen, wenn sie sich lediglich als armes „Opfer“ verstehen und zwar gute Ideen haben, diese aber mit keinem oder nur geringem Engagement verfolgen. Dies beruhigt natürlich die mental öfters noch in der Jungsteinzeit verankerten Tangueros ungemein…

Abschließend noch eine kleine optische Impression vom „Queer Tango“:

Kommentare

  1. Hallo „Quotenfrau“,
    ich habe Deine bisherigen Artikel mit großem Interesse gelesen - also vielen Dank dafür!
    Ich beneide Tänzerinnen/Tänzer, deren Wohnort es ihnen erlaubt an dezidierten „Queer“-Veranstaltungen teilzunehmen. Teilüberschneidend mit dem Thema Queer, las ich auch jüngst einen Artikel in einem anderen Tangoblog, in dem eine reine „Männerveranstaltung“ beschrieben wird [http://abrazos.de/die-maenner-aus-der-tango-werkstatt-20180327/].
    Wie schön, dass „eine Berliner Tangoschule“ nun einen speziellen Kurs für den Rollentausch anbietet!
    Diese Tanzschule trägt ja auch (wahrscheinlich den eigenen elterlichen Erfahrungen des Inhaberpaares geschuldet) bereits seit längerem so wichtigen Details wie „Kinderbetreuung“ Rechnung.
    Dein Satz: „Aufgelegt wird an diesem Ort stets traditionell mit bieder-bravem Publikum…“ hatte mich zwar zunächst daran zweifeln lassen, dass eben genau diese Tanzschule gemeint sein könnte - aber ein kurzer Blick auf das Kursprogramm hat mich dessen versichert.
    Meine letzte Freitagsmilonga dieser Tanzschule liegt nun bereits mehr als zwei Jahre zurück, aber ich kann mir nur schlecht vorstellen, dass sich dort inzwischen ein „traditioneller“ Tango eingeschlichen haben soll J Hoffentlich kann ich mir im Laufe dieses Jahres wieder selbst ein aktuelleres Bild über die Situation machen.
    Leider konnte ich bislang noch nie eine Queer-Milonga besuchen, ich stelle mir solche Veranstaltungen aber als durchaus reizvoll vor. Im Besonderen, wenn sie regelmäßig stattfinden. Warum?
    (Fortsetzung siehe unten)

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  2. (Fortsetzung)
    Weil ich Deinem Text die gleiche Beobachtung wie Thomas Kröter („In den Queermilongas, von denen „Quotenfrau“ berichtet, war die Aufforderungslage aus weiblicher Sicht jedenfalls erheblich entspannter als in den klassischen Veranstaltungen. Daran könnte, nein, sollte sich die Mehrheit der Szene ein Beispiel nehmen.“ [http://kroestango.de/aktuelles/hola-chico-oder-darf-ich-bitten-mein-herr/]) entnehme.
    Es gibt nichts Schöneres als eine Milonga, auf der die breite Masse des Publikums entspannter, guter und zufriedener Stimmung ist. Zufriedenheit ist doch das, was die Leute letztlich als Gegenleistung für ihr Eintrittsgeld oder ihre Spende suchen. Stress ist meiner Erfahrung nach kein guter Wegbegleiter auf dem Weg zur Zufriedenheit. Sich stundenlang um passende Tanzpartner „bemühen“ zu müssen, würde ich jedoch mit Stress assoziieren. Sollte diese Mühe mit dauernder Erfolglosigkeit einhergehen, so kommt bei den meisten Menschen auch noch Frust hinzu.
    Korrigiert mich alle, falls ich nun etwas Falsches behaupte. Aber bei „Anfängern“ drückt sich der Frust doch in erster Linie dadurch aus, dass sie überhaupt nicht zum Tanzen kommen. Bei „Profis“ drückt sich der Frust eher dadurch aus, dass sie lediglich mit den „falschen“ Leuten zum Tanzen kommen/bzw. kämen. Durch ein potenzielles „alle mit allen“, wäre meiner Vermutung nach deswegen sowohl den Anfängern als auch den Profis entgegengekommen (bin leider kein Mathematiker, der diese Matrix korrekt aufstellen und mein Behauptung damit beweisen könnte). Zudem wird es einige Jahre länger dauern, bis man in beiden Rollen das Level „Profi“ erreicht hat. Man entzieht sich selbst damit also der „Crux der Einsamkeit“, unter der die „Profis“ gelegentlich leiden.
    Vielleicht würden sich sogar die bereits von sich selbst gelangweilten Protagonistinnen/Protagonisten ein neues und interessantes Betätigungsfeld erschließen. J
    Hinzu kommt: Die persönliche Erfahrung, wie unterschiedlich sich „Führungsarbeit“ für den/die Folgende(n) anfühlen kann, täte insbesondere einigen männlichen Tänzern gut. Vielleicht würden diese sogar ehrlichere oder gar konstruktivere Kritik erhalten. Vielleicht würde es sogar im besten Falle helfen, mit dem eigenen Ego in einen befruchtenden Dialog zu treten. Vielleicht würde dies endlich sogar MIR SELBST einmal gelingen?!
    Andererseits würde vielleicht bei einigen Damen (jedweden Levels der Folgenden-Rolle!) der Respekt vor dem „Können“ manches Führenden steigen. Selbst und gerade dann, wenn es sich bei der „Führungsarbeit“ um ein eher mittelmäßiges Niveau handeln sollte.
    Ich möchte mich daher auch der Aufforderung von Thomas Kröter nach dem „Beispielnehmen“ anschließen. Er schreibt weiter: „Auch wir Männer müssen unser Verhalten verändern.“
    Da die allermeisten Besucher einer Milonga aber aus rein altruistischen Motiven handeln (Ausnahmen bilden lediglich die armen, von Ihren Lebenspartnern gezwungenen…), müssten also auch den Männern gewisse Vorteile aus dieser „neuen“ Situation erwachsen. Anderenfalls wird es wohl kein männliches Gegeninteresse geben, solche „neuen“ Muster zu etablieren.
    Ich schätze deswegen, es müssen leider einmal mehr die Frauen eine „Bewegung“ ins Rollen bringen. Sie müssten dafür sorgen, dass am Ende der Cortina ausschließlich Männer „auf der Stange“ sitzen.
    Sie müssten dafür sorgen, dass die besten Führenden von weiblichen Tänzerinnen gestellt werden. Wenn es vielen Männern nur noch in ihrer Eigenschaft als hervorragender Folgender möglich ist, an diese Damen „heranzukommen“ - dann wäre das Ziel wohl erreicht.
    Keine Sorge - es gäbe und gibt sicherlich Methoden, den Cabeceo in dieser etwas komplexeren Gemengelage beizubehalten.

    Grüße,
    Matthias Botzenhardt

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