Tangokurse: ja oder nein?


„Die erste Frage beim Tango-Unterricht lautet stets: ‚Wie zähle ich?‘ Und da wurde unsere Tangolehrerin regelmäßig fuchsteufelswild: ‚In der Liebe zählt ihr doch auch nicht!‘ Na, wer weiß?“
(Peter Ripota: „Tangosehnsucht“)

Kürzlich habe ich mich (wieder einmal) mit der Frage beschäftigt, wie dringend man die üblichen Tangokurse benötige. Zweifellos gibt es ja gerade in künstlerisch-kreativen Bereich sehr viele Autodidakten:

An den Kommentaren kann man sehen, dass viele diese Artikel als Behauptung verstehen, man könne Tango  locker „von selber“ lernen. Das habe ich aus einem einfachen Grund nicht gesagt: Weil es nicht stimmt – jedenfalls nicht für die überwältigende Mehrheit der Lernenden! 

Eine Leserin auf Facebook schrieb:

„Ich würde wirklich gern glauben, dass man nicht unbedingt einen Tango-Kurs braucht und mit Milongas vielleicht sogar besser dran ist. Damit hätte ja auch die nervenaufreibende Suche nach einem festen Tanzpartner ein Ende. Speziell für Folgende scheint mir das auch (aus meinem Bauchgefühl heraus) möglich zu sein, aber ... funktioniert das wirklich auch für ‚Normalos‘, die einfach Spaß an der Sache haben und mit Leidenschaft dabei sind, aber nicht unbedingt ein besonderes ‚Ausnahmetalent‘ sind? Gibt es hier (…) jemanden, der einen solchen Weg selbst eingeschlagen hat?“

Das bisherige Schweigen beweist mir: „Ganz von allein“ lernt kaum einer tanzen – wie denn auch?

Nicht sehr viel höhere Erfolgschancen sehe ich allerdings für den Normalfall: die Buchung eines meist längeren Gruppenunterrichts bei irgendwelchen Tangolehrern.

Um mir nicht vorwerfen zu lassen, ich hätte neuere Entwicklungen in der Tanzschulbranche verpasst, habe ich vor knapp zwei Jahren als Springer bei einem Tangokurs mitgemacht. Das Ergebnis: Eher alles so wie vor fast 20 Jahren, als ich meine ersten Anfängerstunden besuchte.

Meine Einwände gegen solche Veranstaltungen sind nach wie vor:

·         Es wird von den Tangolehrern viel zu viel geredet und „vorgemacht“, statt sich um die Lernenden individuell zu kümmern, indem man ihr Tanzen begleitet.
·         Die Musik spielt eine zu geringe Rolle; selbst wenn dann mal getanzt werden sollte, sind es bestenfalls die bekannten, schleppenden Stücke – oder sie werden durch Einzählen ersetzt.
·         Die Unterweisung besteht im Wesentlichen darin, das nachzumachen, was der Lehrer vorzeigt. Frühzeitige Anregungen zu eigenen Variationen sind Mangelware – die Lernenden werden so zu passiven Objekten degradiert.
·         Didaktisch mehr oder meist weniger geschickt wird der „Stoff“ in Häppchen zerteilt und anschließend zusammengesetzt. Der Fokus liegt nach wie vor auf „Figuren“ oder „Abfolgen“, nicht auf der weit nützlicheren Tanztechnik.
·         In der Mehrzahl der Kurse hält man immer noch an der Mär vom „Führen und Folgen“ fest. Dass Paartanz eine wechselseitige Kommunikation und Aktivität darstellt, kommt jedenfalls in der Praxis viel zu kurz.
·         Immer noch weigert sich das meiste Lehrpersonal hartnäckig, direkt mit dem einzelnen Schüler zu tanzen. Dabei ist dieses „Erspüren“ durch nichts zu ersetzen!
·         Wer bei Kursanmeldungen auf einen „festen Tanzpartner“ besteht, hat damit schon bewiesen, dass er vom Tango alles Mögliche hat – nur keine Ahnung! In Wahrheit ist es mehr als Pappendeckel, ob mal zwei Frauen oder gar Männer (!) miteinander üben wie in der Tango-Frühzeit. Ein Rollen- und Partnerwechsel könnte Variabilität und gegenseitiges Verständnis enorm fördern. Dass etliche Schüler das nicht wollen, darf keine Rolle spielen: Bei Fahrstunden werden sie auch nicht gefragt, wie sie gerne den Führerschein machen möchten!  
·         Weiterhin wird Tanzunterricht nach dem „Richtig oder Falsch-Schema“ erteilt. Letztlich wird somit erwartet, dass die Schüler so tanzen sollen wie ihre Lehrer. Das ist aber deren Tango – jeder muss seinen eigenen finden! Beim Entwickeln eines eigenen Stils werden die Lernenden bestenfalls nicht gefördert – meistens sogar durch ständige Korrigiererei behindert.

Bis zum seligen Hinscheiden halte ich daher an einem genialen Satz meines Tangofreundes Peter Ripota fest:
„Beim Tango argentino ist es das Schlimmste, so zu tanzen wie alle anderen.“

Die Tangolehrer geben es zwar nicht zu – wäre schlecht fürs Geschäft – aber den Helleren unter ihnen ist schon klar, dass ihre Schüler mehr Technik, weniger Figuren, intensivere Übung, selbstständigeres Tanzen und schwierigere Musik bräuchten, um weiterzukommen. Nur ist halt die Furcht groß, die Kundschaft könnte dann zur Konkurrenz laufen, die nach drei Unterrichtsstunden schon einen Gancho im Programm hat. Also müssen immer wieder Placebo-Themen her, damit die Lernenden glauben, sie könnten schon Tango…

Sorry, aber für mich gehört zu einem Lehrer vor allem die Aufrichtigkeit, ein Fach so zu unterrichten, wie es sich gemäß eigener Sachkunde darstellt – und nicht dummes Zeug zu labern, nur, weil es sich besser verkauft. Niemand hat gesagt, dass man vom Tango leben kann. Im Zweifel empfehle ich, vorsichtshalber noch etwas Anständiges zu lernen!

Die Verantwortung trifft aber ebenso die Schüler: Wer immer noch die Wahl des Tangounterrichts von der kürzesten Fahrtstrecke, den niedrigsten Preisen oder gar der argentinischen Abstammung des Personals abhängig macht, dem ist nicht zu helfen. Ob ein Lehrer aus Buenos Aires oder vom Nachbardorf kommt, sagt genau nichts über seine Befähigung aus – und schon gar nicht eine lange Liste angeblich gehabter Starlehrer, tolle Tanzshows oder die Platzierung bei Meisterschaften. Lehren erfordert ein intuitives Eingehen auf die Stärken und Schwächen des einzelnen Schülers. Streng genommen muss man dazu nicht einmal Tango können – höchstens tanzen. „Im Blut“ hat man vielleicht Alkohol oder Grippeviren, aber keinen Tango!

Tango also „ganz allein“ lernen – einfach durch Abschauen? Das werden nur sehr Begabte hinbekommen. Aber es gibt so viele Möglichkeiten jenseits der üblichen Kurse! Vor Einzelstunden scheuen die meisten wegen des höheren Preises zurück, obwohl der einen überzeugenden Grund hat: Man lernt ungleich schneller!

Aber es geht auch preiswerter: Warum trifft man sich nicht mit einigen Tangofreunden zu privaten Übungsstunden? Wenn nicht alle das gleiche Level haben – umso besser: Durch diesen gegenseitigen Austausch kommt man, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, enorm weiter, und zwar nicht nur die schwächeren Tänzer! Im Extremfall helfen sogar YouTube-Videos, weil man dort auch nicht weniger sieht als in einer üblichen Tangostunde.

Aber klar – jeder lernt anders und darf sich seinen Weg zum Tango alleine suchen – aber bitte aktiv und selbstständig, und nicht mit der Erwartung, alles müsse bequem sein und auf dem Silbertablett serviert werden. So wird es nämlich garantiert nichts!

Fazit:

Ich weiß, dass ich vieles schon in früheren Texten angesprochen habe. Der Vorwurf der Redundanz lässt mich jedoch kalt: Meine hartnäckige Veröffentlichung von Playlists wurde ebenso als unnütz abgetan. Gerade aktuell sehe ich wieder, dass dies immer mehr Nachahmer findet: https://www.ichtich.de/?p=1290

Und sicherlich wird es weiterhin Leute geben, die behaupten, ich sei ein Gegner des Tangounterrichts. Ja, mei‘…

Lassen wir denn die begnadeten Tanzpädagogen mit dem „Authentizitäts-Knopf im Ohr“ weiterhin vormachen, dass sie es selber können. Das glaube ich ihnen sogar – es ist mir jedoch piepegal. Mögen die Tangoprinzen und ihre Holden im Paso basico laut zählend in eine glückliche Zukunft schreiten – und wenn sie nicht gestorben sind, dann reden sie noch heute…

Kommentare

  1. Oh, da bin ich ja wirklich verdorben! Ich habe meinen ersten Tangokurs noch in Deutschland in einer von mir so betitelten "esoterischen Tangoschule" gemacht und fand das ganz toll! Ich komme vom Zehntanz, wie Ihr anscheinend auch, und wollte nicht mehr eingesperrt werden in Korsetts von "zugelassenen" und "richtigen" "Figuren" und den sogenannten "Folgen". Und all das gab es bei meinen (deutschen) Tangolehrern nicht. Die beiden Hauptregeln, die wir bekamen, lauteten: 1. Ihr belastet immer deutlich ein Bein (eigene Balance). 2. Ihr wollt gerne miteinander tanzen (Kontakt). Nur mit diesen beiden Sätzen konnten sie uns nun Ochos und Kreuzsystem beibringen, ohne die Wörter überhaupt zu nennen. Und gegangen sind wir, ach so schön! Ich habe es geliebt.
    Das Dumme war natürlich, dass ich durch diese sehr körper- und bodenzentrierte Vermittlung zwar recht sensibel wurde, aber gleichzeitig auch nichts "konnte". All die schicken Sachen, die man anscheinend können soll, lernt man ungefähr nach sechs bis sieben Kursen. Nach drei habe ich allerdings aufgehört und bin nach Schweden gezogen.
    Hier habe ich mittlerweile zwei Anfängerkurse und zwei Intensivwochenenden mitgemacht und habe auch hier Lehrer gefunden, die sehr in meinem Sinne unterrichten: im Kontakt bleiben, einladen, wahrnehmen, frei sein, spielen. Alles geht, nichts muss. Und das Gegenteil: "Du musst schon kreuzen da, das kann man nicht führen, das musst du wissen!" (Übrigens ein Argentinier)(der mich nahezu dazu gebracht hat, lieber mit Kühemelken anzufangen als weiterzutanzen, weil mir dazu anscheinend jede Begabung fehlt)
    Mir selber bringen Practicas und Milongas leider exakt nichts. Da ich ja nicht dem gängigen Schönheitsideal entspreche UND noch nicht viel "kann", bleibe ich sitzen und habe gelernt, wie es aussieht, wenn man einen Cabeceo ignoriert. Aber das gehört nicht hierhin ;-) .
    Also: klar PRO Kurs, aber ich hatte auch Glück.
    Viele Grüße vom Polarkreis,
    Annika

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    1. Liebe Annika,

      herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Beitrag!

      Die Aussage des argentinischen Tangolehrers ist klare Realsatire – vielleicht sollte er sich aufs Kühe melken verlegen…

      Was Du zum restlichen Unterricht beschreibst, klingt sehr vernünftig. Allerdings gehört für mich schon dazu, seine Schüler auch „milongatauglich“ zu machen. Auf die Dauer nur im Unterricht Tango zu tanzen ist halt das halbe Vergnügen. Vielleicht hätte man mit dem ganzen Kurs einige Tangoabende besuchen sollen. Und klar, Anfängerinnen tun sich oft anfangs schwer, aufgefordert zu werden. Aber das muss nicht so bleiben – vorausgesetzt, man setzt die nötige Sturheit und Energie ein und akzeptiert, dass es Monate, vielleicht sogar ein bis zwei Jahre dauern kann.

      Übrigens: Magst nicht mal einen Gastbeitrag für mein Blog schreiben? Die Kurserfahrungen wären ein schönes Thema – oder vielleicht „Tango in Schweden“? Würde mich freuen!

      Liebe Grüße
      Gerhard

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    2. Ja, das machte mein schwedischer Lieblingslehrer besser, der hatte auch Mantras als Lernziel, und eins hieß: "Ihr sollt zusammen tanzen können", womit er sowohl das Paar als auch die Milonga meinte. Da haben wir auch richtig Cabeceo geübt und viel gelacht dabei. Und die Verkehrsregeln auf dem Parkett (die echt strenger sind als im Ballroom!).
      Zum Tango in Schweden fällt es mir schwer zu schreiben. Erstens ist es Nordschweden, das ist ein großer Unterschied. Und dann bin ich auch keineswegs "drin". Dadurch dass ich maximal einen Kurs im Jahr machen kann und eben alle Practicas hochgradig frustrierend sind, bin ich nur Stippvisitentänzerin (zuletzt beim Midsommar light Tangofestival :-) ). Ich kann also wenig sagen dazu. Vielleicht eins: hier tanzen alle alles. Tango ist kein Hindernis, auch Lindyhop oder Bugg-Veranstaltungen zu besuchen. Blues und Swing sind sehr groß hier oben - aber man trifft doch oft dieselben Leute, das ist ganz lustig.
      Wenn ich mal irgendwann mehr angekommen bin, schreibe ich. Versprochen.

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    3. Liebe Annika,

      also, ich nehm Dich beim Wort und bin jetzt schon gespannt!

      Ich wünsch Dir schöne Tangos!
      Gerhard

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