Cristal



Wenn sich konservative und progressive Tangomenschen in einem einig sind, dann darin: Das Erfassen von Tangotexten gilt hierzulande als eine zu vernachlässigende Fähigkeit.

Gerade deshalb habe ich schon einige übersetzt – zumal solche, bei denen ein deutscher Text bislang nirgends greifbar ist.

Der folgende Tango gehört zu meinen Lieblingsstücken – schon daher wollte ich verstehen, was die Sänger uns erzählen. Es gibt eine englische Übersetzung; mit deren Hilfe (und meinen rudimentären Spanischkenntnissen) habe ich die Zeilen zusammengepfriemelt. Verbesserungsvorschläge werden gern angenommen!

„Cristal“ wurde 1944 von einem der für mich Begabtesten, Mariano Mores, komponiert. Den Text schrieb José María Contursi (übrigens der Sohn des legendären Tangodichters Pascual Contursi siehe beispielsweise „Bandoneón arrabalero“ oder „Mí noche triste“):

Cristal     

Tengo el corazón hecho pedazos,
rota mi emoción en este día...
Noches y más noches sin descanso
y esta desazón del alma mía...
¡Cuántos, cuántos años han pasado,
grises mis cabellos y mi vida!
Loco... casi muerto... destrozado,
con mi espíritu amarrado
a nuestra juventud.

Más frágil que el cristal
fue mi amor
junto a ti...
Cristal tu corazón, tu mirar, tu reír...
Tus sueños y mi voz
y nuestra timidez
temblando suavemente en tu balcón...
Y ahora sólo se
que todo se perdió
la tarde de mi ausencia.
Ya nunca volveré, lo se, lo se bien, ¡nunca más!
Tal vez me esperarás, junto a Dios, ¡más allá!

Todo para mi se ha terminado,
todo para mi se torna olvido.
¡Trágica enseñanza me dejaron
esas horas negras que he vivido!
¡Cuántos, cuántos años han pasado,
grises mis cabellos y mi vida!
Solo, siempre solo y olvidado,
con mi espíritu amarrado
a nuestra juventud...

Glas

Mein Herz ist entzwei,
mein Gefühl ist an jenem Tag zerbrochen ...
Nächte und mehr Nächte ohne Ruhe
und dieser Kummer meiner Seele ...
Wie viele, wie viele Jahre sind vergangen,
grau meine Haare und mein Leben!
Verrückt, fast tot und vergessen,
mit meinem Geist gefesselt
an unsere Jugend.

Fragiler noch als Glas
war meine Liebe
neben dir ...
Kristall dein Herz, dein Blick, dein Lachen ...
Deine Träume und meine Stimme
und unsere Schüchternheit,
mit sanftem Zittern auf deinem Balkon ...
Und jetzt nur noch zu wissen,
dass alles verloren ist.
Der Abend meiner Abwesenheit:
Nun werde ich nie wieder zurückkehren, ich weiß, ich weiß es wohl, nie wieder!
Vielleicht wirst du mit Gott dort drüben auf mich warten!

Alles für mich ist vorbei,
alles versinkt für mich im Vergessen.
Tragische Erfahrungen bleiben mir,
diese schwarzen Stunden, die ich gelebt habe!
Wie viele, wie viele Jahre sind vergangen,
grau meine Haare und mein Leben!
Allein, immer allein und vergessen,
mit meinem Geist gefesselt
an unsere Jugend ...

Auf den hiesigen Milongas wird „Cristal“ wenig gespielt – und wenn, dann in der Version Aníbal Troilo - Alberto Marino. Dabei hat die halbe Sängerwelt den Titel eingespielt! Nach meiner Recherche interpretieren übrigens Frauen das Stück deutlich besser. Hier eine Aufnahme mit Claudia Mores (die Schwiegertochter des Komponisten, die Frau des früh verstorbenen Nito Mores):





Wer mal vergleichen will:

Kommentare, man finde das Stück zu schnulzig oder depressiv, bitte ich stecken zu lassen. Ist mir eh klar. Nach Discépolo kann man ja einen traurigen Gedanken tanzen, muss aber nicht. Ich manchmal schon.

Quellen:
http://www.planet-tango.com/lyrics/cristal.htm
Wie bei vielen Tangos bieten die Sänger nicht den vollen Text bzw. gestatten sich kleine Abweichungen so auch im vorliegenden Fall! 

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