„Ich will doch nur tanzen…“



Diesen Satz habe ich beim Tango schon unzählige Male gehört. Ich gestehe, er hat mich früher mehr überzeugt als heute. Als wir vor zehn und mehr Jahren in Kellern, Ateliers und kirchlichen Gruppenräumen unserer Leidenschaft frönten, war der Tango noch nicht der Markt für alles Mögliche – und schon gar kein Platz, in dem man sich per Status-Erhöhung unendlich wichtigmachen konnte.

Wenn Menschen heute Tanzkurse buchen: Welche Rolle spielt dabei die Partnersuche respektive die Freude an der Bewegung auf dem Parkett? Einen ziemlich repräsentativen Überblick bietet hierfür das Forum von „ElitePartner“ (welch ein schönes Wort im Tango-Zusammenhang), in dem sich eine Vielzahl von Menschen über ziemlich alle Spielarten der Zweisamkeit austauschen.

Unter dem Stichwort „Tanzkurse als Kennenlernmöglichkeit?“ schreibt dort ein Mann:

„Wenn ich ehrlich bin – ich kann es mir schwer vorstellen, freiwillig tanzen zu lernen. Wie kann man sich einen solchen Tanzkurs vorstellen, geht man dahin, schreibt sich ein und bekommt eine Tanzpartnerin oder darf man sich erstmal anschauen, ‚probe‘ tanzen.“

Eindrucksvoll finde ich, dass die meisten Antworten das bestätigen, was man im Tango so gerne abstreitet: Klar kommt man so an viele Frauen heran!

„Betreffend des Kennenlernens kann ich dir nur sagen... nie bist du als Mann begehrter als beim Tanzen. (…) Sehr schnell Kontakt bekommt man bei Salsa- oder Tango argentino-Kursen (nicht Standard-Tango). Dort ist das Wechseln der Tanzpartner üblich – es übt einfach besser und macht mehr Spaß. Hinzu kommt, dass du bei diesen Tänzen in jeder größeren Stadt eine ausgeprägte Tanzszene vorfindest, in der Männer auch immer sehr begehrt sind.“ (m)

„Mach Dich auf die Suche nach einer Frau, die mit Dir einen Tanzkurs machen möchte. Du kannst schreiben, Anfänger mit zwei linken Beinen, Übergewicht. Du wirst auf alles Antwort bekommen, da diese Männer gesucht sind. Auch wenn es Dir stinkt, Du am Verzweifeln bist, darfst Du einfach nicht zugeben, dass es Dir keinen Spaß macht. Die Damen werden glücklich sein. An jedem Anlass ist der Mann der Held, der mit einer Frau auch richtig tanzen kann.
Frauen können das von Natur aus. Wir Männer müssen uns überwinden und lernen.“

Da würden wohl auch Frauen gerne mittun – manche schreckt aber die große Konkurrenz ab. Zudem ist bei diesem Geschlecht wohl das Interesse mehr aufs Tanzen gerichtet:

„Ich selbst würde auch liebend gerne einen Tanzkurs besuchen, aber bei uns (und in meinem Alter) kommt auf 10 Frauen etwa 1 Mann, der tanzen lernen möchte. Einmal hatte ich so einen Quotenmann als Probetanzpartner und habe mich dann aber entschlossen, lieber nicht zu tanzen, denn dieser Mann war nur auf der Suche nach einer Frau, nicht aber am Tanzen interessiert.“ (w)

Es gibt auch warnende Stimmen: Baggern allein reicht nicht, man muss schon auch Tanzen lernen – für Männer eine herbe Herausforderung:

„Wenn Du das Tanzen nur als Mittel zum Zweck siehst, wird es nicht funktionieren. Versetze Dich doch mal in die Lage der Dame: Sie will tanzen lernen, der Herr will lieber baggern. Da läuft jede Frau ziemlich schnell wieder davon, zumal Du ohne echtes Interesse am Tanzen auch keine Fortschritte machen wirst. Bitte erspare Dich den tanzwilligen Damen, sie haben es schon schwer genug mit Männern, die es zwar lernen wollen, aber mangels Begabung eine Zumutung sind.“ (m, 54)

„Denkst du allen Ernstes, Frauen begehren im Tanzkurs einen übergewichtigen, unbegabten Mann mit zwei linken Beinen? Nein, nein, Männer, die als Single in einen Tanzkurs kommen, sind leider eben meistens auch die Unattraktiven, die das vermeintlich (!) Naheliegendste machen, um an eine Partnerin zu kommen. Zu schüchtern, zu brav, zu langweilig, zu bieder. Ich kenne ein paar von der Sorte, alle haben wieder aufgehört.“ (w, 41)

Merke: Auch ein Tanzkurs beseitigt nicht die Gesetze der Evolution!

Das mag sich wohl auch der Fragesteller gedacht haben, welcher abschließend zurückruderte:

„Beruflich bin ich nur von Ingenieuren umgeben, ich habe noch keine Frau Ingenieurin getroffen. (…)  Aber wenn es mit Tanzkursen wirklich so ist, wie Ihr beschreibt - dann lasse ich es lieber damit sein.“

Dem Inscheniör war’s wohl doch zu schwör – tja, ein Tanzkurs ist eben, wie es ein Diskutant formulierte, „kein Grabbeltisch für Lebensabschnittspartner“.

Eine ganz ähnliche Problematik bieten auch Diskussionen, ob man den Partner mit anderen tanzen lassen möchte – und vielleicht auch noch allein:

„Frau geht tanzen - okay in Partnerschaft?“

„Angenommen, ihr kommt mit dem Partner näher zusammen und was würdet ihr an eurer Stelle tun? Ich persönlich hätte damit keine Freude, wenn eine Partnerin wöchentlich eng angeschmiegt mit Männern tanzt.“

Die Antworten, dass dies nun gar nicht gehe, sind klar in der Minderheit:

„Mit mir könnte sie ihr Hobby nicht fortführen, ich will ihr das Tanzen aber auch nicht wegnehmen. Und falls aus der Tanzerei mit anderen eine Trennung resultiert, war es eh nicht die richtige Frau.“

Vorwiegend wird eine solche Haltung als rückständig betrachtet:

„Nichttanzende Männer müssen eben damit leben, dass Frauen gerne tanzen.“

„Vielleicht sollten Sie Ihre Besitzansprüche etwas herunterschrauben. Eine Frau ist nämlich kein solcher.“ (w, 39)

„Ich tanze auch schon seit langem Tango und Salsa und möchte keinen Partner, der aus Eifersucht versucht, mich von meinem Lieblingshobby abzubringen.“

„Du bist total spießig. Fang bloß nicht an, ihr das Hobby madig zu machen, sonst endet es, bevor es überhaupt begonnen hat.“ (w)

Bezeichnenderweise kehrt sich dieses Verhältnis um, wenn es darum geht, Männer in die freie Wildbahn zu entlassen:

Der Kerl ist auf der Suche nach Abenteuer! Egal was er dir erzählt - der ist auf dem Weg nach draußen.“

„Mein Freund würde niemals so etwas machen! Und ich auch nicht!“

„Das ist NICHT okay. Du bist auch nicht grundlos eifersüchtig.“

„Ein richtiger Mann, den man ernst nehmen kann, macht sowieso keine engumschlungenen Tänzchen. Das machen in der Regel nur Aufreißer oder Besoffene in ihrer Überlaune und wenn sie allein sind (nicht unter Beobachtung der Freundin).“

Der geschlechtsspezifische Unterschied wird wie folgt beschrieben:

„Die Frauen toben sich beim Tanzen aus, nicht in den Betten.“ (m, 35)

„Frauen haben Ihre Orgasmen auf der Tanzfläche, Männer im Bett.“

„Frauen tanzen aus Liebe zum Tanz. Männer tanzen, um Frauen zu bekommen. Leider funktioniert das.“

„Für mich sind aber nur Männer mit einer hohen sexuellen Hemmschwelle interessant.“

Tja, da wird’s dann mit der Auswahl eng, vor allem im Tango. Die männliche Fraktion in diesem Tanz hat übrigens in der breiten Bevölkerung einen äußerst schlechten Ruf:

„Die schlimmsten Beziehungsneurotiker, die ich bislang kennengelernt habe, kommen aus der Tango-Szene. Ich muss sogar sagen, dass ich aus dieser Szene niemanden kenne, der eine stabile, monogame und liebevolle Beziehung führt. Das ist sicher nicht repräsentativ, zeigt aber eine Tendenz.“

„Ältere Männer bevorzugen argentinischen Tango, weil sie sich da an jüngeren Frauen Wange an Wange engumschlungen reiben können (der Tanz kommt aus argentinischen Bordellen) mit geschlossenen Augen, und so wie sich eine Möglichkeit ergibt, schleppen sie diese auch in die Kiste ab.“

„Männer, die Tango argentino tanzen, haben alle sexuelle Motive, auch wenn sie das nicht zugeben. Man schaue sich mal ein eng tanzendes Paar beim Tango argentino an! Das ist getanzter Sex, nichts anderes, und ich will auch keinen Partner, der mit ständig wechselnden Frauen eng aneinandergepresst Balztänze aufführt.“

Will man also wirklich „nur tanzen“? Die Frauen vielleicht, die Männer eher nicht – und schon gar nicht beim Tango.

Als „Bonbon“ zum Schluss noch eine ziemlich delikate Problematik: Eine Dame berichtet uns von einem Kursus, bei dem jeden Abend ein anderer Tanz dran war. Alles easy, erst beim Tango kam es zur Katastrophe: Die Elevin verspürte gleich bei drei Tänzern eine Erektion – und das, obwohl sie sich doch nur „extra nett angezogen“ hätte: „kleines Schwarzes, mit schwarzem Spitzen-BH drunter“.
Auf eine entsprechende Anfrage zur Üblichkeit solcher Vorkommnisse meinte ihr Tanzlehrer, das „käme halt mal vor, aber heute wäre es besonders schlimm gewesen“.

Das Lied zum Thema (vielen Dank für den Hinweis an Anna-Maria Knecht):

Bei mir ist es eher umgekehrt: Schon manche Frau konnte meine erotischen Impulse erfolgreich durch einen Tanz eliminieren…

P.S. Die Kommentare wurden von mir teilweise gekürzt und rechtschreibkorrigiert. Alter und Geschlecht der Schreiber sind, wenn genannt, am Schluss angefügt.
Quellen:
https://www.elitepartner.de/forum/frage/erektion-beim-tanzen.9734/

Kommentare

  1. Für Tango gibt es nun mal nur zwei Gründe:
    1. "boy hugs girl"
    2. "girl hugs boy"
    Alles andere ist Erfindung der Tanzindustrie.

    Allerdings muss ich zugeben, dass es sich einfach "geiler" anfühlt, eine bewegliche Dame in einen Ocho zu (ver)führen oder mit ihr einen Beinwickler zu zelebrieren, als bei Kilometer 30 des Marathons nochmal den inneren Schweinehund zu überwinden oder sich durch das zwanzigste Hundertmeterintervall beim Schwimmtraining zu quälen.

    P.S. Außerdem frage ich mich, woher der glücklich verheiratete Autor obigen Posts seine profunden Kenntnisse der Plattform "Elitepartner" bezieht.

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    1. Ja, da ist sicher viel dran... Bewegung zu schöner Musik toppt jede andere sportliche Betätigung!

      P.S. Durch Google: Ich recherchierte meinen Beitrag mit Suchbegriffen wie "Frauen, die auffordern" oder "Frau allein zum tanzen". Da gibt es nicht viele Treffer - schon gar nicht mit Tangobezug. Neben meinem eigenen Blog wurde mir das Forum dieser Partnervermittlung angeboten. Man kann dort mitlesen, ohne Mitglied zu sein.

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  2. "Frauen können das von Natur aus" :-)

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