Traumtänzer im Golfhotel



Die Einladung erreichte mich eben über Facebook: Ein „Sommertangoball im Hotel Kaiserin Elisabeth“ in Feldafing am Starnberger See.

Für Auswärtige: Dies ist die Gegend im Süden Münchens, wo die „Geldigsten der Geldigen“ ihre Villenquartiere aufgeschlagen haben. Der Golfclub Feldafing (http://www.golfclub-feldafing.de/) sorgt für ausreichende Kundschaft sowie gesalzene Übernachtungspreise (Doppelzimmer ab 165, Suite ab 285 € pro Nacht). Bereits im 16. Jahrhundert stand dort ein Dorfwirthaus, welches ein Münchner Industrieller und Großgrundbesitzer, Reichsrat Anton Ritter von Maffei, 1856 kaufte und mit freier Aussichtsterrasse ausbaute. Die regelmäßig auf Urlaub dort weilende Kaiserin Elisabeth von Österreich („Sisi“, aufgewachsen im nahen Schloss Possenhofen) machte weitere Anbauten erforderlich. Im Jahre 1900 erhielt man vom Wiener Hofmarschallamt die Erlaubnis, sich „Hotel Kaiserin Elisabeth“ nennen zu dürfen.

Ich kenne die Veranstalter als junges, sympathisches Tangopaar, deren überdurchschnittliche Tanzshow ich einmal bewundern durfte. Die Selbstbeschreibung auf ihrer Website nehme ich daher mit barmherziger Gelassenheit hin: Er, natürlich Argentinier, hat „den Tango im Blut“, da auch schon sein Großvater ein Tanguero war (schade, mein Opa war Schlosser, und ich bin trotzdem zu blöd, eine Schraube aufzukriegen…). Sie ist Sozialpädagogin und lernte ihn bei einem Praktikum in seinem Land kennen. Seit 2004 unterrichten sie die bayerischen Voralpenländler im Tango. Immerhin errangen sie bislang zweimal bei den deutschen Vorentscheidungen zur Tango-Weltmeisterschaft den dritten Platz. Okay, lassen wir das…


Selbstverständlich gibt es beim bevorstehenden Großevent im Golfhotel (durchaus eine etwas teurere Alternativbeschäftigung zum Tango) eine „einzigartige Mitternachtstanzshow“ sowie zwei Tanzfächen (outdoor auf überdachter Terrasse) und indoor (Ballsaal) sowie „herrliche Tangomoden“ plus „elegante Tangoschuhe“. Wer sich die Explosionen in Kitsch näher betrachten möchte:

Und das Ganze – im Gegensatz zum Schlagen weißer Bällchen auf dem Grün – zu moderaten Eintrittspreisen (Vorverkauf 15, Abendkasse 19 €). Kein Wunder, dass die Ankündigung auf Facebook bereits jetzt 35 Teilnehmer und 132 Interessierte ausweist.

Der „übliche Irrsinn“ halt – und bis hierher hätte ich der Chose keinen Artikel gewidmet. Gestolpert bin ich allerdings über zwei unsägliche Zeilen in der Ankündigung.

Die erste ist noch lustig: „Sissi meets Buenos Aires“
Hach, da haben die Veranstalter es doch geschafft, zum Glitzerbegriff der Metropole am Rio de la Plata noch einen zweiten zu gesellen. Das fühlt sich dann wohl so an…



Etwas nüchterner allerdings ließe sich feststellen: Den Kosenamen der österreichischen Majestät schreibt man schon mal mit einfachem S – bereits deshalb, weil es auch nicht „Elissabeth“ heißt. Und zweitens: Das Ganze findet lediglich in einem Großkopfeten-Hotel am Starnberger See statt – von Sisi oder gar Buenos Aires keine Spur…

Den zweiten Spruch in der Ankündigung allerdings halte ich für mehr als ärgerlich:
Dresscode: elegant, stilvoll, ‚Buenos Aires in den guten alten Zeiten‘“

An einem Mangel an romantisierender Geschichtsverklitterung leiden wir beim Tango ja wahrhaftig nicht – aber irgendwo, so meine ich, muss eine Grenze sein! Ich habe daher die argentinische Geschichte in der famosen EdO-Ära einmal kurz recherchiert:

1930 wurde der demokratische Präsident Hipólito Yrigoyen bei einem Militärputsch gestürzt. Der konservative General José Félix Uriburu machte sich daran, die alte Ordnung wiederherzustellen.
Ein Rechtsbündnis, das Concordancia genannt wurde, blieb letztendlich bis 1943 an der Macht.
Die Konservativen waren der Meinung, dass das argentinische Volk noch nicht reif für die Demokratie sei und daher in seinen Entscheidungen die wahren nationalen Werte nicht achte, weshalb sie den Wahlbetrug als gerechtfertigt ansahen.
Die 30er Jahre sind daher in Argentinien unter dem Namen década infame (deutsch: berüchtigtes Jahrzehnt) bekannt, auch unter Historikern werden die Regierungen dieser Zeit mehrheitlich als illegitim betrachtet.
Ramón Castillo wurde 1943 durch einen Putsch entmachtet, es folgte eine Übergangsphase bis 1946, in der das Militär die Macht innehatte.
Juan Perón gewann die Wahlen 1946. Seine Regierungszeit kann man als Mischung aus Demokratie und Diktatur bezeichnen: Andere Parteien waren zwar zugelassen, und es gab freie Wahlen, doch die Medien sowie die Gewerkschaftsbewegung unterlagen der Kontrolle durch Perón und seiner Partei.

Perón ist in Deutschland heute vor allem wegen seiner Sympathie für die Ideologie des Nationalsozialismus umstritten. Er bewunderte nicht nur Mussolini und äußerte sich extrem antisemitisch, sondern sorgte für eine Einreiseverhinderungspolitik gegenüber jüdischen Flüchtlingen (Politik der „verschlossenen Türen“) und unterstützte gleichzeitig die Fluchtwelle von NS-Kriegsverbrechern und NS-Kollaborateuren aus ganz Europa, die so ihrer Gerichtsbarkeit entgingen.
Im September 1955 (sogenannte Revolución Libertadora) gelang es Militärs unter Führung von Eduardo Lonardi, erfolgreich zu putschen und Peróns Regierung abzusetzen.

Nett, gell? Nun lege ich ja gelegentlich deutsche Tangos aus den 30-er und 40-er Jahren auf, würde aber nie behaupten, diese stammten aus den „guten alten Zeiten“. Nein, diese Zeiten waren beschissen – sowohl in Deutschland als auch in Argentinien!

Nun würde mich das Gegenargument, Tango habe nichts mit Politik zu tun, nicht überraschen. Nur hoffe ich, man lässt folglich in der „traumhaften Location“ Stücke wie „Cambalache“ oder „Yira, yira“ aus… Sozialkritik gehört halt, auch wenn man dies gerne verdrängt, durchaus zur ansonsten hochgelobten „Tangokultur“. Und wenn ich mir dann noch vorstelle, was für ein oligarchisches Gschwerl sich zu goldenen Tangozeiten" auf den rauschenden Bällen herumtrieb...

Aber, so weiß ich spätestens seit Sebastian Herrmanns „Starrköpfe-Buch“, man hält eben nicht das für wahr, was stimmt, sondern das, was sich gut anfühlt… 


Apropos Beschallung: Die kommt verräterischerweise in der Einladung nur am Rande vor. Hauptsache, der DJ hat einen italienisch klingenden Namen und spielt wunderschöne Musik“. Nur dem Insider wird hier klar: hundert Prozent Tradi-Tango. Aber das ist wurscht, denn um die Musik geht es nicht – das Ganze ist ja keine Tanzveranstaltung: Wichtig sind abgehobenes Ambiente, Bussi-Bussi-Society, Sehen und Gesehen werden – und als Alibi sparsame Bewegungen auf dem randvollen, kaiserlichen Parkett. Den Spruch habe ich übrigens noch vermisst: „Der Kongress tanzt“…

An der Stelle muss ich an ein Zitat von Alessandra Seitz denken, die uns neulich in Pörnbach besucht hat: „Aber das Allerschönste ist, es ist eine Milonga für Tänzer und nicht für Spaziergänger. Und solche waren auch ausnahmslos anwesend. Tänzer, in deren Gesichtern man sehen konnte, wieviel Spaß sie hatten.“

Und zum wiederholten Mal, allerdings wohl vergeblich wie zuvor, fällt mir ein Satz von Carmencita Calderón, der Tanzpartnerin des legendären „El Cachafaz“, ein:

„Der Tango kommt aus den Slums, nicht vom Parkett. Und wenn man das nicht mehr sieht oder spürt, dann ist er tot.“

Und übrigens – wenn schon Sisi, dann so:



P.S. A bisserl Werbung als Ausgleich zu meinen bösen Anmerkungen:
https://www.facebook.com/139498502739498/photos/pcb.1857218111263494/1511301722225829/?type=3&theater  

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