Wie man auch falsch zitieren kann

Zitate sind unter Bloggern immer wieder ein Streitgegenstand: Gerne wird dem werten Gegner vorgeworfen, falsch zu zitieren. Oder gar nicht.

Man lernt im Lauf vieler Jahre, solchen Vorwürfen möglichst aus dem Weg zu gehen. Vor allem, wenn man weiß, dass die eigenen Texte von Andersmeinenden mit dem Finger an der Zeile überprüft werden – und sich bei Nachlässigkeiten sofort ein großes Geschrei erhebt: Das habe man so nicht geschrieben – oder gar nicht! Und wo ist die Quelle?

Der häufige Hintergrund: Erst durch mein Zitieren merkt der Verfasser, welchen Quatsch er verzapft hat. Dann will er’s natürlich nicht gewesen sein! Ersatzweise behauptet er, das Zitat sei „aus dem Zusammenhang gerissen“.

Seit Langem schon achte ich penibel darauf, dass meine Zitate wirklich wortwörtlich stimmen – und gebe natürlich so genau wie möglich die Quelle an.

Nun habe ich erfahren, dass dies nicht reicht: „Auch wörtliche Zitate können unfair sein.“ Wieso?

Das lernen wir in einer inzwischen 28-seitigen Abhandlung zu meinem Tun im Kapitel „Halbe Zitate und falsche Gesamtbilder“ (S.18): Die buchstäbliche Widergabe reiche nicht. „Wer aus einem längeren Gedankengang den schwächsten, schnellsten oder emotionalsten Satz herausnimmt, kann ein Gesamtbild erzeugen, das mit der ursprünglichen Aussage wenig zu tun hat.“

Man habe gefälligst „den stärksten Zusammenhang des Gegners“ zu nehmen, nicht „den bequemsten Splitter“. Bevor man kritisiere, müsse man „den Sinn rekonstruieren“. Und wenn man ihn nicht findet?

Nein, keine Satire mehr!

Man hat sich also mit den stärksten Argumenten des Gegners zu befassen, nicht mit den schwächeren. Das gibt sportlichen Wettbewerben einen ganz neuen Charakter. Aus dem Fußball kenne ich es bislang so: Wenn der gegnerische Keeper eine Pflaume ist, wird man aus allen Lagen aufs Tor schießen. Bringt dessen Abwehr wenig zustande, wird man das Spiel eher in den Angriff verlagern. Man nützt also die Schwächen des Gegners aus. So what?

Und wie ist das in der Politik? Greift man dort das stärkste Argument des Kontrahenten an? Natürlich nicht! Stattdessen freut man sich, wenn der mal Quatsch erzählt („rehbraune Augen“), den man genüsslich zerpflücken kann.

In der Partnerschaft erwähnt man – bei gegebener Feindseligkeit – natürlich nicht, dass der Gatte jeden Monat brav sein Gehalt nach Hause bringt und für die Familie sorgt, sondern thematisiert den nicht geleerten Mülleimer oder die unausgeräumte Spülmaschine.

So läuft das halt: Niemand greift den Widersacher primär dort an, wo er am stärksten ist. Und gerade, wenn man als Blogger ganze Artikel veröffentlicht, muss man schon wissen, dass es auf jeden Satz ankommt.

Dennoch versuche ich eine gewisse Fairness einzuhalten: Zitate werden verlinkt – man kann also den Zusammenhang finden, wenn man ihn sucht. Zudem sollte der meist durch den Text insgesamt ersichtlich sein. Aber für diejenigen, welche zu faul sind, auf die Links zu klicken, bin ich nicht verantwortlich! Ich kann niemanden zum Lesen zwingen.

Wie geht der betreffende Autor selbst mit Zitaten um? In seinem gesamten 28 Seiten-Text findet man gerade einmal drei oder vier kurze Stellen in Anführungszeichen. Ansonsten beleuchtet er allgemein, was ich seiner Meinung nach schreibe. Quellen gibt er kaum an.   

So einfach kann man es sich natürlich auch machen!

Klaus Wendel schreibt: „Eine ernsthafte Kritik müsste den stärksten Grund der Gegenseite suchen. Sie müsste fragen: Was sehen diese Menschen, was ich vielleicht übersehe? Welche Erfahrung steckt in einer Praxis, die ich als störend empfinde?“ (S. 23)

Seit vielen Jahren fordere ich den Kollegen immer wieder auf, sich doch einmal ernsthaft mit den Playlists zu befassen, die ich veröffentlicht habe – 84 sind es allein unter diesem Label:

https://milongafuehrer.blogspot.com/search/label/Playlists

Nicht mit einer einzigen hat sich er bislang näher beschäftigt. Stattdessen tut er so, als hätte ich im heimischen Wohnzimmer fast ausschließlich Piazzolla und Hugo Strasser aufgelegt. Da wird ein Zerrbild verbreitet, ohne sich inhaltlich mit meinen Vorschlägen zu befassen.

Aber natürlich darf man sich mit den vermeintlich schwächsten Argumenten des Gegners auseinandersetzen, nicht mit dessen Stärken.

Nur sollte man dann das eigene Konzept nicht anderen vorwerfen!

Quelle: https://www.tangocompas.co/wp-content/uploads/2026/05/Gerhard-Riedl-und-die-Debatte-als-Buehne-02.05.2026.pdf (Kapitel 15, 21, 23)

 

Illustration: www.tangofish.de
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Kommentare

  1. Klaus Wendel hat sich nun in einem „Nachtrag“ mit meinen Gedanken auseinandergesetzt.
    Ich hätte „den Sinn des Gegners“ zu „rekonstruieren“. Nein, selbst wenn mir das immer möglich wäre: Das darf der liebe Kollege schon selber tun! Es sind ja seine Argumente, nicht meine.
    Mir gehe es nicht um „sachliche Klärung“. Offenbar im Gegensatz zu seinem 29 Seiten-Pamphlet, worin er wirklich versucht, kein einziges gutes Haar an meiner Arbeit zu finden. Kann er machen – nur besteht das Ganze ausschließlich aus persönlicher Voreingenommenheit. Zum Vergleich: Ich habe seine Texte wenigstens ab und an einmal gelobt. Selbst das hat er stets zurückgewiesen. Wendel fand nie auch nur ein gutes Wort: Alles verfehlt, alles schlecht!
    Nun soll man seine „stärksten Argumente verstehen“. Dazu fühle ich mich nicht berufen – das dürfen schon seine Leserinnen und Leser unternehmen.
    Selber agiert er so, wie er es mir vorwirft: Kein Wort zur eigenen Verwendung von Zitaten, keine Beschäftigung mit meinen Playlists.
    Jahrelang hat es Wendel mit Grobheiten versucht – nun predigt er Moral. Aber eine kulturelle Auseinandersetzung ist kein Konfirmanden-Unterricht.
    Quelle: https://www.tangocompas.co/wp-content/uploads/2026/05/Gerhard-Riedl-und-die-Debatte-als-Buehne-02.05.2026.pdf (S. 29)

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