Legenden des Tangotanzes


Ein Tango-Video hat mich mitgenommen wie schon lange nicht:  „Leyendas del Tango Danza“ heißt die einstündige Produktion, auf die mich Blogger-Kollege Thomas Kröter (wer sonst?) aufmerksam gemacht hat. Produziert wurde sie 2015 für die „Argentinische Tango-Gesellschaft“  von Daniel Tonelli und Marcelo Turrisi.

Das Konzept ist ganz einfach: Man befragte noch lebende Milongueros und Milongueras, die in aktuellen und historischen Szenen auch beim Tanz gezeigt werden – und das Ganze tauchte man in viel Porteño-Atmosphäre.

Das daraus keine „Hofberichterstattung“ wurde, ist vor allem den alten Herrschaften zu verdanken, die kein Blatt vor den Mund nehmen, sondern ziemlich offen und mit viel Humor ihre Geschichten erzählen. Und man hat sich wirklich Mühe gegeben, alles vor die Kamera zu holen, was an Berühmtheiten aus alten und ältesten Zeiten noch zu kriegen war:
Raúl Bravo, Flaco Dany, Carlos und Rosa Pérez, Martha und Manolo, Héctor Chidíchimo, Gloria und Eduardo Arquimbau, Chino Perico, Facundo Posadas und Ching-Ping, Carlos und María Rivarola, Nito und Elba Garcia, Héctor Mayoral und Elsa María, Coca und Osvaldo Cartery, Tete Rusconi, Nene Masci.

Wie sie zum Tango kamen, war öfters familiär oder durch Zufall bedingt. Flaco Dany beispielsweise nahmen die Eltern in jungen Jahren mit, damit er nicht durch sein Weinen den noch sehr kleinen Bruder aufweckte. Oder es gab in der Nähe einen Hinterhof, wo die jungen Kerle Tango übten – oder man wollte eigentlich zu einem Boxkampf, besuchte aber dann mit Freunden eine Milonga. Bei jungen Mädchen war natürlich stets die Mutter dabei. Und das Radio spielte Tag und Nacht Tango. Gelegentlich war es die Faszination dieser Klänge, die einen schon in ganz jungen Jahren ergriff: „Mit sieben oder acht Jahren hörte ich meinem Vater Bandoneón spielen. Das nahm mich mit. Warum? Weil ich schon damals die Musik spürte.“

Tangolehrer? Gab es in dem Sinne noch nicht (auch wenn die Herren Wendel und Lüders nun grüne Erbsensuppe spucken): Frauen lernten meist in der Familie, kriegten es von ihrem Vater, den Geschwistern, Freunden oder dem Ehemann beigebracht. Männer übten miteinander in Prácticas. Raúl Bravo erzählt sogar: „Auf der Toilette zeigten sie mir die grundlegenden Schritte, und sie ließen mich mit ihren Frauen probieren.“ (hoffentlich vor der Tür) „Auf diese Weise kam ich in zwei, drei Wochen zum Tanzen. Und nach anderthalb bis zwei Jahren wurde ich Profi.“

Wichtig war offenbar der Rollenwechsel. Héctor Chidíchimo: „So begannen wir untereinander zu tanzen: Ich den Männer-Part und er den der Frau und dann umgekehrt. So entwickelte jeder seinen persönlichen Stil.“

Die frühesten Geburtsdaten dieser Generation liegen um das Jahr 1930. Die befragten Personen haben also noch das ausgehende „Goldene Zeitalter“ des Tango auf den Milongas mitbekommen. Was mich besonders interessierte: Was an ihren Einstellungen ist zeitgebunden, was dagegen von universeller Bedeutung?

Klar, dass sie alle an der Musik ihrer Jugendzeit hängen – die war einst ja topaktuell, und die jungen Leute strömten zu dieser Zeit in Massen zum Tango – während heute eher die ältere Generation tanzt (ein Unterschied, über den nachzudenken sich die Szene hierzulande strikt weigert). Die Götter der alten Milongueros sind daher nach wie vor D‘Arienzo, Di Sarli, Fresedo und Pugliese (für einen etwas jüngeren immerhin Leopoldo Federico). Sie werden nun nicht plötzlich anfangen, Neotango zu tanzen.

Aber: Sie hörten täglich stundenlang Tango, während ich bei den heute Tanzenden oft das Gefühl habe, dass sie sich diesen Klängen ausschließlich auf den Milongas aussetzen im Extremfall erst, wenn sie auf dem Parkett stehen. Das hat riesige Auswirkungen auf die Musikalität des Tanzens und ist mit irgendwelchen Workshops zum Thema überhaupt nicht auszugleichen! 

Was ich ebenfalls für bedeutsam halte: Von der heutigen Verschulung des Tango blieben die alten Maestros noch verschont. Das erforderte viel mehr Eigeninitiative anstatt lediglich einen Kurs zu buchen. Und die Hürden waren hoch: Nach einer „Schnupperstunde“ schon mal ein bisschen mittanzen? Ja, Pfeifendeckel:
„Schon mit 15 ging ich auf Milongas. Aber die Mädchen wollten nicht mit mir tanzen. Manchmal musste ich mit meiner Schwester Vorlieb nehmen. Sie tanzte sehr gut – aber ‚Brot mit Brot‘ ist eine Narrenspeise…“

Die Ollen waren sicherlich absolute Fanatiker: Zumindest ein wesentlicher Teil ihres Lebens drehte sich – sieben Tage die Woche – um nichts als Tango. Das sieht man ihrem Tanz an. Das Motiv war klar: „Du tanzt wegen der Bewunderung, die du für andere Tänzer spürst.“ Heute lautet das Motto: Mal unverbindlich probieren, aber höchstens alle 14 Tage – nicht, dass einem dies zu viel Zeit kostet…. Aber damit fliegst du eben nicht übers Parkett – nicht mal sonst wohin.

Osvaldo Cartery, der zusammen mit seiner Frau Coca 2004  die Weltmeisterschaft im Tango de Salón gewann, ist da gnadenlos: „Es geht darum, die Musik zu hören, oder? Der Typ, der die Texte geschrieben hat, dem lief dabei das Gehirn heiß, und den Musikern fielen die Augen raus, bis sie so spielen konnten. Und um ein böses Wort zu gebrauchen: Wenn du tanzt, kannst du darauf nicht sch…“

Ich glaube auch, das bei uns übliche Herumgestehe auf der Piste würde Meistern wie Tete Rusconi nicht gefallen: „Es ist langweilig, immer am selben Platz zu tanzen. Walzer ist nicht zum Stehen auf der Tanzfläche da, sondern für die Bewegung. Der Tango kann stillstehen – ich würde sagen, nur für einen Moment, und bei der Milonga muss man sich ebenso fortbewegen. Eine Menge Leute tanzen Milonga –ta ,ta ,ta, ta – wenn sie dann stoppen und wieder von vorn anfangen, kann man das vergessen, es ist tot. Besser bleibt in Bewegung, die Musik geht weiter!“  (ab 15:54)
   
So ganz brav und moralisch ging es sintemalen wohl nicht zu. So berichtet Héctor Mayoral: „Und wir fragten die Mädchen, ob sie tanzen wollten, und sie signalisierten mir ‚ja‘, und dann standen sie auf, um mit einem anderen Kerl zu tanzen – es gab Schläge, Flaschen wurden geworfen, alles Mögliche. Die Geste ‚Willst du tanzen?‘ ist sehr verzwickt.
Tränentreibend auch die Geschichte, als ihn Freunde zu einem der legendären Faschingsbälle als Mädchen kostümierten. Binnen kurzer Zeit hatte er einige Verehrer am Hals – ein Italiener war besonders vorwitzig und befummelte ihn. Was er dann fand, veranlasste den Verehrer zu dem Ausruf „Maricón!“ („Tunte!“). Anschließend musste der Kostümierte Fersengeld geben, um sich keine Prügel einzufangen…

Eindrucksvoll auch, was Tangokrise und Militärdiktatur bewirkten: Zirka 30 Jahre lang, so berichten zwei Paare, hätten sie nicht mehr Tango getanzt – bis dann das Revival kam. Dass sie es im Wesentlichen Astor Piazzolla verdanken, erwähnt allerdings keiner…     

Von exakten Schritten und Figuren ist ebenfalls kaum die Rede – umso mehr dagegen, was man fühlen müsse:

„Erfolg heißt, ohne choreografisches Gedächtnis zu tanzen.“
Tango tanzen – was ist das? Man kann es nicht erklären. Schritte zu machen bedeutet nicht, dass du weißt, wie man tanzt.“
„Es ist ein kleines Stück Leben, das du in zwei Minuten tanzt.“ (Eine Minute wird in diesen Breiten bekanntlich verquatscht…)
„Tanzen heißt, eine Geschichte zu erzählen.“
„Die Menschen merken es, wenn du mit Liebe tanzt. Weil du dein ganzes Wesen benutzt – so kannst du es genießen.“
„Es ist ein Gefühl, eine Emotion – drei Minuten, in denen du auf die Reise gehst, fliegst…“

Was mich an den Tanzbeispielen besonders fasziniert: Jedes Paar tanzt anders. Zu ihren Zeiten versuchten die Milongueros ja, die Konkurrenten auszustechen, indem sie Sachen zeigten, welche die anderen nicht beherrschten.

Raúl Bravo: „Der Stil von jedem ist anders, ist persönlich. Einige sind sehr mechanisch, andere inspirierend, und sie kreieren immer wieder neue Dinge. Wer wagt, gewinnt, oder?“
Nito Garcia: „Wir alle fühlen den Tango verschieden, und wir tanzen ihn so, wie wir ihn fühlen. Weil es keinen Richter gibt, keinen, der sagt: So schon, aber so nicht – und das macht Sinn.“

Und Raúl Bravo sagt, wohl mit Blick auf seine jungen Kollegen:
„Wenn du zum Lernen in ein Studio gehst, dann, weil du das Tanzen magst – und nicht, weil du nach Europa reisen willst.“

Der Unterschied ist schon heftig: Während die Alten in Argentinien für ihren individuellen Stil bewundert werden, werden in der heutigen Tangoszene Paare gedisst, weil sie nicht so tanzen wie alle anderen Ältere kriegten das, wie ich weiß, bevorzugt ab. Und den Rest der Zeit verschwendet man mit Debatten über die richtigen Códigos und die vorschriftsmäßige Musik. Es ist ein Trauerspiel!

Daher empfehle ich allen die im Tango wirklich weiter kommen wollen, statt der Buchung der nächsten 10 teuren Workshops das kostenlose Betrachten dieses Videos.

Persönlich bin ich immer wieder hin und weg, wenn ich Flaco Dany (Daniel García) Milonga tanzen sehe: Es ist derartig lässig und saucool! Der Mann ist 1936 geboren, also inzwischen 83 – noch in diesem Jahr sah ich ihn in München. Er ist das lebende Beispiel, was Tango-Glückshormone auch in hohem Alter bewirken können. Aber das weiß ich ja selber!

Kommentare

  1. Hier ein Kommentar von Matthias Botzenhardt:

    Hallo Gerhard,
     
    vielen Dank für diesen, wie auch Deine letzten Blogbeiträge.
    Ein ums andere Mal lese ich interessiert nach, welche neuen Gedanken oder Anmerkungen Du zu (mir als eigentlich bereits vertraut geglaubten) Begebenheiten oder (wie in diesem Fall) längst bekannten Filmen hast.

    Manches vermeintlich längst Bekannte, erscheint durch Deine Art, die Dinge zu betrachten und in Worte zu gießen, in ganz neuem Licht für mich. Prima.
    Sehr angenehm fand ich auch das veröffentlichte „Interview“, das Olena Fluyerar mit Dir geführt hat. Das Interview füllte bei mir einen kleinen Teil der Lücke, die ich gegenüber Dir als Person habe, da ich Dich nur abstrakt (aus den Texten) kenne.
    Übrigens: Ohne Olenas EXAKTE Fragen zu kennen, habe ich sie dennoch nicht vermisst. Zusammen mit ihren Bildmontagen in der Ecke, empfand ich es als hinreichend klar, wie ihre Fragen vermutlich lauten mussten. Ihren „vertikalen Blick“ auf die Tangoszene wird Olena wohl im Zuge der ihr noch bevorstehenden Entwicklung ablegen. So selbstbewusst, wie sie mir erscheint, wird sie schon bald erkennen, auf welch eitel-sandigem Fundament unsere Tangopyramide gebaut ist.
    Aber warum schreibe ich meinen Kommentar ausgerechnet unter DIESEM Beitrag?
    Weil ich eigentlich etwas zu DIESEM Satz ergänzen wollte!
     
    „Was mich an den Tanzbeispielen besonders fasziniert: Jedes Paar tanzt anders. Zu ihren Zeiten versuchten die Milongueros ja, die Konkurrenten auszustechen, indem sie Sachen zeigten, welche die anderen nicht beherrschten.“
     
    Meine Ergänzung hierzu lautet:
    Wir können froh sein, dass bislang noch kein Irrer auf die Idee kam, sich diese „neuen Tanzmuster“ aus dem letzten Jahrtausend, als seine „eigene Erfindung“ oder als sein „geistiges Eigentum“ patentieren zu lassen.
    In unserer völlig verkommenen Konzern-Technokratie ist das nämlich durchaus nicht völlig abwegig…
    Ich zitiere hier mal eine ernsthaft publizierte Überschrift aus dem Guardian: „Beyoncé accused of 'stealing' dance moves in new video“
    Zitat aus dem Artikel: „De Keersmaeker [Anmerkung: die “Erfinderin”] said she had not been asked permission: »I didn't know anything about this. I'm not mad, but this is plagiarism.«“
    [https://www.theguardian.com/stage/2011/oct/10/beyonce-dance-moves-new-video]
    Nicht nur im Tango-Universum begegnen sich also tagtäglich die Verrückten.
    Darauf gestoßen, wurde ich durch einen kleinen Nebensatz in einem Beitrag von James Corbett – einem der intelligentesten politischen Beobachter unserer Zeit. [https://youtu.be/OhxvBQn_AVc?t=909]
    Lasst uns also noch so viel wie möglich tanzen, tanzen, tanzen! „Dance, dance, otherwise we are lost.“ – Pina Bausch.
    Wer weiß, vielleicht müssen wir (neben den GEMA Gebühr) künftig für jede Barrida eine Lizenzgebühr an den Erfinder oder seine Rechtsnachfolge entrichten?
    Was mag da für eine Summe zusammenkommen?
    Wollen da am Ende nicht alle lieber sitzen, anstatt zu tanzen?
    Mindestens für „neue“ Schritte, die erst noch in der Zukunft „erfunden“ werden, steht das ja eines Tages zu befürchten…?
    Durchaus vorstellbar – in einer Welt, in der Computerprogramme einen einzelnen Menschen (nicht nur in China!) bereits am Gang identifizieren können?
    [https://www.spiegel.de/video/ueberwachung-in-china-gang-analyse-von-watrix-video-99028561.html]
    Vielleicht sollten wir es also doch etwas positiver bewerten, wenn einzelne Tanzende schon heute probieren, sich die möglichst uniformen Bewegungsmuster der eigenen Peergroup anzueignen?
    ;-)

    Viele Grüße,
    Matthias

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    Antworten
    1. Lieber Matthias,

      ich bin Olena wirklich dankbar für das Interview – nur ist es halt nicht unbedingt eines, wenn man sich die Fragen größtenteils selber erschließen muss. Aber es freut mich, wenn das offenbar recht leicht fiel.

      Übrigens gibt es auf YouTube einige Videos, in denen ich persönlich auftrete, z.B. eine Buchlesung:
      https://www.youtube.com/watch?v=6RHg4ZoRJHA

      Was die befürchteten Lizenzgebühren für Tanzbewegungen betrifft: Dann ist es umso besser, auf der schöpferischen und nicht auf der nachahmenden Seite zu agieren – so wie die alten Milongueros. Aber ich habe ja nichts dagegen, wenn die anderen uniform tanzen – so lange sie mir meinen persönlichen Stil lassen!

      Danke für Deinen Beitrag und beste Grüße
      Gerhard

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