Von der Mühsal des Fortschritts



In modernen Theaterstücken kann man die Schönheiten eines so gewaltigen Werkes das erste Mal gar nicht fassen. Und zum zweiten Mal sieht man sich so etwas nicht an.
(Curt Goetz)

In der heutigen Zeit sind Milongas mit moderner, abwechslungsreicher Musik selten und daher unter Naturschutz zu stellen: Enklaven, wo der Tango noch lebt, zweifellos. Jede einzelne unverwechselbar und daher einzigartig im Meer der gleichgeschalteten Veranstaltungen, bei denen einem landauf, landab nicht nur die gleichen, sondern oft genug auch dieselben Titel und Aufnahmen entgegenschallen.

Es ist sicher kein Zufall, dass sich auch die Gastgeber solcher Events oft wohltuend vom Rest mit dem glasigen Fischblick unterscheiden: aufgeschlossen, zugewandt, herzlich, jeden Gast einzeln begrüßend, mit ihm redend und sogar tanzend.

Na gut, sie haben es damit öfters auch leichter – sind ja eher weniger Besucher da. Die Mehrheit rennt halt in Viererreihen auf die Mainstream-Milongas, welche sich mit eindrucksvoller Chuzpe als „traditionell“ darstellen. Schlimm das… die Qualität, um welche sich „alternative“ Veranstalter bemühen, wird von der großen Masse einfach nicht gewürdigt!

Umso dringender muss man bunte, vom gängigen Geschmack abweichende Tangoveranstaltungen dann auch besuchen, schon durch seine Anwesenheit bekunden, dass man fortschrittlich ist und den gelackten Ringelreihn-Tango mit den zwanghaften Reglements und dem stereotypen, reduzierten Arschgewackel ablehnt: langweilig und öde, ganz ohne Zweifel.

Und man muss schon deshalb hin, weil sonst noch weniger Gäste da sind. Den Triumph, dass die nächste fortschrittliche Milonga stirbt, darf man den werten Gegnern aus der Traditionsliga nicht gönnen. Wäre ja noch schöner… Selbst wenn man vielleicht nicht immer Lust hat: Schnaps ist Schnaps, aber Dienst bleibt Dienst – und schon gar der am Guten!

Nein, und die Musik ist ja wirklich stets interessant: Bei manchen Stücken wäre man selber gar nicht drauf gekommen, dass man dazu tanzen kann… oder will. Aber bekanntlich sind ja auf fast alles Tangoschritte hinzukriegen, ist eh meistens ein Viervierteltakt. Oder allenfalls ein Dreiviertel-Rhythmus, dann wird es ein Vals – oder schlimmstenfalls ein Zweivierteltakt, da geht dann eine Milonga – auch wenn’s keine ist.

Schon eindrucksvoll, was man da an „ausgefallener Musik“ so alles geboten bekommt. Besonders stolz ist der DJ natürlich auf Stücke, die sicher weltweit noch keiner auf einer Tangoveranstaltung gespielt hat – auch wenn einem hinterher oft glasklar wird, wieso…

Und selbstredend verzichten wir auf eine feste Tandastruktur – brauchen wir als versierte Tänzer überhaupt nicht. Da kommt dann schon mal nach einem Streichquartett ein Calypso, gefolgt von einem depressiven Liedermacher zur Guitarre. Oder haufenweise kontemplative Klaviersoli. Wenn man da noch Buckelwal-Gesänge drunterlegen täte, wären es die idealen Begleitklänge für natürliche Geburten! (Obwohl dies konservative Hebammen strikt ablehnen: Man hätte dann im Kreißsaal zwar stundenlange Popkonzerte, die Niederkunft allerdings komme keinen Millimeter voran…)

Im Kreissaal ohne Ronda überkommen mich gelegentlich Wehen ganz anderer Art: Ist schon eine rechte Katzenmusik, zu der ich mich da manchmal bewegen soll. Aber von der Tanzfläche gehen? Damit würde man sich ja dem Verdacht aussetzen, auf solch progressive Klänge nicht tanzen zu können. Oder gar zu wollen. Ist ja auch eigentlich nicht direkt ein Tanz, sondern eine Demonstration für die Freiheit des DJ, aufzulegen zu dürfen, was ihm beliebt:
„Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ (Eine im Tango sogar choreografische Maxime, welche übrigens nicht auf Erich Honecker zurückgeht, sondern der Titel eines Militärmarsches von Carl Latann ist. Mit Sicherheit könnte man da ebenfalls Tango drauf tanzen, vielleicht mal so als Anregung…)

Die Revolution liebt halt keinen Revisionismus, auch wenn ich mich im richtigen Alter für reaktionäre Anwandlungen befände. Daher unterdrücke ich auf solchen Milongas heldenhaft meine kleinbürgerlichen Fantasien, mal zu drei Fresedos hintereinander übers Parkett schweben zu dürfen – weiß ich doch: Sollte mal eine solche Schnulze ertönen, kriege ich mit Sicherheit sofort hinterher ein wildes karibisches Trommelsolo in die Eustachische Röhre geschraubt. „Gelobt sei, was hart macht“, sprach schon Zarathustra.

Nein, und gerade solche Stilbrüche (sicherlich beabsichtigt und von einem klugen, mir allerdings völlig unbekannten Plan beseelt) machen auch Schluss mit einem uniformen, öden Tanzstil: Völlig basisdemokratisch kann man auf dem Parkett treiben, was Fantasie und Gelenke hergeben! Sacha Guitry  fragte zwar einst angesichts eines Tangos:  „Sehr schön, aber warum machen die Leute das im Stehen?" Wer je auf einer modernen Milonga war, weiß aber: Tun die ja gar nicht!

So wird auch beim nächsten einschlägigen Veranstaltungstermin bei mir ganz im Kantschen Sinne wohl wieder die Pflicht über die Neigung siegen. Muss man einfach hingehen, gehört dazu wie in den 70-er Jahren das Che Guevara-Poster statt dem röhrenden Hirsch über der Couch. Schließlich sind wir emanzipierte Tangomenschen – da ist das ebenso unausweichlich wie für meine Altersgenossinnen zu Cordjeanszeiten das „Emma“-Abonnement, mochte man auch heimlich deren Herausgeberin für eine ultimative Nervensäge halten. Und für uns Nicht-Frauen steht eh fest: Der Mann führt nicht!




Das Alternative ist eben alternativlos.

Und wenn wir dann nach einem solchen Abend – durchgeschüttelt von Musikauswahl und Tänzen – wieder die sichere Heimstatt erreicht haben, finden wir immerhin bei Wilhelm Busch Trost für die erlittene Mühsal des Fortschritts:     

Es schwellen die Herzen,
Es blinkt der Stern.
Gehabte Schmerzen
Die hab ich gern.
                                („Abenteuer eines Junggesellen“)

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