Sachsen-Tango: Geht man als Fremder?



Mein Archiv belegt es klar: Am 19.3.2011 waren wir schon einmal in Chemnitz, um die damalige, erste Version meines „Milonga-Führers“ per Buchlesung vorzustellen, damals noch in der Milonga „tanGente“. Tags drauf wurden wir dann kurzfristig auf eine Leipziger Milonga eingeladen (mein Werk war dort gerade auf der Buchmesse vertreten).

An beide Auftritte kann ich mich noch gut erinnern: In Chemnitz ein eher älteres Publikum, welches meine Lesung höflich absaß. Ob ich überhaupt einen Eindruck hinterlassen habe – und wenn ja welchen, ließ sich schwer abschätzen. Einen Tag drauf in Leipzig das krasse Gegenteil: Sehr viele junge Gäste, welche sich bei meinem Vortrag amüsierten wie Bolle. Hinterher rissen sie uns die Bücher aus der Hand (meine Frau musste noch den längeren Weg zum Auto bewältigen, um Nachschub zu holen).

Meine Lesungen sind übrigens stets kostenlos: Wir sehen sie als Chance, wieder einmal auf Reisen zu gehen und andere Szenen kennenzulernen. Und: Wir drängen uns (im Gegensatz zu vielen traditionellen DJs) keinem Veranstalter auf. Wenn der uns einlädt – gut. Wenn nicht, auch recht, gehen wir halt einfach tanzen. So war es damals auch bei Carsten Walther aus Chemnitz und Angela Sallat aus Leipzig: Beide hatten uns von sich aus um eine Buchvorstellung gebeten.

Über die neuerliche Einladung von Carsten haben wir uns sehr gefreut. Seine Milonga findet inzwischen in einer ADTV-Tanzschule statt. Näheres habe ich bereits auf meinem Blog angekündigt:

Aus Leipzig diesmal tiefstes Schweigen, obwohl uns der dortige DJ und Tangolehrer kennt – wir hatten auch für ihn schon einmal eine Lesung in Dresden durchgeführt – und damals von meinem Buch sehr angetan schien. Aber Dresden hatten wir diesmal ausgeklammert: Bei unseren letzten Besuchen hatten wir den Eindruck einer ultimativ konservativen und langweiligen Szene.

Freitagabend also Leipzig: Na gut, der besagte DJ erkannte uns wieder und begrüßte uns kurz, wies in der Folge sogar – gegen meinen Willen – auf Buch und Lesung hin. Aufgelegt hat er allerdings, als hätte es den „Milonga-Führer“ nie gegeben: Sicherlich routiniert, aber halt die gleichen Tandas, welche man offenbar heute vom Nordkap bis Sizilien über sich ergehen lassen muss. Da half auch die eine „Alibi-Neo-Runde“ nichts, welche aber immerhin schon ausreichte, um bei den Gästen in unserer Nähe Missstimmung zu erzeugen…

Kein Wunder, ausweislich seiner Website positioniert er sich so:
„Tango verlangt die richtige Atmosphäre. Dafür sorge ich. Die riesige Auswahl an Titeln der großen Orchester aus der goldenen Zeit des Tango in Buenos Aires überwältigt mich immer wieder von Neuem.“

Nein, „von Neuem überwältigt“ wurde ich an diesem Abend beileibe nicht – eher vom Eindruck „nur nicht anecken“ – oder, wieder in seinen Worten: „gut aufgelegt“. Erinnert mich irgendwie an Sprüche wie „bekannte und beliebte Melodien für Jung und Alt“: Musikantenstadel-Tango.

Auch für das Sozialverhalten auf traditionellen Milongas gibt es inzwischen wohl einen internationalen Standard: Meist ziehen Karin und ich uns bereits bei der ersten Tanzrunde die Feindschaft des lokalen „hinterm-Tresen-steh-Platzhirsches“ zu, worauf man meine Frau erstmal längere Zeit einsam auf ihrem Stühlchen schmoren lässt (falls dieses nach einer Tanda überhaupt noch frei ist). Auch der DJ sah sich zu einem Tanz mit ihr außerstande, da er voll in die Gesprächstherapie mit den einschlägigen lokalen Abonnement-Schönheiten involviert war.

Vor der Wende war Leipzig wenigstens noch zu Messezeiten für das Interesse (aus welchem Grund auch immer) an Westbesuchern bekannt. Davon ist nichts geblieben. Um Gastfreundschaft zu erleben, hätten wir an diesem Abend wohl lieber einen Besuch bei der AfD-Ortsgruppe eingeplant – ist aber leider politisch nicht so unser Ding…

Das einzig Positive an diesem Abend: Je ein Traumtanz für Karin und mich mit Partnern, die sich ausnahmsweise trauten, leidenschaftlich und kreativ zu tanzen. Herzlichen Dank! Und natürlich jede Menge wunderbarer Tangos, welche wir miteinander hinbekamen – die allerdings zur mehrfachen, mit hochgezogenen Augenbrauen verlautbarten Bemerkung führten, es sei erstaunlich, wie wir durch „Kreuz und Quertanzen“ den Platz ausnützten. Zu direkten Verwarnungen durch die „Tango-Polizei“ kam es aber nicht – vielleicht auch deshalb, weil man nicht in meinen Blog-Geschichten enden möchte.

Fazit: „Alma en vuelo“ („Seele im Flug“) – nee, det wüsst ick, nichmal „Alma mater“…

Anderntags also die Buchlesung in der einst Karl Marx gewidmeten Stadt. Was mir bereits am Freitag aufgefallen war: Mit Besuchern von außerhalb rechnet man wohl in der sächsischen Tangoszene eher nicht: Fehlende oder unrealistische Wegbeschreibungen bzw. Parkplatz-Hinweise machen die Anfahrt zu einem größeren Abenteuer als die Interpretation eines Piazzolla-Stücks.

Carsten Walther legt abwechslungsreich und fantasievoll auf sowie – was ich bemerkenswert fand – informiert die Gäste vor jeder Tanda über die folgenden Stücke. Und er tanzt hingebungsvoll mit den weiblichen Gästen – auch mit meiner Frau. Zum Dank hat er höchstens ein Viertel der Gästezahl der Leipziger Nullachtfuffzehn-Milonga. Lohnt sich also Sozialverhalten wirtschaftlich? Nö.

Was mich überraschte: Viele der Gäste in der „Rosenhof-Milonga“ hatten mein Buch längst, wollten aber wohl den Autor einmal persönlich kennenlernen. Die Lesung kam dementsprechend gut an – alle erreichte ich wohl nicht, aber viele. Und das ist die Quintessenz nach zirka 25 Buchlesungen: Jedes Mal haben wir das Empfinden, einige Tangomenschen zum Überlegen gebracht, sie zum gedanklichen Abenteuer verführt zu haben, den Tango einmal von einer ganz anderen Seite zu betrachten.

Freilich, und auch das wurde uns an diesem Abend klar: Manche kannst du, anders als die Gelehrten in Brechts „Leben des Galilei“, vielleicht sogar zum Blick durch das Teleskop auf die Jupitermonde bewegen. Dennoch bleibt es dabei: Tango geht nur auf die EdO-Musik, natürlich in der Ronda, zu Piazzolla und Gardel tanzt man nicht, Tangoreisen sind toll, in Buenos Aires muss man gewesen sein (vor allem, wenn man Tangobücher schreibt!), Kurse sind unverzichtbar – und die Erde ist eine Scheibe, um welche sich die Sonne dreht.

Aber wir Vertreter eines modernen, vielfältigen Tango sind ja liberal: Sollen sie halt die meiste Zeit rumsitzen und gescheit daherreden sowie vorwiegend mit ihrer Partnerin tanzen. Müdigkeit im Schritt ist ja keine Straftat. Allerdings billige ich mir die Freiheit zu, Solchiges ein wenig zu verblödeln…

Zwei Eindrücke waren die lange Reise wert: Diejenigen, welche am meisten von Achtsamkeit, Respekt und anderen Seelenwindungen im Tango schwobeln, haben in der Praxis die größten Schwierigkeiten damit. Und es gibt halt zwei Sorten von Menschen: Diejenigen, welche das Neue, Unbekannte, das Abenteuer und die Herausforderung suchen, haben zwar damals als Auswanderer am Rio de la Plata den Tango geschaffen – in der heutigen Population bilden sie eine Minderheit. Die Mehrheit schirmt sich vehement gegen solcherlei Gefährliches ab: Musik und Tanzpartner sind nur gut, wenn dabei keinerlei Überraschungen zu befürchten sind.

Ich hatte in Chemnitz (außer meiner Frau) zwei Tanzpartnerinnen, die mir die Hoffnung gaben, dass der Tango, wie ich ihn kenne und liebe, eine Zukunft hat. Schon deshalb waren die 800 Kilometer Fahrt zwar nicht umsonst, aber auch nicht vergeblich. Lasst euch nicht entmutigen – ein solcher Tango schenkt euch Erlebnisse, die vielen in der Szene versagt bleiben!

Dies wünsche ich auch unserem sehr netten Gastgeber Carsten Walther – wir sind als Freunde gekommen und auch gegangen! Leider hab ich mich in all der Hektik nicht getraut, ihn um ein Schlusslied zu bitten, welches mir angesichts unserer Reise geeignet erschien. Aber vielleicht kann er’s ja noch nachholen!


Die drei Travellers:

Fred Oldörp (Bandoneon, Gesang)

Eddie Rothé (Gitarre, Gesang)
Mischa Andrejew (Kontrabass, Gesang)

Kommentare

  1. Als ich in Deiner Buchlesungs-Ankündigung vom 18.8.17 "Alma en Vuelo" las, war mein erster Gedanke: Gerhard traut sich was! ... gefolgt von: Ob das wohl gut geht?! Ging es nicht.

    Ich kenne den erwähnten DJ. Persönlich ein lieber kommunikativer Zeitgenosse, aber halt Hardcore-Traditionalist. Und ich glaube auch, Karin hätte keine große Freude an einer Tanda mit ihm gehabt.

    Meine bisherige sporadische Erfahrung mit dem Ossi-Tangovolk deckt sich ziemlich mit Deiner Beschreibung. Die dortige tanzschul-mäßige Sozialisation hat wohl ihren Teil beigetragen.

    Meine Praktika mit dem höchsten Negativ-Erinnerungswert gaben Angela Sallat/Andreas Küttner. Sie stellten Stühle in die Mitte der Tanzfläche und zwangen die Praktika-Teilnehmer in eine Ronda. Ziel war es, für ein 3 Minuten Stück mehr als eine Umrundung zu schaffen. Überholen war natürlich streng verboten. Würg!

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  2. Ehrlich gesagt habe ich auch nichts anderes erwartet, war aber neugierig auf das Maß der inzwischen stattgefundenen Veränderung - und habe auf interessanten Stoff für einen Blogartikel gehofft. Hat ja auch geklappt.

    Dabei stellten sich die handelnden Personen vor etlichen Jahren noch ziemlich anders dar. Der DJ legte damals bei der Lesungs-Milonga sogar Piazzolla auf. Und die Chefin der geflügelten Milonga tat ganz begeistert. Man passt sich im Osten ziemlich rasch einem Trend an. Tango-Blockflöten-Effekt?

    Und – siehe Chemnitz – es gibt schon noch Enklaven eines modernen, vielgestaltigen Tango. Die muss man unterstützen, was ich ebenfalls versucht habe.

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  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    1. Kultur nur nach ihrem Publikumserfolg zu beurteilen ist sehr fragwürdig – wie eben beim „Musikantenstadel“.

      Die Anpasserei an gängige Verhaltens- und Musikvorschriften beim Tango lässt sich nach meiner Meinung durchaus mit gewissen politischen Phänomenen vergleichen.

      Ansonsten bitte ich um Beachtung der Kommentarregeln: „Unverschämtheit“ ist eine persönliche Herabsetzung, welche dir nicht zusteht. Weitere Beiträge dieser Art würde ich löschen.

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    2. Schade, nun hat Herr Rogalla seinen Kommentar entfernt. Er nahm darin Anstoß an meiner Formulierung „Tango-Blockflöten-Effekt?“, welche er als „Unverschämtheit“ wertete, die mir nicht „zustehe“.
      Ich liebe Menschen, die zu ihrer Meinung stehen…

      Apropos:
      Falls jemand mit „Blockflöten“ nichts mehr anzufangen weiß: So nannte man scherzhaft die Mitglieder der früheren DDR-Parteien CDU, LDPD, DBD und NDPD. Diese „Blockparteien“ waren nicht eigenständig, sondern mit der SED zur „Nationalen Front“ zusammengefasst.

      Wer in einer solche Partei war, konnte sich damit beruhigen, kein Kommunist zu sein – von der SED abweichende politische Überzeugungen auszuleben war dennoch nicht möglich.

      Ich habe es an vielen Beispielen erlebt, wie Tango-Funktionäre – nach ihren „wilderen“ Jahren – dem Trend zum „traditionellen Tango“ nachgaben. Den Eindruck des Opportunismus bekämpfen etliche DJs durch eine „Alibi-Tanda“ mit moderner Tangomusik pro Abend. Daher erschien mir der inkriminierte Begriff (mit einem Fragezeichen versehen) nicht unangemessen.

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  4. Tja, da isser mal in Sachsen und gleich gibt's wieder was zu meckern ;). Den DJ der Leipziger Veranstaltung kenne ich noch aus seinen Dresdner Zeiten. Wie Harri Bold schrieb eigentlich ein recht sympatischer Kerl, aber leider Tradi bis zur Verbohrtheit. Da ist die Neo-Tanda nur lästige Pflicht (O-Ton: "Püppi Tango") und das merkt man dann auch an der Musikauswahl. Die immer gleichen drei totgespielter E-Tangos, die jeder DJ, der sich ernsthaft mit zeitgenössischer Tangomusik beschäftigt nur noch unter Strahlenschutz anfasst.

    Aber eigentlich wollte ich ja über Dresden schreiben. Den Kommentar im Text kann ich nicht unerwidert lassen. Ja, man kann es durchaus schwer haben in der Landeshauptstadt. Das Programm der meisten regelmäßigen Milongas ist leider ein düsterer Dschungel von traditional-total bis zu schlechtem DJing (Entschuldigung, ich meinte TJing, *räusper*). Und wer eine Neo-Milonga sucht, kann gleich zuhause bleiben. Das wär zwar auch nicht so mein Ding aber der musikalischen Vielfalt im kleinen Dresdner Tangoversum würde es vielleicht gut tun.

    Ich möchte hier aber die monatlich stattfindende Milonga im Riesa efau gern empfehlen. Da tanzt man zu Live-Musik von Tango Amoratado und der DJ legt in den Pausen eine gesunde Mischung auf aus Tradi, zeitgenössischen Interpretationen klassischer Tangos und auch mal ganz Untraditionelles. Zum Glück aber kaum Elektropop. Und das Ganze auch noch ohne Eintritt auf Spendenbasis.
    http://www.bailamos-dresden.de/bailamos/milongas/2015-staendig.php?navid=1

    Weiterhin gibt es noch eine kleine von vorwiegend jüngeren Protagonisten getragene "wilde" Szene rund um den Dunstkreis des Tango Uni-Sportkurses. Die Veranstaltungen sind aber sporadisch und für Angereiste schwer zugänglich, da eher über Buschfunk kommuniziert.

    Es ist eben nicht alles ultimativ konservativ und langweilig in DD.

    Michael Hantke

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    1. Lieber Michael Hantke,

      herzlichen Dank für den Tipp – ist ja schön, dass der vielgestaltige Tango auch in Dresden zumindest nicht völlig ausgestorben ist. Beim Namen „Kröniger“ wird mir allerdings etwas schwummrig, aber meine Befürchtungen sind wahrscheinlich unnötig.

      Nein, keine Frage, der betreffende DJ ist sicherlich sympathisch – da will ich ihm persönlich nicht zu nahe treten. Den Begriff „Püppi Tango“ hätte ich aber in seinem Zusammenhang anders eingeordnet!
      Die so genannten „TJs“ haben meist von moderner Tangomusik wenig Ahnung. In der „Alibi-Runde“ wird dann abgenudeltes Zeug aufgelegt. Gefühltes Fazit: EdO ist doch besser…

      Nochmals vielen Dank und schöne Grüße
      Gerhard Riedl

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    1. Den obigen Kommentar habe ich gelöscht, da der Schreiber zwar starke Worte gebraucht, bei der persönlichen Identifizierung jedoch völlig mutlos ist.

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    1. Zwei Kommentare, offenbar vom nämlichen Verfasser und gleicher Qualität, habe ich gelöscht.

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