Nicht nur zur Tangozeit



„Und als die Lampen gelöscht, die Kerzen angezündet waren, als die Zwerge anfingen zu hämmern, der Engel ‚Frieden’ flüsterte, ‚Frieden’, fühlte ich mich lebhaft zurückversetzt in eine Zeit, von der ich angenommen hatte, sie sei vorbei“.
(Heinrich Böll: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“)

Zunehmend beunruhigend empfinde ich es seit Längerem, dass ich auf den üblichen Milongas immer öfter auf die Uhr schaue: Ingesamt und sogar beim Absolvieren einer Tangorunde: Oh, ist es erst so früh, darf ich noch nicht weggehen, muss ich einen vierten Tanz überstehen oder reichen drei?

Neulich, bei der Heimfahrt von einer solchen Veranstaltung (bei der ich einst selig die wunderbare Stimmung nachgeschmeckt hätte), war mir plötzlich die Parallele zu frühen Kindheitstraumata klar: Schon damals war es für mich ein Albtraum, bei diversen Verwandtentreffen stundenlang am Kaffeetisch sitzen zu müssen – schutzlos dem „Triple D-Gekicher“ (dick, diabetisch, doof) von Tantchen im geblümten Sommerkleid ausgesetzt, inklusive der stundenlang Blech labernden spießigen Onkels. „Gehen wir bald heim?“, fragte ich dann immer öfter und wurde irgendwann von meinen Eltern in strengem Ton belehrt, ich „verdürbe ihnen die ganze Stimmung“. Ja, welche Stimmung denn?

Jetzt, fast sechzig Jahre später, das Déjà-vu: eine ganz ähnliche Atmosphäre, der gleiche Menschenschlag, Tangostücke, auf die ich hunderte Male getanzt habe (und die mich schon beim ersten Versuch nicht begeisterten), auf dem Parkett rheumatische Gymnastik in Zeitlupe, auf Seiten des DJ konsequentes Ignorieren von fünfzig Jahren musikalischer Entwicklung, Rückzug in eine Scheinwelt. Die Faszination des Tango, Nostalgie, Leidenschaft, Trauer, Zorn, Fröhlichkeit – alles reduziert auf blutleeres bürgerliches Mittelmaß. Die Ironie des Schicksals: Dank Volljährigkeit bräuchte ich keine Erlaubnis mehr, heimzugehen – worauf warte ich noch? Dass der Tango aus meiner Anfängerzeit zurückkehrt? Dazu müsste man neunzig Prozent des Personals austauschen – reine Utopie!

Längst schon wurde die Herrschaft über die deutsche Milongawirklichkeit von den Menschen mit der Wohnzimmereinrichtung in Eiche rustikal und dem röhrenden Hirsch an der Wand übernommen. Deren Kreativität hält sich in engsten Grenzen, typisch ist eine „Wagenburgmentalität“ mit Angst vor jeglicher Veränderung. Bloß keine Unruhe oder gar Neuerungen – das endet bestimmt im Chaos…

Wie stets verrät allein die Sprache schon fast alles. Auf meinem verehrten „Mitbewerber-Blog“ erschien gerade wieder eine Gesetzes- und Vorschriftensammlung zum Thema Anordnung der Tandas in einer „klassischen Milonga“ (schon die Vereinnahmung des hochtrabenden Adjektivs spricht Bände). Eine kleine Zitatensammlung aus der Welt der Menschen mit Hosenträger plus Gürtel, die sich beim Nasenbohren anschnallen (aus einem einzigen Blogbeitrag!):

„bestimmte Regeln“
„gewisse Formalitäten (…) verinnerlichen“
„die zu vergebenden Tanda-Plätze“
„keine Experimente“ (siehe Adenauer in den Fünfzigern)
„weder Raum für Experimente, noch Platz für die Pflege persönlicher Präferenzen“
„mit guter, einfach strukturierter Musik“
„in wohldosiertem Maße“
„pro Milonga nur ein oder zwei Experimente mit ‚nicht-üblicher’ Musik verträglich“
„Schema TVTTMT“, „große Zyklen“
„mich persönlich irritieren solche Tandas als Tänzer“
„bei dem ‚richtigen’ Mischungsverhältnis“
„zu komplex und somit anstrengend“
„auch beim Tango bin ich vorsichtig geworden“
„vorsichtig dosiert“
„die große Gefahr, dass Tänzer ihre 7-Meilen-Stiefel auspacken und mit riesigen Schritten über die Tanzfläche jagen“
„ich bin vorsichtig, ihn zu früh am Abend zu spielen“
„etwas vorsichtig sollte man beim Spielen der späten Tangos (…) sein“
„kann zu Kollisionen auf der Tanzfläche führen“
„ganz selten wage ich es…“
„kann möglicherweise Tänzerinnen und Tänzer (…) überfordern
„rate ich instinktiv zu größerer Vorsicht“
„sehr sparsam dosieren“
„besteht (…) die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass man (…) den Abend irreparabel zerstört“
„einen vorsichtigen Versuch wagen“
„so verbietet sich für mich beispielsweise…“
„die strenge Sortierung der Tandas“
„fundamentale ‚Fehler’ machen und diese sich später dramatisch auswirken“
 „eine zu energische Eröffnung“
„eine extreme Unruhe in der Ronda“
„haben sich Konventionen durchgesetzt“
„milongataugliche Titel“
„25 goldene Regeln“
„Durcharbeiten dieser Regeln“
„als quasi Pflichtlektüre“
„ich finde die gesungenen Tangos von Carlos Gardel beinahe untanzbar“
„bin ich vorsichtig geworden, die Tanzfläche zu betreten“
„das wird mir zu stressig“
„auf die Gefahr hin, dass ich jetzt die Spaßbremse gebe“ (aber nicht doch…)
„sichere Kandidaten“
„nicht zu energisch in den Abend einzusteigen“
„fast immer ein handwerklicher Fehler“
„die Tanzfläche wird zu unruhig“
„dass zu sorglos gewählte persönliche Präferenzen bzw. mutige Experimente (…) zu fatalen Folgen führen“
„bei der Wahl dramatischer Musik sehr vorsichtig geworden“
„verhindere ich Kollisionen“
„die (vielleicht gut gemeinten) Überraschungen können sich ziemlich schnell in böse Überraschungen für Tanguer@s verwandeln“

Fazit: „Allerdings sollte m.E. genau darauf geachtet werden, Tänzerinnen und Tänzer nicht mit anspruchsvoller oder unbekannter Musik zu überfordern.“

Quelle: http://tangoplauderei.blogspot.de/2014/08/reihenfolge-oder-anordnung-der-Tandas-in-der-Milonga.html

Also: Man kann beim Auflegen (wie beim Tango generell) vor allem viel falsch machen. Gut, dass wir Experten haben, welche uns sicher durchs Labyrinth der Regularien führen. 

Anekdote: Neulich forderte ich bei einer Milonga mit anspruchsloser und bekannter Musik eine Tanguera auf. Unser Tanzbeginn verzögerte sich etwas, so dass wir nur noch das letzte Drittel des Stückes hinbekamen. Darauf sie: „Schade, schon vorbei!“ Meine Antwort: „Macht nichts, die spielen es gleich nochmal.“

Daher finde ich den oben zitierten Blogbeitrag viel zu freigeistig: Am besten als Tanda dreimal denselben Titel hintereinander – oder gleich als einzige Beschallung des Abends, wir sollten doch konsequent bleiben!

Womit wir wieder bei Heinrich Böll wären:
Inzwischen ist es mir gelungen, dass die Kinder durch Wachspuppen ersetzt werden. Die Anschaffung war kostspielig (…), aber es war nicht länger zu verantworten, die Kinder täglich mit Marzipan zu füttern und sie Lieder singen zu lassen, die ihnen auf die Dauer psychisch schaden können.“

Die Gäste in Madame Tussaud-Manier zu ersetzen: Wäre dies nicht auch eine gute Idee für traditionelle Milongas? Oder – o Schreck – ist es vielleicht längst geschehen und ich hab’s noch nicht gemerkt?

Falls jemand dazu Bilder benötigt:

Kommentare

  1. Lieber Gerhard Riedel,
    da hast Du es mal wieder richtig schön auf den Punkt gebracht.
    Auch ich erwische mich immer häufiger dabei, wie ich meiner Lieblingstanguera und Ehefrau anbiete, den Rest des Abends mit einem leckeren Malbec auf unserer lauschigen Terrasse zu verbringen.
    Das liegt zum Einen am leider am oft grottenschlechtem Dj-ing, oder, noch schlimmer, dem Notebook in der Ecke mit der 1000 mal heruntergenudelten Playlist....brrr.
    Auch diese "Nontangos", die wahllos eingestreut werden vermiesen mir die als "Tango"abend angesetzte Milonga ganz erheblich.
    Mir tun dann auch immer die Damen leid, wenn ich nach einem schön vertanzten Klassiker meinen Bewegungsdrang bei dem darauffolgendem Free-Jazz nur noch dazu benutze, um sie zu Ihrem Platz zurückzugeleiten.
    Ich sag mir dann immer: ...es gibt so viele schöne Tangos, warum werden die nicht erstmal gespielt?
    Nun ja, ich oute mich hier gerne als Anhänger des klassischen Tangos, verschließe mich aber sicher nicht den moderneren, bzw. neuzeitlichen Tangos, E-Tango ist nicht so mein Ding, höre sie zwar manchmal ganz gerne, aber zum Tanzen brauche ich sie nicht so. Nontango hat m.E. auf einer "Tango"-Milonga nichts zu suchen.
    Auch ich lese im Paralleluniversum des "Mittbewerberblogs" schon recht lange mit, habe es aber schon vor längerer Zeit aufgegeben, meinen Senf dazuzugeben. Es soll wohl an meiner ostwestfälischen Herkunft liegen, wenn ich trotz eines einigermaßen ordentlichen IQ`s kein Gefallen an der Sprache und Ausdrucksweise dort finde.
    Und natürlich muß es dort eine "Bedienungsanleitung" für DJ´s geben...Wenn nicht dort, wo sonnst?
    Mein Gott, als DJ merke ich doch, was auf der Piste gefordert wird, welche Tänzerinnen sich dort tummeln, da kann es auch mal angebracht sein schon zu relativ früher Stunde eine Biagi-Tanda oder einen knackigen Pugliese einzuwerfen. Oder die jungen Orchester wie Misteriosa Buenos Aires, etc., warum soll / darf ich die nicht auflegen? Selbst bei meinem DJ-ing in Buenos Aires war man darüber eher erfreut als empört...so gestrig sind die da gar nicht, nur Tango sollte es sein, und bitte nicht elektronisch.
    Ich kann mich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, diese Analytiker und Tango - Theoretiker kommen vor lauter, wie sagt mann bei Euch im Süden der Republik, "siebengescheitem" Sinnieren und Geschreibe gar nicht mehr auf die Tanzfläche.
    Wie gesagt, ich komme aus der Tradi-Ecke, lege gerne "traditionell" ( ..was heißt das eigentlich?) auf in Tandas und mit Cortinas, aber deswegen braucht es doch nicht langweilig zu sein. Es gibt sooo viele schöne Tangos die da zu Tausenden auf den Festplatten schlummern. Einfach mal rauslassen.
    Herzliche Grüße,
    Christian

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    1. Lieber Christian Rothschild,

      vielen Dank für Deinen Beitrag!
      Für mich geht es gar nicht um die Alternative "traditionell - modern", ich kann mit beidem sehr gut leben, wenn mir Musik geboten wird, die mich tänzerisch fordert und inspiriert.
      Der eigentliche Gegensatz besteht für mich eher zwischen fantasielos und kreativ bzw. ideologisch und pragmatisch.
      Zum Auflegen braucht man Instinkt und Einfühlungsvermögen und nicht starre Playlists, die man gar noch nach den Gesetzlein des Herrn C. respektive seines geistigen Untervermieters aus der Schweiz zusammenstellt.
      Die größte Sünde ist die Langeweile: Wenn man mir jeden Abend ausschließlich Piazzolla oder Sexteto Milonguero vorsetzen würde, wäre ich der Erste, der nach Biagi oder Tanturi riefe. So aber...
      Ich glaube auch nicht, dass die Tango-Ideologen viel auf dem Parkett unterwegs sind - daher bemühen sie sich am Computer, bei anderen das zu verhindern, was sie selber nicht können.
      Herliche Tangogrüße
      Gerhard Riedl

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    2. Gestern las ich auf einem anderen Forum die (deutlich österreichisch) geprägte Frage: "Was ist der Unterschied zwischen einem Gulasch und einem Tango?" "Ein Gulasch wird mit jedem Aufwärmen besser." Ich füge noch hinzu: Das Steppen-Ragout ist irgendwann aufgegessen!

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  2. Hallo Gerhard. Kann jedes Wort und jeden Ansatz zur Ironie sehr genau nachvollziehen und mit traurigsten realistischen tatsächlich geschehenen Ereignissen belegen.

    Wo spielen sie vielfältigere Musik? Sag mir bitte ein paar Termine? oder gibt es sie bereits nicht mehr? Um aus Deiner und meiner Profession zu sprechen: sind solche Milongas ausgestorben, ein Opfer des ungeheuren Evolutionsvorteils der Edo-Fans in einer Spießer-Gesellschaft geworden?? In Oberösterreich fast ganz, außer ich leg mir in unserem privaten Tanzstudio was auf.

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    1. Lieber Peter,
      glücklicherweise gibt es in unserer Gegend noch etliche Milongas mit vielfältiger Musik - einige davon habe ich im Blog beschrieben ("Milonga-Charts", Alfredo, Peter Ripota in Freising), heute Abend sogar in München (Petit Palais).
      Wir besuchen diese auch meist, denn letztlich regelt sich halt alles über Angebot und Nachfrage.
      Und ich rede darüber - auf Facebook und in meinem Blog.
      Vielleicht sehen wir uns ja wieder einmal auf einer solchen Veranstaltung?
      Liebe Grüße, Gerhard

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    2. ...und im Petit Palais war's sehr schön (und gut besucht). Herzlichen Dank an Jens Stuller und Peter Gander!
      Einziger Wermutstropfen: Ich kassierte nach fünf Jahren mal wieder einen Korb. Na ja, schöne Grüße an "Lauren Bacall"...

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