Maja Günther: Haltung zeigen



Lange ist es her, dass in unserem wöchentlichen Tangokalender die Münchner Milonga „El Corazón“ einen festen Platz einnahm. Maja Günther und Daniel Kopper hießen damals die Veranstalter – als Tangolehrer und Tanzpaar sehr gefragt.

Maja hat inzwischen andere Wege eingeschlagen: Basierend auf ihrem Soziologiestudium arbeitet die Autorin nun im Seminar- und Coachingbereich, wo sie sich vor allem mit Einflüssen von Lebensgeschichte, Einstellungen und Emotionen auf die Körperhaltung beschäftigt. Mit dem Untertitel „Wege zu mehr Souveränität und innerer Stärke“ hat sie nun das obige Buch herausgebracht.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten ist „Haltung“  heute ein überkommener Begriff: Formale Normen wie etwa beim Militär oder bei offiziellen Anlässen sind einer individualistischen Auffassung gewichen. Desto wichtiger ist es daher, sich über die Bedeutung der eigenen Haltung klar zu werden.

Eine wichtige Quelle der Einsichten Maja Günthers sind die Erfahrungen im Tangounterricht: Oft genug reichten tänzerische Mittel nicht aus, um Blockaden bei den Schülern zu überwinden, welche durch bisweilen lange zurückliegende, negative Prozesse entstanden. Erst wenn sich die innere Haltung verbessert, kann sich die äußere verändern – und, überraschend genug, auch umgekehrt: Positive Gedanken bewirken eine Veränderung des körperlichen Ausdrucks in diese Richtung. Ziel ist stets die Kongruenz zwischen innen und außen, mithin eine authentische Körpersprache.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ihr Buch enthält das, was auf dem Deckel steht. Man muss kein Tangotänzer sein, um Nutzen aus dem Werk zu ziehen – sollte man aber Tango lernen, sind die knapp 15 Euro für das Buch besser angelegt, als wenn  – zum mehrfachen Preis - einer der landläufigen „Kurse und Workshops“ gebucht wird und man am Ende zwar mit einer neuen „Tanzfigur“, aber denselben Haltungs- und Ausdrucksproblemen dasteht.

Wichtige Prinzipien des Tango lassen sich gut auf andere Bereiche übertragen: Improvisation, Rollenverständnis, Kontakt und Vertrauen. Wie gerade hier die Autorin immer wieder Querbezüge zwischen Tanz und restlichem Leben aufzeigt, gehört zu den besten Passagen des Buches. Und für einen „Aficionado“ ist genau dies das Faszinosum am Tanz vom Rio de la Plata!

Nachdrücklich plädiert Maja Günther für die Abkehr von den Begriffen „richtig“ und „falsch“ und bittet stattdessen, möglichst viele Graustufen zuzulassen und sich in die Lebenssituation des Gegenübers hineinzuversetzen. (Eine Wohltat, dies – nicht nur beim Tango – auch einmal von einem anderen Autor zu lesen…)

Im Zentrum des Buches stehen zwei große Abschnitte: die Analyse der eigenen Haltung samt diverser Faktoren und Bereiche, welche diese beeinflussen, sowie Ansätze und Ratschläge, sie zu verändern. Eingestreut sind immer wieder Anregungen („Impulse“) und praktische Übungen. Am überzeugendsten wirkt die Schreiberin immer dort, wo sie konkret wird und die Probleme beispielhaft aus ihrer  reichen Unterrichts- und Beratungspraxis darstellt. Etwas weniger farbig und manchmal auch weitschweifig geraten die allgemeinen Texte. Der Mensch lernt eben am Beispiel – zumal, wenn es spannend und humorvoll präsentiert wird!

„Ich bin so, wie ich bin“ ist für die Autorin kein zufriedenstellender Standpunkt: Mit großer Ehrlichkeit mahnt sie den Mut zu Veränderungen an. „Ich würde sogar sagen: Jeder muss sich verändern.“ Den Prozess hierzu beschreibt sie in vier Schritten:
·         Wahrnehmung der eigenen Haltung
·         Was wäre wenn? (Einsatz von Wunschvorstellungen)
·         Neues Verhalten ausprobieren
·         Neue Haltungen festigen
Die Angst vor dem Scheitern sollte man überwinden, indem man sich klar macht, dass der Versuch an sich schon einen Wert hat: „Genau betrachtet kann niemand von uns etwas wirklich perfekt. Es bleibt beim Ausprobieren. Also warum lernen wir nicht, das Ausprobieren selbst mehr zu schätzen?“ Irgendwann gerät man in den berühmten – nicht nur Tänzern bekannten – „Flow“, in dem die Dinge dann scheinbar von selber gelingen, ohne dass man noch die Einzelheiten beachten muss.

Allerdings ist das Werk ein "Arbeitsbuch", bei dem das einmalige Durchlesen keinesfalls reicht. Aber wenn man sich ernsthaft mit den Übungen und Reflexionen auseinandersetzt, sollte man den vorgestellten Zielen zumindest ein Stück näher kommen.

So endet die Autorin mit einem Resümee, das ich gerne unterschreibe: „In Balance zu sein ist das Ziel für das gesamte Leben. Nicht ausschnittweise, nicht zweimal im Jahr während des Urlaubs (…), sondern immer. Sie kennen durch die Arbeit mit diesem Buch Ihre Ressourcen. Mit ihrer Hilfe finden Sie zu innerer Stärke und Selbstbewusstsein – und bleiben auf Dauer gesund.“  

Leider übertrifft die Botschaft des Werkes deutlich dessen Aufmachung. „80 Prozent Haltung und zwanzig Prozent Inhalt“ – die optische Information wird also weit wichtiger genommen als die verbale: Diese Einsicht ist beim Verleger des Werkes nicht umfassend angekommen: Die verwendete Schrifttype ist sehr klein, und mit einem besseren Layout hätte man die Übersicht zwischen allgemeinem Text und Übungen erhöhen können. Nach meiner Überzeugung erfordert ein solches Thema Abbildungen, welche leider fast ganz fehlen. Aber das könnte man ja in einer Neuauflage beheben. Verdient hätte es das Buch!

Weitere Infos: http://www.maja-guenther.de/1.html

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