Samstag, 5. September 2015

Discount-Tango



Es konnte ja nicht ausbleiben: Nun wird das verkaufsfördernde Bio-Label auch auf den Tango geklebt!

Im Internet stieß ich auf ein Angebot, welches seine Rechtfertigung zunächst vom Veranstaltungsort ableitet: dem „Bio-Gärtnerhof Staudenmüllerim brandenburgischen Vietmannsdorf. Der Initiator und Lehrmeister, welcher sich wegen seiner Ausbildung als „TangoArchitekt“ bezeichnet, beschreibt diese Ökovariante des Tanzes vom La Plata wie folgt: Ein erdiger und unterhaltsamer Tango-Stil, leicht zu erlernen. Tanzen können schon nach einem Workshop. Keine Figuren oder Schrittfolgen. Für ein ‚Miteinander‘ auch jenseits der Ballsäle – straßen-, hof- und partytauglich…“ Zum Beleg postet er zwei Videos von solch unsterblicher Schönheit und Eleganz, dass sie der Tangowelt erhalten bleiben sollten:


Nun wäre ja eventuell der Anblick naturbelassener Füße und Beine, die im Rhythmus von „Zickezacke-Hühnerkacke“ über den staubigen Hof schlurfen, noch erträglich, ebenso wie die irgendwo zwischen Bioladen, Naturerlebnispädagogik und Campingplatz oszillierende Bekleidung der Tanzenden (hier ein hartes Wort) – und selbst der gelegentlich durch die Szene irrende, nackichte Nachwuchs der Tangoaspiranten ließe sich notfalls verkraften. Dem Fass die Krone ins Gesicht jedoch schlägt der agierende Tangolehrer in seiner einzigartigen Kombination aus schwarzem Filzhut, T-Shirt mit wampenumspannender Weste, Allzweck-Cargo-Shorts sowie – als Krönung – schwarzweißen original argentinischen Tangoschuhen ohne Socken. Wahrlich, das einzig Authentische an dieser Aufnahme ist das Holzstück in der Bildmitte!

Die andere Dokumentation des naturbelassenen Tango scheint eher die „Salonvariante“ abzubilden: Der hölzerne Stab liegt immer noch da (vielleicht hat er irgendeine magische Bedeutung?), aber die Akteure tragen Schuhe und etwas weniger netzhautverätzende Bekleidung – selbst der Chef hat sich nunmehr für lange Hosen entschieden – es erklingt klassische Tangomusik. Schrittemäßig fallen das trippelnde Caminar sowie die indianerartigen Verdoppelungen auf:


Wie lautet die Überschrift auf der Startseite so schön? BILDER SAGEN MEHR ALS WORTE...“ Na dann…

Ich will dem Initiator seine erklärtermaßen philanthropischen Ziele durchaus glauben. Er hat in etlichen Jahren mehrere Vereine gegründet, hier den "NomadenTANGO e.V.“. In dessen Satzung heißt es: „Der Verein strebt die Förderung seiner Tätigkeit durch die Kommune, die Länder und den Bund an“. (Nebenbei: Sind daher momentan diverse Inklusionsprojekte im Tango so angesagt?)

Obwohl ich nun wahrhaftig nicht unter einem verengten Tangobegriff leide: Was ich hier mitansehen muss, hat mit unserem Tanz so viel zu tun wie eine Maultrommel mit einer HiFi-Anlage. Muss man wirklich mit einer Tangoparodie übers Land ziehen, bei welcher man als Satiriker echt ratlos ist, wie man so etwas noch überspitzen kann?

Zudem schäumt unser Protagonist vor Projekten förmlich über: Da gibt es den löblichen Versuch, den Tango jungen Menschen nahezubringen – das entsprechende Video allerdings könnte eher die Überzeugung festigen, dass diese Betätigung schon eine gewisse Altersgrenze nach unten aufweist:


Na gut, Hauptsache, die Kids haben ihren (hier allerdings nicht direkt zu beobachtenden) Spaß und sind von der Straße. Außerdem liegt es halt – wie fast immer in diesem Metier – am Lehrer: Eindrucksvoll die schön eingeknickten Cruzados und Sätze wie: „95 Prozent aller Menschen in Buenos Aires oder in Argentinien (?) tanzen den Volkstango.“ Ach so…

Im schier unendlichen Angebot erwarten uns noch „Pilates/Ballett/Yoga“ sowie „Tango und Tantra“. Hierfür wird sogar der Ablauf eines Wochenendseminars geschildert, in dem es unter anderem heißt:

„Sonntag: 10-12 Uhr  Teil I. + II. 120 Min. Partnermassage
13-15 Uhr  – in Abendgarderobe
Teil I. 60 Min. Erotik und Ballstimmung
Teil II. 60 Min. Freies Tanzen“

Also, speziell "Erotik und Ballstimmung" am Sonntagmittag um eins (in Abendgarderobe!) hätte mich gereizt...

Auch Milongas recht besonderer Art werden veranstaltet:

Moderierte PrácticaMILONGA
19.00 Ankommen & Tanzen
20.00 Práctica-Kombination: Kleine Besonderheit zum Einstudieren für alle Level
Lokal-Wechselrunde: Zum besseren Kennenlernen tanzen wir ca. je 1 Min. mit allen Anwesenden des anderen Geschlechts. Das verbindet und schafft Vertrautheit.
21.00 TangoTalk & Käseplatte: Eine unterhaltsame bzw. bildende Geschichte zum Tango, ergänzt von einer kleinen Käsevariation an Obst vom Veranstalter (Gäste dürfen gern eine eigene Beigabe zum Buffet mitbringen)
Danach Damenwahl:  Damenwahl für den Rest des Abends ;-)
22.00 Der letzte Tango des Abends“

Zur Illustration eine Kostprobe dessen, was der Veranstalter unter „TangoTalk“ versteht: ein neunminütiger Monolog über Herren-Tangoschuhe (und somit hoffentlich klar von der Käseplatte zu unterscheiden):

Und schließlich – als hätten wir darauf gewartet: Auf Wunsch können wir bei ihm auch Tangolehrer werden, und zwar bevorzugt dann, wenn wir noch nix können: Die Ausbildung richtet sich vor allem an Männer mit wenig bzw. keinen Tango-Vorkenntnissen.“
Zu einem Stundenpreis von 15 Euro erhalten wir 12 „kostenpflichtige Module“ à 6 Stunden, insgesamt also eine Qualifikation für schlappe 900 Euro. Und noch ein Trost:
„Wir trainieren selbstverständlich nur unter Männern, (…)
-       weil Männer einander viel klarer reflektieren
-       weil wir so frei über Männlichkeit sinnieren können“

Bereits in seiner „Philosophie“ hat uns der Chef vons Janze über sich wissen lassen: Mit dem ‚Werkzeug‘ Tango verbreitet er interaktive Kultur auf hohem Niveau. Ein weiterer Schwerpunkt seines Wirkens ist die Förderung von Männlichkeit in unserer deutschen Nachkriegsgeschichte  – die Entwicklung eines Selbstbildes von führungsfähigem, Verantwortung tragendem, zugewandtem und kultiviertem Mann, dem Fels in der Brandung, dem sich Weiblichkeit anvertrauen kann…“

Zur abschließenden Beruhigung: „Ein hervorragender Lehrer muss keineswegs bereits ein exzellenter Tänzer sein das kann dann ja noch werden.“

O Mann, da schreibt man seit Jahren Tangosatiren und dann kommt ein Amateur und… doch genug des Neides!

Im Ernst: Muss man denn aus Marketinggründen nun wirklich auf jeden Käse das Etikett „Tango“ pappen – nur weil es momentan im Trend ist? Was kommt noch? Tango-Tomaten, Tango-Müsli – alles Bio, oder was? Und der ganze Krempel (außer Tiernahrung) muss zu Schleuderpreisen raus aus dem Tango-Discount! Nach Tucholsky wahrlich eine begnadete Kombination von „Beethoven, Erotik und Stachelbeerkompott“!

Vielleicht sollten wir uns kurz vor dem Absaufen im Rio de la Platitüda doch noch die Erkenntnisse der Stiftung Warentest ins Gedächtnis rufen:

„Die Stiftung Warentest hat acht Jahre lang verschiedene Lebensmittel getestet - jeweils in der Bio-Variante und in der herkömmlichen Version. Das Resultat ist für die Öko-Branche fatal: Weder seien Bio-Lebensmittel gesünder noch würden sie besser schmecken, urteilten die Tester. Auch sonst gebe es im Durchschnitt keine qualitativen Unterschiede, berichtete die Stiftung.“
(Quelle: Süddeutsche Zeitung, 27.5.10)

Weitere Infos: http://www.dertangoarchitekt.de

Kommentare:

  1. Ich bin sprachlos. Herzlich Peter Baumgartner

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Peter,
      für mich war der schrecklichste Satz auf dieser Website: "Tanzen können schon nach einem Workshop". Aber damit werben ja einige...
      Herzlichst
      Gerhard

      Löschen
  2. Unglaublich! Ich hab ja schon von vielen Tangoarten und -abarten gehört, aber einem Kuhfladentango bin ich vorher noch nie begegnet. Wirklich erstaunlich, der Mut dieser Menschen: Nach einer halben Stunde vor- und rückwärtswippen wagen sie es, die Beine auch seitwärts auszulagern. Wie gefährlich! Welch Mut! Der Kleine mit dem Fahrrad könnte ja durch die ausgestellten Beine rasen und die ganze Truppe gefährden. Und die Reaktion der Kühe oder gar Stiere auf die (für ihre Ohren) grässliche Musik, wo doch jeder gebildete Mensch weiß, dass Kühe Mozart bevorzugen und nicht primitive Tanzmusik. Ich hoffe, der Papst segnet bei seinem nächsten Aufenthalt diese Form der Geburtenregelung, obwohl bei diesen hochkochenden Leidenschaften … man weiß ja nie.
    Danke für die Aufdeckung dieser bemerkenswerten menschlichen Aktivität!

    AntwortenLöschen
  3. Na gut, beim Tango sind lockere Schrauben in variabler Anzahl nicht ungewöhnlich - aber was ich wirklich irre finde: Die finden heute alle (zahlendes) Publikum!
    Außer man bietet hohe Qualität - dann kann's eng werden...

    AntwortenLöschen

Aus Ihrem Beitrag muss Ihr wahrer Name hervorgehen. Wenn Sie sich unter "anonym" einloggen, müssen Sie diesen im Text des Kommentars nennen. Unterlassen Sie bitte beleidigende und herabsetzende persönliche Angriffe! Nur Anmerkungen, welche diese Voraussetzungen erfüllen, werden veröffentlicht.
Falls Sie mir stattdessen lieber eine E-Mail schreiben wollen: mamuta-kg@web.de